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Die Verwandelten

Waschbären in der Seifenoper

Thomas Brussig veranstaltet eine Millionenshow im beschaulichen Mecklenburg

Sandra Rösch wusste, dass nur aus einem einzigen Grund ihr Drucker unaufgefordert loslegt, nämlich wenn ein Fax kommt, und die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass außer Anwälten niemand mehr Faxe verschickt. Tatsächlich war auch dieses Fax, das zur schönsten Bürozeit, nämlich am Dienstagvormittag um 10:18 Uhr einging, von einem ihr unbekannten Anwalt, der die Herausgabe der Videoaufzeichnung einer Überwachungskamera in der Waschanlage einer bestimmten Araltankstelle »begehrt«.

Über dieses Anwaltssprech konnte sich Sandra Rösch immer wieder beömmeln; zu »Begehren« hatte sie andere Assoziationen, aber ganz andere. Zwanzig Minuten später saß Sandra Rösch mit einem frisch gebrühten Kaffee vor ihrem Monitor und loggte sich in die doppelt passwortgeschützte Datenbank ein. Mal sehen, um was es dem Anwalt ging. Die besagte Tankstelle lag in Mecklenburg, am Ortseingang einer Gemeinde namens Seenot.

Vermutlich hatte irgendein Depp bei der Ausfahrt den Torrahmen gerammt und wollte Aral haftbar machen. Oder es hatte einen Auffahrunfall in der Waschanlage gegeben. Aral war mit über tausendzweihundert Überwachungsanlagen Sandra Röschs größter Kunde, und nie gab sie Material heraus. Schon gar nicht, wenn absehbar war, dass da jemand Aral ans Bein pinkeln wollte. Den Anwalt interessierte eine vierzigminütige Zeitspanne am Sonntagnachmittag, von 16:30 Uhr bis 17:10 Uhr. Die ersten Minuten geschah gar nichts. Mecklenburg eben. Tote Hose auch in den Waschanlagen.

Sandra Rösch ließ sich schlückchenweise den Kaffee schmecken, und als der zu erkalten begann, vergewisserte sie sich, ob sie wirklich das sieht, was dieser Anwalt wollte: Die Aufzeichnung war vom Sonntag, dem 13. August, und vom selben Datum war im Fax die Rede. Sie scrollte vor, und um 16:59 Uhr kam endlich Bewegung ins Bild. Zwei Jugendliche, ein Junge und ein Mädchen, stellten sich mit ihren Fahrrädern in die Waschanlage, und Sandra Rösch bedauerte es, dass der Kaffee ausgetrunken war, gerade wenn es unterhaltsam zu werden versprach. Sich in eine Waschanlage zu stellen. Nur Jugendliche machen solchen Blödsinn.

Es war absehbar, worauf es hinausläuft: Die rotierende Bürste wird das Fahrrad gegen das Mädchen schleudern, und ihr Vater hat den Rechtsanwalt eingeschaltet, um Schadenersatz wegen eines Knöchelbruchs zu fordern. Sandra Rösch verstand nur allzu gut, warum Videoüberwachungen outgesourct wurden: Das, was sie gerade sah - zwei Jugendliche in einer Waschanlage -, war ein Kandidat für eine typische YouTube-Lachnummer. Weswegen eine Videoüberwachung für den Betreiber auch immer ein Risiko war, nämlich wenn die Gezeigten auf Schadenersatz wegen der Verletzung des Rechtes am eigenen Bild klagten.

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Um sich niemals mit Schadenersatzforderungen wegen geleakter Lachnummern herumschlagen zu müssen, machen große Firmen wie Aral entsprechende Verträge mit kleinen Firmen wie der Argus. Und Sandra Rösch wiederum verstand genug von IT-Sicherheit, um Hacker fernzuhalten. Sie hatte mal den Satz aufgeschnappt, dass man erst um die Brisanz seines Materials wisse, wenn es gehackt ist, und weil ihr das einleuchtete, schützte sie die Aufnahmen der Waschanlagen-Überwachung, als ginge es um das Atomprogramm von Nordkorea.

Tatsächlich rissen die Reinigungsbürsten die Fahrräder um, aber die beiden Jugendlichen blieben tapfer stehen und ließen jeden Waschgang über sich ergehen. Um 17:06 Uhr allerdings, also vier Minuten vor dem Ende des fraglichen Materials, fiel Sandra Rösch vom Stuhl. Sie fiel nicht wirklich vom Stuhl, aber sie sah etwas, das ihr das Gefühl gab, vom Stuhl zu fallen. Es konnte sich nur um eine Halluzination handeln. Ihr schoss durch den Kopf, dass sie vielleicht gerade stirbt, doch weil sich das Folgende nicht wie Totsein anfühlte, dachte sie, dass sie vielleicht nur schlagartig wahnsinnig geworden war, aber weil es sich auch nicht wie Wahnsinn anfühlte, war ihr dritter Gedanke, dass es nun doch einem Hacker gelungen war, ihre Datenbank zu hacken, und dass sich hinter dem Anwalt ein Erpresser verbarg, der ihr zeigen wollte, dass er nach Belieben ihre Inhalte manipulieren kann. Um ihr das zu beweisen, hatte dieser Hacker eine echt abgefahrene Idee: Da, wo eben noch die beiden Jugendlichen standen, saßen jetzt zwei Waschbären.

TAG EINS

Auf einer Skala von eins bis zehn bekam Aram eine Sieben. An guten Tagen eine Acht, und mehr als acht vergab Fibi nicht. Ed Sheeran oder Henning May waren eine Neun oder Zehn, aber aus ihrem Umfeld kam niemand auf mehr als acht. An schlechten Tagen war Aram immer noch ne Fünf, und sogar als er Dennis Kröger anrempelte, woraufhin ein halber Becher Cola auf Fibis Klamotten landete und Aram nur lachte, war er noch vier. Jeder andere wäre für so was bei zwei oder eins.

