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Der Canaletto vom Prenzlauer Berg

Wir müssen einfach warten,

bis alles wieder alt geworden ist, meint der Berliner Maler Konrad Knebel

In den langen Gesprächen mit dem 87-jährigen Maler weigerte er sich konsequent, seinen Gemälden einen Symbolwert zuzusprechen. Sie sind für ihn einfach nur, was sie sind: reale, mit Präzision wiedergegebene Berliner Mietshäuser, nicht metaphorisch aufgeladene Sinnbilder der Vergänglichkeit. Dass ich in diesen verwitterten Gebäuden, den leeren Fabrikhallen, den nackten Brandmauern, den engen Hinterhöfen, den blinden Fenstern etwas sehe, das sich gar nicht malen lässt, nämlich die vergehende Zeit, kommentierte er mit einem Lächeln und dem Satz: »Wenn Sie das so sehen wollen …« Er ist kein Mann großer Worte, mit denen er sich festlegen und dem Betrachter seiner Bilder eine Richtung vorschreiben würde. Doch er stimmte mir zu, als ich meinte, dass seine Berliner Bauten durch die Lebensspuren über sich hinauswüchsen. Auch wenn es kaum Menschen auf seinen Bildern gibt, sind sie anwesend, die einstigen Mieter und die Maurer, Zimmerleute, Stuckateure, deren Leben und Arbeit in die Häuser eingeflossen ist, mehrere Generationen, die alle einen Abdruck ihrer Existenz hinterlassen haben. Man fragt sich beim Betrachten der Gemälde, wer hier lebte, welche Geschichten sich abgespielt haben, welche Tragödien, welche Augenblicke des Glücks. Für Knebel haben diese Gebäude ein Gesicht, wie er sagte, »irgendetwas von Lebewesen, dass man ihnen alles ansieht, was durch die Häuser durchgegangen ist, von den Zeiten meiner Kindheit an bis heute. Das alles, was ich selber miterlebt habe«. (So im DEFA-Dokumentarfilm »Stadtlandschaften« von Karlheinz Mund.) Von den Dokumentaristen Barbara und Winfried Junge, deren berühmte »Chronik der Kinder von Golzow« ich seit Jahrzehnten bewundere, habe ich gelernt, dass jedes Leben erzählenswert ist. In der Dorfschulklasse von 1961 entdeckten sie ihre Filmhelden, die sie bis 2007 begleiteten, jeder Lebenslauf, auch der scheinbar gewöhnlichste, ist ein kleines Spiegelbild der Weltgeschichte. Von Knebel kann man lernen, dass jedes Haus, auch das Unscheinbarste, es wert ist, angeschaut und gemalt zu werden.

Knebel schätzt Canaletto, und zwar beide Maler, die mit diesem Namen bezeichnet werden: Giovanni Antonio Canal, der vor allem mit Ansichten seiner Geburtsstadt Venedig unsterblich wurde, und seinem Neffen und Schüler Bernardo Bellotto, dessen Bilder den Glanz von Wien und der später so furchtbar zerstörten Städte Dresden und Warschau bewahrten. Bellottos Gemälde wurden nach dem Krieg für den Wiederaufbau der Warschauer Altstadt herangezogen. Die exakte Wiedergabe öffentlicher Räume, das Gespür für die unverwechselbare Atmosphäre städtischer Winkel und Ecken verbindet Knebel mit den Arbeiten der beiden alten Meister, mit denen er sich aber nie vergleichen würde. …

Vor mir sitzt ein bescheidener und nachdenklicher Mann, sehr beweglich trotz des hohen Alters. Sein Tonfall hat noch immer die leichte Färbung des heimatlichen Sächsisch, denn wie Heinrich Zille kommt auch dieser große Berliner Künstler aus Sachsen. Knebel wurde am 24. Februar 1932 in Leipzig geboren. Er entstammt einer Musikerfamilie, der Vater hat komponiert und als Dirigent bedeutende Chorwerke aufgeführt. Ein Jahr lang besuchte Konrad Knebel die Thomasschule und sang dort im Schulchor, nicht zu verwechseln mit dem berühmten Knabenchor, den Thomanern. Mutter und Vater unterrichteten Klavier, auch Konrad erhielt schon früh Stunden, noch heute spielt er hin und wieder am Instrument in seiner Wohnung. Alles drehte sich in dieser Familie um Musik. Die Eltern waren auf solide musikalische Grundlagen bedacht, auf das tägliche Üben am Klavier, auf erprobte und unveränderliche Abläufe. So lernte Knebel früh den Wert von Geduld und Ausdauer kennen, die ihn sein Künstlerleben lang begleiteten. Tag für Tag geht er, mit der Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit eines Fabrikarbeiters, früh am Morgen in sein Atelier und malt die vertrauten Motive aus der unmittelbaren Umgebung. Noch immer hat er Pläne für neue Bilder. Knebels Eltern empfanden wohl eine leichte Enttäuschung darüber, dass der Sohn lieber zeichnete als musizierte, aber sie förderten sein früh erwachtes Interesse an Kunst und Architektur, gingen mit ihm in die Leipziger Museen, von denen er das Grassimuseum besonders liebte. Der Vater berichtete nach seinen häufigen Reisen von den Städten, die er gesehen hatte, von den prägenden Plätzen und Gebäuden, dem Charakter der Straßen und entzündete damit die Fantasie des Jungen. Im Kopf des Kindes entstanden ideale Städte, die er auf Papier zeichnete. …

