Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Allein unter Männern

Inka Grings ist noch immer die einzige Frau, die Fußballer in Deutschland trainiert. Corona verhindert derzeit den Aufstieg - in der fünften Liga will sie ohnehin nicht bleiben

  • Von Wolfgang Müller, Straelen
  • Lesedauer: 4 Min.

Als Inka Grings erfährt, welches Fazit ihr Klubchef zu ihrem ersten Jahr als Trainerin beim SV Straelen zieht, muss sie lachen. »Wenn wir in der 85. Minute 3:0 führen, steht sie immer noch voller Energie und Engagement an der Linie und gibt Anweisungen«, lobt der Bauunternehmer und Vereinspräsident Hermann Tecklenburg. »Wenn es kurz vor Schluss unentschieden steht, löst sie die Abwehrkette auf, schickt unseren großen Innenverteidiger in den Sturm und will noch gewinnen. Dreimal hat sie das in dieser Saison gemacht, dreimal hat es geklappt«, sagt der Ehemann von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg.

Inka Grings hört das gern, gibt sich nach außen aber unbeeindruckt: »Ist ja interessant«, sagt die 41-Jährige lediglich über das exzellente Arbeitszeugnis.

Vor einem Jahr verpflichtete der SV Straelen, damals Regionalligist, Grings als neue Cheftrainerin. Am 1. April trat die frühere Fußballnationalspielerin und Rekordtorschützin der Frauen-Bundesliga ihren Job beim Klub aus Nordrhein-Westfalen an - als erste Frau in Deutschland, die eine Männerauswahl aus den höchsten vier Spielklassen betreut.

»Frauen, die über Männer gebieten, sind im Fußballsport nicht gerade die Normalität«, schrieb die »Zeit« im Mai 2019 und schickte einen Reporter in die Kleinstadt unweit der Grenze zu den Niederlanden. Der öffentliche Rummel war ähnlich groß wie wenige Monate zuvor beim BV Cloppenburg, als der Fünftligist Imke Wübbenhorst als Trainerin vorstellte. Die ist heute nicht mehr im Amt, ihr Kulturpreis-gekrönter Spruch »Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf« aber längst Bestandteil jeder guten Zitate-Sammlung.

Den Abstieg konnte Inka Grings damals nicht verhindern, doch die 96-malige Nationalspielerin wurde weder beurlaubt noch trat sie zurück. »Es macht wahnsinnig viel Spaß. Die Oberliga ist eine extrem sportliche Herausforderung. Ich sammle Erfahrungswerte, die mich reifen lassen«, sagt sie.

Für den FCR 2001 Duisburg erzielte Inka Grings einst in 271 Erstligaspielen 353 Treffer. Sie wurde sechsmal Bundesliga-Torschützenkönigin. Mit der Nationalelf holte sie zudem zwei EM-Titel und krönte sich bei beiden Turnieren (2005 und 2009) zur besten Torschützin. In 96 Länderspielen erzielte sie insgesamt 64 Treffer.

Sie spielte auch in Zürich, Chicago und zum Ausklang der Karriere beim damaligen Zweitligisten in Köln. Dass sie auch danach noch genauso treffsicher blieb, bewies sie im Oktober 2019, als sie im ZDF-»Sportstudio« nach 20 Jahren erstmals wieder für eine fast perfekte Serie an der Torwand sorgte und fünfmal traf.

Grings galt stets als ehrgeizig und dabei nicht immer pflegeleicht. »Ich war aber nie jemand, der quergeschossen hat. Wer fair mit mir umging, bekam eine Inka Grings zu 100 Prozent«, hat sie einmal gesagt. Ihre Meinung äußert sie jedenfalls immer, so auch zur Frauenquote: »So wichtig sie ist, ist sie auch sehr traurig«, sprach sich Grings jüngst für eine Frau an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes aus. Sie fordert mehr Engagement der Vereine bei der Förderung von Fußballerinnen und scheute sich auch nicht, die Leistungen des Nationalteams bei der dürftigen WM 2019 in Frankreich öffentlich zu kritisieren.

Der »Süddeutschen Zeitung« sagte sie im vergangenen Jahr, dass im Frauenbereich mehr »Leidenschaft und Identifikation« herrsche als bei den Männern. Dort zähle nur »Geld, Geld, Geld, Liga und Erfolge, egal ob es Sinn macht oder nicht«.

Trotzdem will sie jetzt genau dort hin. Seit 2014 ist Inka Grings Trainerin; erst in Duisburg, dann bei den U17-Junioren von Viktoria Köln, nun in Straelen. Mit dem heutigen Leipziger Trainer Julian Nagelsmann absolvierte sie 2016 ihre Fußballlehrer-Ausbildung. »Ich stehe am Anfang meiner Trainerkarriere. Meine Devise lautet, zu arbeiten und mich weiter zu entwickeln«, sagt sie und verfolgt dabei ehrgeizigere Ziele, als eine Oberligamannschaft zu trainieren.

Sollte die wegen der Coronavirus-Pandemie unterbrochene Saison fortgesetzt werden, wird sie mit Straelen wohl wieder aufsteigen. 19 Punkte Vorsprung hat der Tabellenführer der Oberliga Niederrhein auf den Zweiten 1. FC Monheim. »Aktuell konzentriere ich mich voll auf meinen Job. Was ich im Moment mache, mache ich zu 100 Prozent. Zu gegebener Zeit wird sich dann sicher etwas ergeben«, sagt sie selbstbewusst.

Die Frage, ob der Fußball reif für eine Trainerin in der ersten oder zweiten Liga der Männer, kümmert sie nicht. »Dafür bin ich die falsche Ansprechpartnerin«, sagt Inka Grings. »Das müssen andere Menschen beantworten.« dpa/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln