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  • Sport
  • Coronakrise im Fußball

Bescheidenheit ist eine Zier

Weil im Fußball der Frauen weniger Geld bewegt wird als bei den Männern, ist die Krise dort weniger bedrohlich

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.

Lena Goeßling wirbt um Verständnis. Die Frauenteams hätten nicht die finanziellen Mittel, »um Wahnsinnssummen zu spenden«, sagte die Wolfsburger Mittelfeldspielerin am Sonntag. Die Fußballerinnen des VfL würden sich gerade aber zusammen Gedanken machen, wie man helfen könne. Etwas weiter sind sie da bei Turbine Potsdam. Mehrere Spielerinnen des Bundesligisten spenden ein Teil ihres Gehalts - und unterstützen damit das Deutsche Rote Kreuz im Kampf gegen das Coronavirus. Angestoßen haben die Spendenaktion die 19-jährige Mittelfeldspielerin Gina Chmielinski und die ein Jahr ältere Verteidigerin Caroline Siems. »Lasst uns als eine Gemeinschaft auftreten und einen Beitrag leisten«, schrieben beide auf Instagram und hoffen auf Nachahmer: »Sei ein Vorbild!«

Wie überall, pausieren auch die Fußballerinnen gerade. An diesem Dienstag wird in einer weiteren Videokonferenz über mögliche Szenarien gesprochen. Dazu beraten sich der Ausschuss Frauen-Bundesligen des Deutschen Fußball-Bundes, weitere Verantwortliche des DFB und die Vereinsvertreter. In der ersten Liga stehen neben einigen Nachholespielen noch sechs komplette Spieltage aus.

Eine der wichtigsten Schaltstellen für den Fußball der Frauen versteckt sich im Frankfurter Stadtteil Heddernheim hinter hohen Hecken. Im Erdgeschoss der Villa sind eine Physiotherapie- und Arztpraxis beherbergt, im obersten Stockwerk ist Siegfried Dietrich mit seiner Agentur SIDI-Sportmanagement untergebracht. Von hier aus führt der Manager und Investor des 1. FFC Frankfurt schon im Normalfall täglich unzählige Telefonate. Nun kommen durch das Coronavirus noch die vielen Krisengespräche dazu.

Sein Klub war vergangene Woche von der ersten Erkrankung in der Bundesliga betroffen: Eine Spielerin klagte über die typischen Symptome. »Der Person geht es soweit gut«, versicherte Trainer Niko Arnautis. Weil die Ansteckung im persönlichen Umfeld stattgefunden hat, mussten Team, Trainer und Betreuer nicht getestet werden. Auch die Frankfurter Fußballerinnen halten sich längst nur individuell fit. Dennoch hatte sich Macher Dietrich keinen Illusionen hingegeben. »Mit der schnellen Verbreitung von Covid-19 war klar, dass auch der FFC früher oder später betroffen sein werde.«

Der 62-Jährige steht dem neuen DFB-Ausschuss Frauen-Bundesligen vor. In den vergangenen Tagen hat er ein Meinungsbild der Vereinsvertreter eingeholt. Erste Erkenntnis aus dem Rundruf: Existenzängste halten sich bislang in Grenzen. »Ich glaube, dass alle Klubs die Situation meistern können, weil die Zuschauereinnahmen nicht so entscheidend sind wie beispielsweise in der dritten Liga und den Regionalligen der Männer. In der Frauen-Bundesliga machen sie deutlich weniger als zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus«, erklärt Dietrich.

Der Zuschauerschnitt in der Bundesliga liegt bei rund 900. Bei Potsdams Fußballerinnen, die durchschnittlich 1300 Fans im Karl-Liebknecht-Stadion begrüßen können, decken das Eintrittsgeld gerade die laufenden Kosten eines Heimspiels, wie Präsident Rolf Kutzmutz betont. Die größte Säule im Etat garantieren die vielen regionalen Sponsoren. Bedrohlich könne es dann werden, sagt Kutzmutz, »wenn unsere Partner in solch wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, dass sie sich das Engagement bei uns nach dem Sommer nicht mehr leisten können.« Auch Dietrich bestätigt, dass die Vermarktungserlöse - »die individuellen sowie die zentralen durch den DFB« - die bedeutendsten Einnahmen der Klubs sind.

Hilfreich in der Krise ist, dass sich die Klubs zuvor schon in finanzieller Bescheidenheit geübt haben. Selbst der Rekordmeister aus Frankfurt arbeitet nur mit einem Saisonetat von 1,5 Millionen Euro. Am wenigsten Sorgen haben wohl die sieben der zwölf Bundesligisten, die an Lizenzvereine der Männer angebunden sind: Bayer Leverkusen, der SC Freiburg oder Bayern München werden jetzt kaum bei ihren Fußballerinnen den Rotstift ansetzen. Zu fatal wäre solch ein Signal. Und grundsätzlich wollen die Klubvertreter ihre Spielerinnen nicht zu einem Gehaltsverzicht drängen. Weil die Gehälter so gering seien, dass die meisten davon gerade ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten, betont Kutzmutz. Auch Dietrich beteuert: »Die Spielerinnen sind die Hauptakteurinnen, die jeden Cent verdient haben.« Und so zeigt beispielsweise die Wolfsburger Spielführerin Alexandra Popp auf anderen Wegen Solidarität: »Ich helfe mit Taten, gehe zum Beispiel für unsere älteren Nachbarn einkaufen.«

Dem 1. FFC Frankfurt soll die für den Sommer geplante Fusion mit Eintracht Frankfurt mehr wirtschaftlichen Spielraum bringen. Gleiches gilt für das abgeschlagene Schlusslicht USV Jena. Der FC Carl Zeiss, in der dritten Liga der Männer ebenfalls Tabellenletzter, teilte am vergangenen Donnerstag mit, dass beide Jenaer Klubs unter dem Dach des FC Carl Zeiss ihre Kräfte bündeln und inhaltliche sowie infrastrukturelle Synergien nutzen wollen. Was rund um die Kernberge noch Zukunftsmusik ist, könnte durch die Pandemie in der Mainmetropole schon Vergangenheit sein: Der einst aus der SG Praunheim hervorgegangene Frauenfußballclub Frankfurt könnte bereits am 1. März das letzte Mal unter seinem Namen gespielt haben. Denn erste Stimmen ertönen in der Liga, dem Beispiel vom Volleyball oder der Deutschen Eishockey Liga zu folgen und einen vorzeitigen Abbruch zu beschließen. Dietrich will der anstehenden Entscheidung nicht vorgreifen, sagt aber ganz klar: »Grundsätzlich wäre es wichtig, die Saison fertig zu spielen, um präsent zu sein und die sportlichen Entscheidungen herbeizuführen. Notfalls auch ohne Zuschauer.«

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