Die Familie lebte im Leipziger Musikerviertel. In einer Bombennacht zersplitterten sämtliche Fenster der Wohnung, glühende Funken stieben im Dunkel herein. Später wurde das Haus vollständig zerstört, so wie auch große Teile der historischen Altstadt. Konrad verstand in jenen Nächten der Brände, der berstenden Wände, der einstürzenden Gebäude, dass scheinbar für die Ewigkeit Gebautes keinen dauerhaften Bestand hat. Dass er später ein so unermüdlicher Bewahrer des Verschwindenden, ein so gründlich Suchender in den Überresten der alten Städte wurde, hat sicher auch mit diesen frühen, erschütternden Erfahrungen zu tun. Später wird er die Spuren des Krieges, der Zerstörungen, die toten Fenster in den unbewohnbaren Häusern, die Leerstellen der verwundeten Stadt in seinen Bildern aufspüren, die zerrissenen, baulichen Zusammenhänge. …

Auf einem der Tische liegt ein riesiger Berg von Handzeichnungen, den ich durchblättern darf, schöne, präzise Arbeiten mit Anmerkungen zu Farbwerten, Lichtverhältnissen und Größenordnungen. Knebel hat nie auf der Straße gemalt, sondern ausschließlich gezeichnet. Für ihn sind diese Skizzen nur Vorbereitungen für seine Gemälde, sie haben in seinen Augen keinen eigenständigen Wert und verlieren beim Malen für ihn immer mehr an Bedeutung, er löst sich von ihnen. Dabei zeigen sie mit den konzentrierten, plastisch wirkenden Strichen den leider kaum bekannten, glänzenden Grafiker Knebel. Durch diesen kostbaren, umfangreichen zeichnerischen Fundus kann er den Prenzlauer Berg noch immer so malen, wie er einst war, auch wenn diese Welt nicht mehr existiert. Es sind verlässliche Vorlagen für seine Gemälde. Knebel ist ein genauer Chronist der Umbrüche, aber nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Zwischen den noch nicht sanierten Häusern auf seinen Bildern stehen bunte Werbetafeln wie erste Boten der neuen Zeit. Seine Gemälde zeigen die Renovierungsarbeiten hinter Planen, die den Umbau verbergen. Die Bauverhüllungen schaffen auf den Gemälden einen verfremdenden Reiz inmitten des Gewohnten, als hätte Christo diese Mietshäuser verpackt. (Abb. S. 56) Wenn die Vorhänge fallen, werden sie den Blick auf polierte Fassaden freigeben, auf einen verwandelten, edlen Prenzlauer Berg, den Knebel nicht mehr malt. Was hält Knebel vom heutigen Prenzlauer Berg nach der Rundum-Sanierung des gesamten Bezirks, mit leuchtenden Fassaden und falschem Stuck, mit edlen Geschäften und Restaurants, mit Penthäusern und neuen Balkonen? Er habe überhaupt nichts gegen diesen Umbau des Prenzlauer Bergs. Etwas musste schließlich geschehen, sonst wäre hier alles zusammengestürzt, sagt er. Nur interessiere ihn das als Künstler überhaupt nicht. Was ihn einst fesselte, die Spuren der Vergangenheit, seien ausgelöscht. Dann sagte der Mann, der auf die Neunzig zugeht, mit einem verschmitzten Lächeln: »Wir müssen jetzt einfach warten, bis das alles wieder alt geworden ist.«

Knut Elstermann: Der Canaletto vom Prenzlauer Berg. Der Maler Konrad Knebel
be.bra verlag, 112 S., geb., 22,00 €

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