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Polarisierung als Bedürfnis

Er sang einzigartig die modernste Poesie: Zum Tod von Gabi Delgado

  • Von Jürgen Teipel
  • Lesedauer: 7 Min.

Dies ist offenbar kein Nachruf. Denn Nachrufe sehen anders aus. Unpersönlich. Heruntergeleierte Fakten, aus denen man sich den Menschen und sein Leben bauen soll.

Oder sollte es in Nachrufen vielleicht gar nicht um den Menschen und den Tod gehen (der durch unser unbewusstes Wegleugnen unseren Alltag ja sehr viel mehr bestimmt als uns lieb ist), sondern einfach um das Bedürfnis, wieder mal ein Scheibchen Wirklichkeit mehr einzuordnen und damit abzuhaken?

Also, äh, ich glaube nicht. Schon allein, weil ich noch niemanden getroffen habe, der durch die Einordnung sogenannter Fakten zu wirklichem Verständnis gekommen wäre. Wissenschaftler vielleicht mal ausgenommen.

Aber wir sind hier bei Musik. Gabi Delgado ist gestorben, der Sänger einer der großartigsten Bands, die die Musik Ende der 70er/Anfang der 80er hervorgebracht hat. Großartig, weil in einem Maße überraschend, wie man das im Internet-Zeitalter zwangsläufig nicht mehr kennen kann. Und das nicht nur ein einziges Mal, sondern in den Anfangsjahren gleich drei, vier Mal hintereinander.

Das Erste, was ich von DAF mitbekam, war Sound. Noch kein neuer Sound. Er war bis ins Detail (hier möchte ich nicht ins Detail gehen) von einer englischen Band abgekupfert: Gang of Four. Das Neue war, dass es so etwas plötzlich in Deutschland gab. Genauer gesagt, in einem Westdeutschland, das kulturell mindestens seit Hippiezeiten nur nach England/USA schielte, wo angeblich alles besser war. Die wenigen deutschen Neuerer waren entweder unbekannt (Bands wie Neu!) oder leider etwas unsexy und auf vielerlei Ebenen doch wieder plump abgekupfert (wie Udo Lindenberg).

Die nächste DAF-Aktion war schon allein deswegen ein Statement, weil sie aus einem Album beim renomierten englischen Label Mute bestand (damals hatte kaum eine neue deutsche Band schon ein Album veröffentlicht), vor allem aber war sie ein Statement in puncto gesanglicher und textlicher Eigenartigkeit/Eigenständigkeit/genialer Zusammengeklaut᠆heit (Gabi Delgado), brachialstem, wuchtigstem Schlagzeug (Robert Görl), den schrägsten Gitarrenakkorden, die ich bis dato gehört hatte (Wolfgang Spelmans) und dem ständig am Anschlag arbeitenden Synthesizer von Chrislo Haas.

Dann gleich: Nächster Schlag. Das Stück »Ich und die Wirklichkeit« auf einem englischen Sampler. Als kleiner Deutscher hörte man sich das damals stolzgeschwellt an. Besonders faszinierend: Gabis Anleihe beim damals noch völlig obskuren Dub-Reggae, mit der er aus dem brüderlich-schwesterlichen »I and I« etwas Geheimnisvolles, Egozentrisches, fast Schizophrenes machte: »Ich und ich«; und dann das immer leiser werdende Outro: »Die Wirklichkeit kommt ... durch die Küchentür ... durch das Wohnzimmerfenster ...« Das war modernste, nie gehörte Poesie.

Und schließlich 1981, das erste Virgin-Album - ich habe vergessen, wie es hieß. Neu. Neuer geht’s nicht. Komplett neuer Sound. Neuer Ansatz. Nie gehört. Unglaublich brachial. Eine Transformation von Gary-Glitter-Rock in die Möglichkeiten maschinenhafter Sequencer-Abläufe. Plus eine von den Nazis geliehene Power, eine Attitüde, mit der man Heerscharen von damals oberlangweiligen Grünen, Atombewegten, wie auch immer, zur Weißglut treiben konnte, weil sie’s einfach nicht verstanden, wie man etwas so Verwerfliches umdeuten, einfach so benutzen konnte. Und das - live - dargebracht von zwei Männekens und einer auswechselbaren (so ähnlich wurde das von Robert und Gabi auch formuliert) Cassetten-Einschieberin. Der Rest der Band war inzwischen rausgeschmissen/rausgeekelt.

Schnitt: Fast 20 Jahre später. Café Morgenland in Kreuzberg. Ich treffe Gabi Delgado für mein Buch »Verschwende Deine Jugend« (das ich damals noch »Ich und die Wirklichkeit« nennen wollte; mein Verlag war allerdings für »Verschwende ...«, ebenfalls Titel eines DAF-Stücks, das mir aber nie gefallen hatte). Ein paar Wochen vorher hatte ich schon Robert Görl getroffen. Viele Stunden mit ihm geredet - und war überglücklich nach Hause gegangen. Netter Typ. Superumgänglich. Tief, empfindsam, inspirierend. Dann Gabi: Unfreundlich, überheblich, zynisch.

