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Claudia Roth

»Die Musik war der Held«

Vor 100 Jahren besiegten die Arbeiter den Kapp-Putsch mit einem großen Aufstand im Ruhrgebiet. Darüber machten Rio Reiser und seine Brüder ein Theaterstück, das heute vergessen ist. Ein Gespräch mit Claudia Roth

Von Tilmann Ziegenhain

Sie haben Rio Reiser als Sänger von Ton Steine Scherben über seinen Bruder Peter Möbius kennengelernt - 1976 bei der Struwwelpeter-Aufführung von Hoffmanns Comic Teater, richtig?

Ja, damals hatten die städtischen Bühnen in Dortmund ein eigenes Kinder- und Jugendtheater - und Peter Möbius war der Leiter. Einmal pro Spielzeit haben sie eine Art Koproduktion mit den Scherben auf die Beine gestellt. 1976 war es eine Struwwelpeter-Revue, für die Rio damals wahnsinnstolle Musik geschrieben hat. Allerdings nicht ohne Widerspruch. Deutschland durchlebte ja die »bleierne Zeit«. Entsprechend gab es Versuche, die Struwwelpeter-Revue zu verbieten, weil dort die Figur vom Suppenkasper vorkommt, der sich zu Tode hungert. Uns wurde unterstellt, das sei eine Eloge auf Holger Meins und die hungerstreikenden RAF-Gefangenen - was natürlich nicht gestimmt hat.

Erinnern Sie sich noch an das erste Mal, als Sie Rio Reiser getroffen haben?

Die Scherben waren der Sound einer Generation, ihre Musik hat uns in all unseren politischen Auseinandersetzungen begleitet. Rio dann kennenzulernen, den kleinen Bruder von Peter, das war natürlich aufregend. Ich erinnere mich noch sehr genau. Rio war schon damals eine unfassbar beeindruckende, glamouröse Person. Sicher kein einfacher Zeitgenosse, aber was für ein Künstler und Mensch!

Auf einem Werbeplakat zu den »Märzstürmen« hieß es, ein »Stück unterdrückter Heimatgeschichte« solle »wieder lebendig werden«. Es ist bekannt, dass die Nationalsozialisten Denkmäler im Ruhrgebiet entfernt haben, die an den Aufstand erinnerten - aber wie haben Sie die Situation dort Anfang der Achtziger erlebt? Immerhin hat unter anderem das Kulturamt Unna das Stück damals unterstützt …

Die Ereignisse im Ruhrpott waren ein wesentlicher Grund für das Scheitern des Kapp-Putsches - mit dem Generalstreik, der dann ja fortgesetzt wurde im sogenannten Ruhraufstand. Und diesen Ruhraufstand, den haben letztendlich auch die Sozialdemokraten niedergeschlagen. Diese Niederschlagung wiederum war von enormer Brutalität geprägt, es gab über tausend Todesopfer. Und doch blieb die Erinnerung auch in den 1980er-Jahren weitestgehend verschüttet.

Ich glaube, es war Peter Möbius, der die Idee hatte, dass wir uns - als Hoffmanns Comic Teater im Ruhrgebiet - mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen sollten. Wir haben sogar Zeitzeugen ausfindig gemacht. Ich kann mich noch gut an die Gespräche erinnern. Fast verschämt erzählten einige da, dass sie beim Aufstand dabei gewesen waren. Zugleich war sehr offensichtlich, dass sie sich mehr Anerkennung für ihren Beitrag zur Verhinderung des Kapp-Putsches gewünscht hätten. Peter Möbius hat unter anderem mit einer Frau in Essen gesprochen, die eine der »Roten Krankenschwestern« war. Die erzählte, wie sie damals im Blut gewatet war, so brutal sei die Niederschlagung gewesen. Mir sind die Zeitzeugengespräche als ganz intime Momente in Erinnerung. Einige unserer Gesprächspartner hatten bis dahin nie über die damaligen Ereignisse geredet.

Das Stück erfreute sich dann vieler, vieler Besucher. Die Begeisterung der sozialdemokratischen Regierung in Nordrhein-Westfalen hingegen hielt sich sichtbar in Grenzen.

Wie haben Sie, neben den Gesprächen mit Zeitzeugen, damals für das Stück recherchiert?

Wir haben sehr viel historisches Material aufbereitet. Das war auch nötig. Kaum jemand wusste, dass es mal diesen Kapp-Putsch gegeben hatte, wer alles dahinterstand - und dass damals auch schon das Hakenkreuz und die Nazis eine Rolle gespielt haben. Auch der Ruhraufstand und dessen gewaltsames Ende waren den Wenigsten ein Begriff. Und viele waren ganz überrascht, dass der damalige Generalstreik als bislang größter Streik in die deutsche Geschichte eingegangen war, ohne dass sie je davon gehört hatten. Es war also Heimatkunde im allerbesten Sinne, für unser Publikum, aber auch für uns.

In den »Märzstürmen« stand dann folgerichtig auch nicht ein einzelner Held im Vordergrund.

