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Lügen, stehlen, schießen?

Vor 30 Jahren löste sich die Staatssicherheit der DDR endgültig auf - Bundesbehörde bewirbt zu diesem Anlass ein obskures Kartenspiel

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.

Heute vor 30 Jahren verabschiedete sich sang- und klanglos ein gemeinhin neben dem israelischen Mossad weltweit am erfolgreichsten geltender Geheimdienst von der historischen Bühne. Ein einzigartiger Vorgang. Innerhalb weniger Wochen löste sich eine mächtige, allmächtige Behörde auf. Die (fast) alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen hatte, sich für alles und alle zuständig fühlte respektive für zuständig erklärt worden war - als »Schild und Schwert« der führenden Partei im Staate. Und die zugleich ebenso wenig homogen war wie jene Gesellschaft, die sie überwachen sollte, zunehmend in sich gespalten.

Es ist hernach gerätselt worden, wie diese alles umspannende Institution innerhalb weniger Wochen wie ein Kartenhaus zusammenfallen konnte, vor dem der Gängelei und Überwachung überdrüssig gewordenen Volk kapitulierte und man sich auch dort an das Mantra der Bürgerbewegung hielt: »Keine Gewalt.« Auch ein kleines Wunder der »Wende« in der DDR. Die Waffenarsenale des Ministeriums für Staatssicherheit blieben zu.

Die hypertrophierte Sicherheitspolitik der SED war einer der maßgeblichen Auslöser, die die DDR-Bürger im Herbst 1989 in Massen auf Straßen und Plätze getrieben hatten. Und selbst bei einigen Mitarbeitern des MfS Diskussionen entfachten. In dessen Berliner Zentrale tat sich jedoch lange nichts. Eine Woche nach seinem erzwungenen Auftritt stotterte rechtfertigend der langjährige Stasi-Chef Erich Mielke am 13. November ’89 vor der Volkskammer: »Wir haben, Genossen, liebe Abgeordnete, einen außerordentlich hohen Kontakt mit allen werktätigen Menschen ...« (Gelächter) »Ich liebe ... ich liebe doch alle, alle Menschen ...« Vier Tage darauf beschloss die neue DDR-Regierung unter Hans Modrow die Auflösung des MfS und die Bildung eines Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS) unter Leitung von Wolfgang Schwanitz, eines vormaligen Vize von Mielke. Der neue Dienst sollte sich auf Auslandsaufklärung, Spionage- und Terrorabwehr sowie Aufklärung von »verfassungsfeindlichen Aktivitäten« und »Terrorabwehr« beschränken, dehnbare Termini, wie wir aus Erfahrungen mit dem Bundesverfassungsschutz wissen. Die geplante Transformation der Behörde (mehr war es im Grunde nicht) ignorierte den Nerv der in Bewegung geratenen selbstbewussten, selbstbestimmten DDR-Bürger gründlichst.

Am 4. Dezember wurde das Bezirksamt für Nationale Sicherheit in Erfurt besetzt, in den folgenden Tagen dessen Pendants von Rostock bis Suhl, um die Vernichtung von Akten zu verhindern. Staatsanwälte und Volkspolizisten versiegelten Büros und Archive. Eine der ersten Forderungen des Zentralen Runden Tischs in Berlin war am 7. Dezember 1989 die Auflösung des noch kaum umstrukturierten AfNS. Die Idee der Entkoppelung von Geheimdienstaufgaben nach dem Vorbild der Bundesrepublik, die Installierung eines Verfassungsschutzes mit ca. 10 000 Mitarbeitern und eines Auslandsnachrichtendienstes mit etwa 4000 Mannen, war um die Jahreswende bereits obsolet. Am 15. Januar 1990 wurde auch das ehemalige Hauptquartier der Stasi in Berlin-Lichtenberg unter die Aufsicht eines Bürgerkomitees in »Sicherheitspartnerschaft« mit Staatsanwaltschaft und Volkspolizei gestellt.

Am 8. Februar, exakt 40 Jahre nach Gründung des Staatssicherheitsdienstes der DDR, gab die Modrow-Regierung ihr Plazet zur zügigen Abwicklung des AfNS. Als verantwortlich dafür wurde der gerade erst zum Leiter des neuen, verkleinerten Inlandgeheimdienstes ernannte ehemalige Chef der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Frankfurt (Oder), Generalmajor Heinz Engelhardt, erkoren. Am 31. März waren auch die letzten der 30 000 von einst über 90 000 Mitarbeitern entlassen.

