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Zeitreise ins elektronische Herz

Rhythmisch, melodisch, politisch - auf dem neuen Album der Sterne ist alles da

  • Von Jens Buchholz
  • Lesedauer: 3 Min.

Tocotronic waren das Herz der Hamburger Schule. Blumfeld das Gehirn. Die Sterne waren die tanzenden Füße. Sie klangen, als hätte der Diskurspop eine kräftige Prise Saturday Night Fever inhaliert. Tanzbar und mit Hook. Fast Hip-Hop. Dazu die göttlich monotone Beiläufigkeit von Frank Spilkers Stimme, herrlich. Und das perlende E-Piano von Frank Wills war mindestens so stilprägend für den Sound der Sterne wie Spilkers Gesang.

In ihrer Urbesetzung waren Die Sterne eine Art Indie-All-Star Band. Bassist Thomas Wenzel war Mitglied der Goldenen Zitronen. Schlagzeuger Christoph Leich war Teil der einflussreichen Indiepop-Band Kolossale Jugend. 1996 hatten Die Sterne ihren kommerziellen Durchbruch. Der Song »Was hat dich bloß so ruiniert?« entwickelte sich im Sommer zu einem kleinen Hit. Das dazu gehörende Album »Posen« ebenso. Kaum ein Jahr darauf erschien das großartige Album »Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten«. Damit war die Gruppe etabliert.

Seither haben Die Sterne ihren Sound mal mehr, mal weniger kreativ variiert. Seit 2014 gab es kein neues Album mehr. Die letzten Gründungsmitglieder sind 2018 ausgestiegen. Schlechte Voraussetzungen für eine neue Platte. Sie kam trotzdem. Obwohl es eine Band namens Die Sterne nicht mehr gibt. Spilker bezeichnet die Musiker, mit denen er die Platte gemacht hat, »eher als Konstellation«.

Das neue Album »Die Sterne« ist trotzdem richtig gut geworden und klingt absolut nach den Sternen. Nicht nach 90er-Lebensgefühl-Ausverkauf, sondern nach Gegenwart und Kreativität. Das liegt vielleicht auch an den Mitwirkenden in der neuen Sterne-Konstellation. Die Düsseldorf Düsterboys machen auf vielen Songs mit, Erobique ist dabei, und auf drei Songs mischt sogar das Streicherensemble Kaiser Quartett mit. Insgesamt klingt die Platte melodischer und harmonischer als alles, was bisher unter dem Label Die Sterne erschienen ist.

Schon der erste Song »Das Herz schlägt aus« hält, was die großartigen Vorabsingles versprochen haben. Das Meisterwerk der Platte ist »Der Palast ist leer«. Ein hinreißendes, fröhlich sprudelndes Stück Indiepop. Und wenn gleich danach das deutlich von Erobique geprägte Dancefloorgebilde »Der Sommer in die Stadt wird fahren« kommt, fragt man sich: Was soll jetzt noch kommen? Noch einiges! Sehr gelungen ist »Unterschiedlich subtil«, das klingt, als hätte Spilker eine Zeitreise in das elektronische Herz der Neuen Deutschen Welle unternommen. Schön ist auch der Text, der sich um die »Freunde Algo und Rithmus« dreht. »Das Elend kommt (nicht)« dagegen klingt, als hätte Spilker eine Neuauflage von »Riders on the Storm« im Sinn gehabt. Ein apokalyptischer Anti-AfD-Song. Angemessen düster.

»Die besten Demokratien« ist Polit-Disco, mit klassischem Born-to-be-Alive-Groove. Und in »Halbvergangener Tag« nimmt Spilker doch tatsächlich Kontakt zum Geist von George Harrison auf. Ein bisschen »My Sweet Lord«, ein bisschen »Love You Too«. Wirklich. Ein rundum gelungenes Album.

Die Sterne: s/t (Pias Germany (Rough Trade)

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