Was er erzählte, war auf der einen Seite das, was sich jeder Interviewer wünscht - unglaublich bunte, üppige, spannende Geschichten - und auf der anderen Seite hatte es eine verstörende Gnadenlosigkeit, Unverbundenheit, Egozentrizität. Wie er über andere sprach! Wie er sie zu benutzen schien! Wie er auch einen meiner wundesten Punkte sofort raus hatte: Mein Hadern mit Männlichkeit. Mein Verzweifeln an den typischen Männlichkeitsbildern. Prompt ließ er den ganz großen Harten raushängen. Ich wusste im Grunde jahrelang nicht, ob ich ihn in die ganzen Aufschneidereien und Gemeinheiten, die er in »Verschwende« von sich gibt, durch meine Problematik überhaupt erst reingetrieben hatte.

Zum Beispiel meinte er, dass man als Mann auch mal einem anderen in die Eier treten können müsse. Klarer Seitenhieb in meine Richtung (so ungefähr: »Du armes Würstchen!«), aber eingebaut in eine Beschreibung seiner eigenen Jugend als Gastarbeiterkind in Wuppertal.

Irgendwann hatte er mich so weit, dass ich den größten Fehler meiner ganzen Karriere als Interviewer machte (und die ist inzwischen fast 35 Jahre lang): Als ich die B-Seite der Interview-Cassette aufgenommen hatte, drehte ich die Cassette um, schob sie in den Recorder - und löschte damit die zuvor aufgenommene A-Seite! Mir wird heute noch ganz anders, wenn ich daran denke.

Als er mich dann auch noch mit der Rechnung sitzen ließ, war die Sache für mich klar: Arschloch. Und so wurde mir das auch von einem guten Teil der Protagonisten der deutschen Punk- und New-Wave-Zeit gespiegelt. - Von einigen kam aber auch das glatte Gegenteil! Gabi polarisierte. Zum Teil natürlich absichtlich. Es war ihm ein Bedürfnis. Aber zumindest mir war nie klar, wie tief dieses Bedürfnis ging. Wie viel er davon nicht steuern konnte.

Ich sag’s gleich: Er hat mir in den kommenden Jahren noch manches Kopfzerbrechen gemacht, noch manches Steinchen geschickt in den Weg gelegt, aber er war kein Arschloch. Er war auf der Suche. Auf jeden Fall nach Geltung, nach der Bedeutung, die er einst hatte. Aber vieles war auch hier wieder berechnete Außenwirkung. Er hatte damals, zu »Verschwende«-Zeiten, ein Helferlein, ein Faktotum. Jedenfalls stellte er es mir gegenüber so dar. Inzwischen ist aus diesem Helferlein ein bekannter Schauspieler geworden: Wotan Wilke Möhring. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass die beiden wirklich so miteinander umgingen.

Es gab also auf jeden Fall etwas, was ich damals nicht gesehen hatte (was ich nicht sehen konnte oder wollte, weil Gabi bei mir alle Knöpfe drückte): Zwischen all den Schroffheiten blinzelte und blinkte immer wieder der Mensch durch (ein ganz schön charismatischer Mensch noch dazu).

Sonst hätte es der gute Robert Görl niemals so lange - offenbar bis zum Schluss - mit ihm ausgehalten. »Der Räuber und der Prinz« - so heißt ein Lied von ihnen und so hatten sie sich auch seit Ende 1980 oft nach außen dargestellt. Aber abgesehen davon, dass mir nie klar war, wer nun der Räuber ist und wer der Prinz: So einfach ist es nicht. Der Räuber ist nichts ohne den Prinzen. Und umgekehrt. Wenn ich den Räuber ablehne, bin ich genauso auf dem Holzweg, wie bei der Überhöhung des Prinzen. Denn beide gehören zum Spiel.

Deswegen hoffe ich, dass Gabi in den letzten Jahren ein wenig von diesem Trip runtergekommen ist. Von dieser Selbstinszenierung. Aus verlässlicher Quelle weiß ich, dass er immer mal wieder in psychosomatischen Kliniken war. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er dort vor allem etwas über die eigene Güte gelernt hat. Über seine Verbundenheit mit der Welt. Denn darüber schien er im Zweifel zu sein. Sonst hätte er diese ganze Selbstinszenierung nicht gebraucht.

Jürgen Teipel ist Schriftsteller. 2001 veröffentlichte er bei Suhrkamp »Verschwende deine Jugend«. Ein »Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave« (Untertitel) und Standardwerk. www.jteipel.com

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