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Baggern für den Badespaß

Munitionssucher beseitigen im Wandlitzsee gefährliche Altlasten - Strandbad soll ab Mai wieder sicher sein

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.
Schwimmbaggereinsatz in Wandlitz
Schwimmbaggereinsatz in Wandlitz

Mit Blick auf die nahende Saison läuft in Wandlitz (Barnim) auf dem Gelände des Strandbades Wandlitzsee die letzte Phase der Kampfmittelräumung. Nachdem die Suche im Herbst unterbrochen werden musste, hat sich in der vorigen Woche ein Schwimmbagger durch das Wasser im nördlichen Uferbereich der Badeanstalt gewühlt. Spezialtaucher waren dort im Vorjahr auf extrem viele »Störstellen« im Schlick gestoßen.

Das eigens bei einer niederländischen Firma angemietete Gerät hat binnen einer Woche auf einer Fläche von 1300 Quadratmetern eine bis zu 50 Zentimeter starke Schicht des kontaminierten Seegrundes abgetragen, 1000 Quadratmeter waren ursprünglich geplant. Mitarbeiter der Oranienburger Firma Koch Munitionsbergung GmbH haben den Aushub am Strandabschnitt mit Metalldetektoren untersucht. 200 000 Euro hat die Gemeinde Wandlitz nach Angaben von Bürgermeister Oliver Borchert von der Freien Bürgergemeinschaft für diesen Einsatz in den Haushalt eingestellt.

Der Bagger ist am Montag abtransportiert worden - die Spezialfahrzeuge sind meist über Monate ausgebucht. Der Einsatz hat sich gelohnt, sagte Markus Scholz, Geschäftsführer des Munitionsbergungsunternehmens, am Mittwoch zu »nd«. »Unsere Mitarbeiter haben dabei auch weitere Kampfmittel gefunden.« Dank des Baggers sei man schnell vorangekommen und habe außerplanmäßig noch einen Streifen von 300 Quadratmetern im Uferbereich vor dem an die Badeanstalt angrenzenden Segelclub bearbeiten können. Seine Firma habe zur internen Kontrolle und auf eigene Kosten eine Magnetometeraufnahme des in der vergangenen Woche abgegrabenen Seegrundes angefertigt. »Die Aufnahme zeigt, dass jetzt die Störwertbelastung dieses Gebiets sehr viel niedriger ist.«

Den Rest übernehmen nun die Spezialtaucher vom Kampfmittelberäumungsdienst (KMBD) des Landes Brandenburg, die nach Auskunft der Gemeinde spätestens Anfang nächster Woche wieder ihre Arbeit aufnehmen sollen. Ein harter Job bei eingeschränkter Sicht und Wassertemperaturen von derzeit rund fünf Grad Celsius. Sie müssen auch die verbliebene, weniger belastete Fläche absuchen, weitere 2000 Quadratmeter. André Vogel, Bereichsleiter Nord des KMBD, bestätigte »nd«, dass man dabei stets auf der Hut sein muss. Auch Munition, die nach Kriegsende 75 Jahre im Wasser lag, sei weiterhin tückisch. »Der bisher gefährlichste Fund in diesem Jahr ist eine Gewehrgranate, die wir 30 Meter vom Ufer entfernt entdeckt haben«, sagte er. »Wenn die explodiert, ist die Wirkung im Umkreis von 15 Metern tödlich. Wir müssen sie vor Ort sprengen.«

»Eine Badestelle mit einer derart hohen Belastung mit Müll und Schutt sowie Munition im Uferbereich habe ich noch nie gesehen«, sagte Vogel. »Wir haben hier schon die unglaublichsten Dinge gefunden - Unmengen an Nägeln und Schrauben, als ob jemand eine ganze Schublade ausgekippt hat. Aber auch Bauschrott und Haushaltsmüll, rostige Rasierklingen, Spritzen, Münzen aller Art von der Kaiserzeit bis heute, Angelhaken, Bootsketten, Uhren, Schmuck, Wohnungs- und Autoschlüssel - dazwischen eben auch Patronen, Geschosshülsen, Zünder.«

Das Strandbad Wandlitzsee ist gesperrt, seit im August 2018 im Uferbereich vor dem Strandbad Munition aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde und der Badbetrieb eingestellt werden musste. Für den beliebten Ausflugsort Wandlitz ein Desaster. Das 1923 eröffnete Strandbad und der Bahnhof von 1928 vis-à-vis bilden als denkmalgeschütztes Ensemble die Visitenkarte des Ortes. 2019, als das ganze Land unter der Jahrhunderthitze stöhnte und die Kampfmittelsuche von Monat zu Monat verlängert wurde, blieben die Gäste aus. Der Ausfall der Badesaison führte dazu, dass Gastwirten, Märkten, Einzelhändlern und auch der Surfschule die Einnahmen einbrachen.

Im Grunde hatte Wandlitz aber großes Glück, dass in all den Jahren niemand beim Baden zu Schaden gekommen ist. Bis zum Herbst waren bei der aufwendigen Suche insgesamt 166 Kilogramm Munition, Waffen und Waffenteile zutage gefördert worden. Unter anderem mussten 1858 Patronen, 122 Hand- und Gewehrgranaten, 57 militärische Zündmittel, einige Artilleriegeschosse und drei Panzerfäuste unschädlich gemacht werden. Acht Sprengungen fanden bisher im See statt.

Ingesamt 15 000 der über zwei Millionen Quadratmeter großen Fläche des Wandlitzer Sees, die der Kommune gehören, beräumt der KMBD. Am Ende wird das Land dafür rund eine Million Euro ausgegeben haben. André Vogel ist optimistisch, dass die Arbeiten bis Ende April abgeschlossen werden und das Strandbad ab Mai sicher ist. Dabei sinken jetzt freilich auch die Chancen, dass sich noch jener Ehering anfindet, den ein älterer Herr 1968 beim Baden verloren haben will, wie er jüngst per E-Mail bei der Gemeinde geltend machte.

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