Der eigentliche Held des Stücks war letztlich die Musik, dieser vertonte Versuch, Träume zu zeichnen. Rio hat bleibende, unglaublich schöne Songs geschrieben, die er später auch nochmal aufgenommen hat. »Jetzt schlägt’s Dreizehn« ist einer davon.

Geschichte wiederholt sich nicht - und wenn doch, dann nur als Farce. Hat man das damals nicht so gesehen? Ich behaupte jedenfalls: Heute, nach dem Ende der Geschichte, wäre so ein Projekt nicht mehr denkbar, es ging nur vor dem Hintergrund des damaligen Zeitgeists und der sozialen Bewegungen - stimmen Sie zu?

Nein, nicht ganz. Ich glaube, ähnliche Projekte wären auch heute noch möglich, nur in anderer Art und Weise. Allerdings stimmt es natürlich, dass sich Kunst und gerade auch das Theater zum Ende der 1970er-Jahre mit ganz ungewohnten Formen auseinandergesetzt hat. Improvisation, gerade auch die aktive Einbindung des Publikums: Da haben wir damals viel experimentiert. Es war eine extrem innovative, extrem kreative, aber auch extrem anstrengende Zeit. Es war die Zeit nach den Berufsverboten, nach der Notstandsgesetzgebung, die Zeit der Friedensbewegung, der Umwelt- und Frauenbewegung - und nicht zuletzt die Zeit, in der wir Grünen uns gegründet haben. Es war Aufbruch auf allen Ebenen. Das hat ein solches Theaterstück, hat solche Musik mit ermöglicht. Musik übrigens, die von ihrer Kraft und Aktualität in Zeiten von Klimakrise oder Corona-Pandemie nichts eingebüßt hat.

Die »Märzstürme« waren ein Modelprojekt, mit dem eine »künstlerische Praxis auf dem sozialen Feld« entwickelt werden sollte - was genau können wir uns darunter vorstellen, und was genau war aus künstlerisch-ästhetischer Perspektive das Neue?

Das Neue war, dass in diesem Ensemble, in dieser Gruppe nicht nur Schauspielerinnen und Schauspieler dabei waren, sondern auch Handwerker oder Sozialpädagoginnen. Es war sozusagen der Versuch, das Theater runter von der »elitären« Bühne und rein in eine Gemeinschaft, in eine Gemeinde wie Unna zu tragen. Wir haben zum Beispiel die Geschichte einer Straße mit den Bewohnern dieser Straße gespielt. Wir haben ein Kinderzirkusprojekt auf den Weg gebracht, im sozial am stärksten marginalisierten Stadtteil von Unna - um den Kindern über Musik und Akrobatik eine Anerkennung zu geben. Kurzum: Wir haben versucht, unser Publikum und die Stadt mit künstlerischen Mitteln einzubinden. Nicht im Sinne von Beuys - »jeder ist Künstler« - sondern durch die direkte Konfrontation, das Mit-Einbeziehen und die Einladung, eine andere emotionale Erfahrung zu machen. Allerdings waren die »Märzstürme« noch recht harmlos. Wir haben im Hoffmanns Comic Teater deutlich radikalere, spontanere Stücke aufgezogen.

Im Stück haben Sie eine der »Roten Krankenschwestern« gespielt; was genau war Ihre Rolle? Angeblich wollte diese Krankenschwester in einem Dialog unter anderem wissen, was nun anders werden soll in der Ruhrkommune - und fragte ihren geliebten »Roten Trompeter«: »Malt ihr jetzt alle Zechen bunt?«

Ehrlich gesagt: An das Zitat erinnere ich mich gar nicht. Aber es könnte passen. Ich weiß jedenfalls noch, dass ich knallrot geschminkte Backen hatte (lacht). Es ging eben um den besonderen Hass auf die »Roten Krankenschwestern«, um die brutale, sexualisierte Gewalt gegen diese Frauen. Theweleit hat in der Zeit dieses Buch veröffentlicht …

… »Männerphantasien«.

Ja, genau. Mit dem Buch habe auch ich mich damals auseinandergesetzt. Die »weiße« Frau auf der einen und die böse, die Hexe, die »rote« Frau auf der anderen Seite. Die »Roten Krankenschwestern« jedenfalls sind von den Putschisten und dann auch von denen, die den Ruhraufstand niedergemacht haben, besonders übel traktiert worden.