So weit die historischen Fakten. Nun zur Pointe. Zum Jahrestag der Zerschlagung der Stasi ist ein Kartenspiel auf den Markt gelangt, das man nur zynisch nennen kann: »Stasi raus, es ist aus!« Basierend auf einer Idee des Berliner DDR-Museums, entwickelt von »Playing History« und beworben von der Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) ist es für 16,95 Euro erhältlich. Die Spieler sollen sich in die Rolle von Stasi-Mitarbeitern einfühlen, möglichst schnell möglichst viele Akten vernichten, dabei Bürger und Bürgerinnen, Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen austricksen, hier kategorisiert als Pfarrer, Liedermacher, Künstler, Arbeiter, Jugendliche und Journalisten. Soll der Stasi posthum zum Triumph verholfen werden?

»Zweifelsohne wäre es möglich gewesen, Spielende in die Rolle der DDR-Bürger(innen) von 89/90 schlüpfen zu lassen, die versuchten, die Akten der Kontrolle der Stasi zu entziehen und vor der Zerstörung zu retten«, räumen die Spielentwickler Michael Geithner und Martin Thiele-Schwez im Begleitheft ein. »Doch interessanter erschien uns genau das Gegenteil.« Zumal den Stasi-Leute mimenden Kartenspielern »keine äußeren Konsequenzen drohen« (wie in der Realität sehr wohl geschehen). Man darf, so die explizite Aufforderung, »innerhalb eines Spiels durchaus lügen, stehlen, schießen oder eben Unterlagen vernichten«.

Zum Erbe der Stasi zählen rund 111 Regalkilometer Akten, dazu Fotos, Filme, Tonaufnahmen und »Geruchsproben« (wie sie übrigens seinerzeit in Ermangelung von DNA-Proben auch von westlichen Diensten illegal genommen wurden). »Die Sammelwut ist eine systemübergreifende Krankheit von Geheimdiensten. Heute muss man allerdings keinen Wust von Papier mehr sammeln, heute passt das, was bei uns meterweise Regale füllte, auf einen USB-Stick«, bemerkt Heinz Engelhardt in seinem kürzlich erschienenen Buch »Der letzte Mann. Countdown fürs MfS«. Der vor zehn Jahren verstorbene Wolfgang Hartmann vom Insider-Komitee der Stasi vermutete 180 Kilometer Akten, die sich im Laufe von 40 Jahren DDR angesammelt hatten, inklusive doppelte Ablagen; darin enthalten auch 1,5 Millionen Hinweise im Zusammenhang mit ebenfalls vom MfS verfolgten Nazi- und Kriegsverbrechen. Das in der »Wende« maschinell zerhäckselte oder in Eile per Hand zerrissene Schriftgut füllte schließlich 16 000 Säcke. Die Papierschnitzel werden seit 1991 manuell wieder zusammengepuzzelt, erst in jüngster Zeit auch digital.

Die Antwort auf eine Anfrage der Abgeordneten Simone Barrientos von der Linkspartei am 28. Januar an die Bundesregierung hinsichtlich Aufwand und Kosten des offenkundig von einer Bundesbehörde gesponserten Spiels, das spielerische Lust an der Vernichtung von »Zeugnissen von Repression und Unterdrückung« fördert sowie am Austricksen der Menschen, die dies verhindern wollten, war mehr als dürftig und widersprüchlich. Heißt es da doch einerseits, an den Kosten für die Herstellung des Spiels sei die BStU nicht beteiligt gewesen. Andererseits: »Das Begleitheft ist auch für eine vom Spiel losgelöste Nutzung vorgesehen und wird kostenlos abgegeben. Der Druck erfolgte in der Hausdruckerei der BStU; die Auflage beträgt 3000 Exemplare.« Zudem meint die Bundesregierung, der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen sei »in Ausübung seines Amtes unabhängig«: »Er unterliegt keiner Fachaufsicht durch die Bundesregierung.« Wie steht es um die moralische Pflicht und Verantwortung, Jugendliche - an die sich Playing History ausdrücklich wendet - vor unmoralischen, unsittlichen Angeboten, sei es per Geschichte grob vereinfachendem und verzerrendem Kartenspiel, zu schützen? Lügen, tricksen, stehlen, schießen. Alles erlaubt?

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