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Fassungslosigkeit und Bestürzung über den Tod des hessischen Finanzministers

Tatortarbeit, Zeugenbefragungen und Auswertungen sprächen laut Behörden für einen Freitod

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.

Der mutmaßliche Selbstmord des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer (CDU) hat am Wochenende parteiübergreifend Trauer, Fassungslosigkeit und Bestürzung ausgelöst. Wie Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium in Wiesbaden mitteilten, wurde Schäfers Leichnam am Samstag an einer ICE-Bahnstrecke zwischen Hochheim und Wiesbaden aufgefunden und identifiziert. Tatortarbeit, Zeugenbefragungen und Auswertungen sprächen für einen Freitod des 54-Jährigen, so die Behörden.

Schäfer hinterlässt Frau und zwei Kinder. Im politischen Wiesbaden galt der CDU-Mann, der seit zehn Jahren das Finanzministerium führt, als wahrscheinlicher »Kronprinz« und Nachfolger des 68-jährigen CDU-Regierungschefs Volker Bouffier an der Spitze der schwarz-grünen Koalition. Der gelernte Bankkaufmann und Jurist war in jungen Jahren Syndikus der Commerzbank und seit 1999 an exponierten Stellen in Ministerien und als Büroleiter in der Staatskanzlei unter dem damaligen Regierungschef Roland Koch tätig. Der Schock sitzt tief, zumal der Verstorbene in der allgemeinen Wahrnehmung stets Tatendrang an den Tag gelegt und sich demonstrativ um Volksnähe bemüht hatte.

Schäfer habe »bis zuletzt Tag und Nacht daran gearbeitet«, die durch Coronavirus und Wirtschaftsabschwung ausgelöste Krise finanziell und organisatorisch in den Griff zu bekommen. »Er machte sich große Sorgen, ob es gelingen könnte, die riesigen Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen. Ich muss davon ausgehen, dass ihn diese Sorge erdrückt hat«, erklärte ein sichtlich erschütterter Bouffier am Sonntag vor Journalisten in Wiesbaden. Regionale Medien wie die Frankfurter Allgemeine und der Hessische Rundfunk verknüpften die Berichterstattung über Schäfers mutmaßlichen Freitod mit vorsorglichen Hinweisen auf »Hilfe bei Suizid-Gedanken« und die Rufnummer der Telefonseelsorge.

Sprache und Umstände der Verlautbarungen deuten darauf hin, dass Schäfer gezielt einen schnellen Tod auf dem Gleis gesucht haben könnte. Solche Unfälle kommen auf den Trassen der Deutschen Bahn (DB) regelmäßig vor und sind ein wichtiger Faktor für stundenlange Blockaden und Zugverspätungen. Schließlich muss die Staatsanwaltschaft herbeigerufen werden und an der abgesicherten Unfallstelle die Todesursache ermitteln. Weil sie keinesfalls potenzielle Nachahmer auf den Plan rufen will, ist die DB mit konkreten Informationen in aller Regel äußerst zurückhaltend und spricht bei Fahrgastdurchsagen meistens von »Personenschäden«. Für betroffene Lokführer können solche Unfälle mit Todesfolge schwere psychische Leiden bis hin zur Berufsunfähigkeit mit sich bringen.

In mehreren regionalen Medien ist von einem ausführlichen Abschiedsbrief des 54-Jährigen die Rede. So berichtete die FAZ in ihrer Onlineausgabe am Samstag unter Berufung auf »Ermittlerkreise«, dass Schäfer darin Gründe für den Suizid genannt habe. Er soll in dem Schreiben »von einer 'Aussichtslosigkeit' gesprochen haben, die er gesellschaftlich, aber auch bezogen auf die aktuelle wirtschaftliche Lage des Landes sehe«. Dies habe ihm offenbar »zu schaffen« gemacht. Unklar sei jedoch, ob seine konkreten Ängste mit dem Coronavirus zusammenhingen oder eher allgemeiner Art gewesen seien, so die FAZ.

Dass der entsprechende Passus wenige Stunden nach Erscheinen des Artikels auf der Website faz.net allerdings wieder gestrichen wurde, nährt neue Spekulationen. Welche schwerwiegenden Vorgänge und Entwicklungen könnte ein verzweifelter Schäfer mit seinem Insiderwissen in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens als »aussichtslos« angesehen haben? Gibt es da etwas, das die schwarz-grüne Regierung in Wiesbaden demnächst in eine tiefe Krise stürzen könnte?

So machen sich vor dem Hintergrund der allgemeinen Trauer in sozialen Netzwerken bereits kritische Beobachter über mögliche Motive Schäfers ihre Gedanken. »Vielleicht wusste er zu viel, eventuell darüber, was den kleinen Leuten nach Corona aufgebürdet werden soll oder was an fehlender Gesundheitsvorsorge spätestens in 14 Tagen für alle sichtbar wird«, gibt ein Wiesbadener Gewerkschafter zu bedenken. Ein Gewerkschafter aus Schäfers Heimatkreis Marburg-Biedenkopf mutmaßt, dass die einsetzende tiefe Weltwirtschaftskrise drastische Folgen für Hessens Finanzen haben könnte, die bald offenkundig würden. »Hessens Finanzminister Thomas Schäfer hat mit riskanten Derivatendeals dem Land einen Milliardenschaden verursacht«, so der Abgeordnete Jan Schalauske (LINKE) in einer Presseerklärung im vergangenen September. »Wir gehen nach eigenen Schätzungen von über drei Milliarden Euro Steuergeld aus, die Finanzminister Schäfer verzockt hat.«

Kritische Töne über Schäfer kamen in den letzten Wochen auch aus der SPD-Fraktion. »Tarnen, tricksen, täuschen und das Vermögen verschleiern – das alles hat Thomas Schäfer als Büroleiter und enger Vertrauter von Roland Koch gelernt«, erklärte der SPD-Abgeordnete Günter Rudolph Anfang Februar in einer Presseerklärung seiner Fraktion im Zusammenhang mit bisher unbestätigten Meldungen. Demnach soll der CDU-Kreisverband Marburg-Biedenkopf über lange Jahre eine Gründerzeitvilla in Marburg kostenfrei genutzt und ein sechsstelliges Immobilienvermögen verschleiert haben.

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