Damals führte vor allem der »Versailler Schandfrieden« zum Erstarken der Rechten - eine schwere Bürde für die Weimarer Republik. Jetzt erleben wir wieder einen Rechtsruck, bei der Europawahl 2019 bekam die AfD in NRW die meisten Stimmen im Ruhrgebiet …

Ich wäre vorsichtig mit diesem historischen Vergleich. Wir sind nicht in der Weimarer Zeit. Wir leben in einer starken und wehrhaften Demokratie. Es stimmt allerdings, dass wir einige Errungenschaften womöglich für selbstverständlicher gehalten haben, als sie sind. Nichts ist in Stein gemeißelt, auch unsere Freiheitsrechte gehören jeden Tag aufs Neue verteidigt und verstärkt. Auch gegen eine Partei in vielen unserer Parlamente, die wieder bestimmen will, wer dazugehört und wer nicht. Viel zu lange hat unser Land darüber hinweggesehen, dass Rassismus nicht nur ein Phänomen der Extreme ist, sondern fest auf allen Ebenen und in der vermeintlichen »Mitte« unserer Gesellschaft verankert ist. Da braucht es jetzt verstärkten Widerstand.

Apropos Mitte: Die Hufeisentheorie erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Andererseits kommt es immer wieder zu Skandalen, die deutlich machen, wie weit rechtes Gedankengut auch in den Behörden verbreitet ist. Sie selbst tauchten ja auf der sogenannten »Todesliste« des Bundeswehroffiziers Franco A. auf. Für das Programmheft zu den Märzstürmen schrieb Peter Möbius damals: »Militär und Beamtenschaft, Polizei und Besitzbürgertum waren nicht bereit, die Republik zu retten.« Können wir uns heute auf die Behörden verlassen?

Auch da wäre ich vorsichtig. Ich halte nichts von einem Generalverdacht, der den vielen Beamtinnen und Beamten nicht gerecht würde, die fest auf dem Boden unseres Grundgesetzes stehen und sich tagtäglich engagieren. Genauso ungerecht wäre es diesen Menschen gegenüber aber, wenn wir bestehende rechtsradikale bis rechtsextreme Strukturen insbesondere in den Sicherheitsbehörden nicht konsequent verfolgen würden. Für das Vertrauen in die Polizei - oder in die Bundeswehr - ist es entscheidend, dass wir durchgreifen, wo sich Missstände auftun. Übrigens: Ein Vertrauter des besagten Franco A. ist bis heute Mitarbeiter eines AfD-Bundestagsabgeordneten.

In den »Märzstürmen« wollen sich die »Roten Krankenschwestern« in einer Szene einen Platz auf einem Erinnerungsfoto der Revolutionäre erstreiten. Auch die Corona-Krise zeigt, was die wichtigsten Jobs in der Gesellschaft sind - nämlich das oft weibliche medizinische Personal, das keinerlei Wertschätzung erfährt und oft unterbezahlt ist. Oder eben auch die vielen Kulturschaffenden. Besteht Hoffnung, dass hier nach der Krise ein Umdenken stattfindet?

Ich denke, es ist zu früh, um aus der Corona-Krise bereits Schlussfolgerungen zu ziehen. Wir stehen immer noch am Anfang der Entwicklungen, und es ist nun wichtig, dass wir die Ausbreitung bestmöglich eindämmen und insbesondere diejenigen in Deutschland und weltweit unterstützen, die ohnehin an der Grenze zum Existenzminimum stehen. Aber natürlich haben Sie völlig recht: Ausgerechnet die Arbeit, die unsere Gesellschaft zusammenhält, ist jahrelang schlecht bezahlt, vor lauter Markt-Mantra geradezu vergessen worden. Und ja, diese Arbeit wird überdurchschnittlich oft von Frauen geleistet: in der Pflege, in den Kitas, an der Supermarktkasse. Es ist überfällig, dass sich dieser Einsatz endlich auch ökonomisch bezahlt macht, dass es endlich eine faire Entlohnung gibt.

Bei aller Dramatik der derzeitigen Situation: Die Empathie und Solidarität, die viele Menschen gerade in den sozialen Medien, beim Klatschen auf den Balkonen, in den Hausgemeinschaften an den Tag legen, macht da durchaus Hoffnung. Letztlich wird es darauf ankommen, dass dieser gelebte Zusammenhalt nicht kippt und sich nach der Krise auch fortsetzt - und dass wir nicht wieder vergessen, wie sehr unsere Gesellschaft auf die Arbeit dieser Menschen, nicht zuletzt auch auf das Schaffen der vielen Künstlerinnen und Künstler angewiesen ist.

Letzte Frage: Was haben Theater und Politik gemeinsam - oder anders gefragt: Was haben Sie während der Zeit bei »Hoffmanns Comic Teater« für Ihre politische Laufbahn gelernt?

Von Rio habe ich vor allem eines gelernt: Ein gutes Stück, eine gute Zeile, ein guter Song ist richtig viel Arbeit. Rio hatte immer eine Kladde dabei. Wenn ihm etwas eingefallen ist, hat er es gleich aufgeschrieben. Seine Lieder sind nicht in Tagen entstanden, sondern über viele Jahre hinweg. In der Politik ist es nicht anders. Wandel braucht Zeit, erfordert Unmengen an Arbeit - und oft kommt es auf den richtigen Sound an. Im besten Sinne ist Politik, ist der Bundestag ja auch eine Bühne. Wenn ich da Menschen erreichen möchte, muss ich mir das erarbeiten. Immer und immer wieder.

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