Aram lachte sie nicht aus, sondern er lachte, weil er das rabiat nicht gewollt hatte. Sein Lachen war eins von der Sorte: Mensch Fibi, Coladusche, willst du da nicht drüber lachen? Komm, ich lach schon mal, dann fällt’s dir leichter. Sie lachte zwar nicht, aber schlechter als vier konnte sie ihm nun auch nicht mehr geben. Weil er das rabiat nicht gewollt hatte. Fibi merkte, dass sie schon anfing zu denken, wie Aram redete. Rabiat kam in jedem zweiten Satz vor, zumindest bei ihren Lifehack-Videos. Rabiat gebrauchte er rabiat oft. Ließ sich ja auch rabiat gut verwenden. Manchmal sagte er auch Ich krieg n Eisprung! oder nur Eisprung!, wenn er geplättet war. Diese Wendung benutzte Fibi nicht. Könnte missverstanden werden. Das mit den Lifehack-Videos war Fibis Idee. Sie war bei YouTube mal in dieser Lifehack-Ecke kleben geblieben. Dein Schnürsenkel ist gerissen? Kein Ersatz? Zieh ihn raus und fädele ihn neu ein, aber lass die unteren Ösen frei - und schon passt der Schnürsenkel wieder. Mann, vier Millionen Leute klickten das!

Aram war der Einzige, der mitmachte. Der Einzige, der überhaupt begriff, worum es ging. Pina sagte nur: »Und was soll das bringen?« und guckte, als hätte Fibi eine Einladung zum Krötenlecken überbracht. Cleo war genau so eine Schlaftablette. »Ich versteh den Witz nicht!«, sagte sie, und weil es Fibi sinnlos fand, einen Witz zu erklären, war Cleos Chance auf vier Millionen Klicks dahin. Selbst Shaima, die Syrerin, über die Fibi wusste, dass sie sich mal für eine AG Bildbearbeitung eingetragen hatte, als Einzige, weshalb die AG dann auch ausfiel, gab ihr einen Korb: »Muss meiner Familie helfen.« Aram sagte gleich: »Nehm ich volley. Morgen?«

Am nächsten Tag hatten sie im Lidl den ersten Lifehack gedreht. Aram machte die Stimme aus dem Hintergrund, gab den scheißklugen Kommentator. Du kennst das. Du hast rabiat viel eingekauft. Deine Tüte reißt gleich. Aram filmte Fibi beim Packen hinter der Kasse. Als die Einkaufstüte knallvoll war, hob Fibi die Tüte an, bemerkte ihr Gewicht und schaute in die Kamera. Ihr Blick ein Hilfeschrei. Die Lösung ist rabiat einfach, sagt die Stimme von Aram. Du musst untergreifen.

Fibi hebt die Tüte vor ihren Körper, fasst sie mit einem Arm unter und verlässt strahlend den Supermarkt. Das war als »Mecklenburgische Lifehacks I« auf YouTube zu sehen, noch am gleichen Tag. Volley. Nach vier Tagen hatten sie dafür zweihundertsiebzehn Klicks. Aram errechnete, dass sie in ungefähr zweihundert Jahren die Viermillionengrenze knacken. Also wurde die Reihe in »Rabiate Lifehacks« umbenannt, was die Klickzahlen binnen einer Woche rabiat hochtrieb: Vier Millionen Klicks waren nun schon nach siebzig Jahren zu erwarten.

Der nächste Lifehack ging ums Ungestörtsein. Du kennst das. Du bist in deinem Zimmer und willst auf keinen Fall erwischt werden. Nun musste der Film was Entsprechendes zeigen. Aram wollte Kiffen zeigen, hatte aber kein Zigarettenpapier, keinen Tabak, kein Gras. Fibi hatte die Idee, dass man sich ja auch beim Rumknutschen und Rummachen nicht erwischen lassen will. »Wir knutschen rum, und ich soll das gleichzeitig filmen?«, fragte Aram. Fibi hatte mal gehört, dass Männer - demzufolge auch Jungs - schon seit der Steinzeit behindert waren und nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun können. Dafür gab’s sogar einen Fachbegriff, allerdings hatte Fibi den vergessen. Aber rumzuknutschen und das gleichzeitig zu filmen war Aram schon rein wissenschaftlich unmöglich. Also ließen sie es.

Dafür fand Fibi etwas Papier, mit dem sich etwas Jointähnliches bauen ließ. Aram filmte, wie sich Fibi den Joint gerade anzünden wollte, dann aber jemanden kommen hörte (der Film zeigt Aram von hinten, der entschlossen Stufen emporstapft). Fibi machte das Feuerzeug rasch aus, ließ es mit dem Joint unauffällig verschwinden, und als die Tür aufging, lächelte sie scheinheilig. Die Lösung ist rabiat einfach - schließ dein Zimmer ab! Und nun …

Der Film zeigt eine Hand, die an der Türklinke rüttelt und gegen die Tür schlägt. … brauchst du nur noch eine rabiate Ausrede. Fibi sitzt entspannt rauchend auf ihrem Bett und ruft: »Ich bastle gerade dein Geburtstagsgeschenk, das soll ’ne Überraschung sein!« Mit diesem Lifehack kamen sie binnen drei Wochen auf eine fünfstellige Klickzahl, was bedeutete, dass sie jetzt nur zehn Jahre für vier Millionen brauchen werden. Worauf Aram sagte: »Mach was mit Drogen, und die Klicks gehen rabiat durch die Decke.« So einer war Aram.

Thomas Brussig:
Die Verwandelten
Wallstein, 328 S., geb., 20,00 €.

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