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Auch fitten Firmen droht Insolvenz

Warum Kurzarbeitergeld und andere Hilfsprogramme die Coronakrise verschärfen können

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Bundesregierung versucht, mit zahllosen Maßnahmen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie einzudämmen. Die Programme von Bund und Ländern verhindern zwar keine Ladenschließung und keinen Produktionsstopp, doch sie sollen das Überleben von Abertausenden Firmen sichern. Aber dies gilt nur auf kurze Sicht, denn mittelfristig könnten die Rettungsbemühungen gefährliche Nebenwirkungen haben.

So gefährdet ausgerechnet Kurzarbeit möglicherweise ein Comeback nach Corona. In Branchen wie Tourismus, Friseurhandwerk oder Textilhandel werden sich Firmenpleiten nämlich nicht verhindern lassen. Im Falle einer Insolvenz zahlt die örtliche Agentur für Arbeit an die Beschäftigten eigentlich den vollen Lohn für drei Monate. Wenn jedoch zuvor Kurzarbeitergeld beantragt wurde, wird lediglich das gekürzte Gehalt ausgezahlt. Für die Firmen bedeutet dies, dass sie auf weniger Arbeitskraft zurückgreifen können, denn die Beschäftigten werden entsprechend ihrem reduzierten Gehalt verkürzt arbeiten. Wer früh Kurzarbeitergeld beantragt, »spart dem Staat damit Geld, verkürzt aber auch seine eigenen Rettungschancen, wenn es denn zeitnah doch zu einer Insolvenz kommt«, warnt Fachanwalt Volker Römermann in einem Zeitungsbeitrag.Dabei muss eine Insolvenz nicht das Aus für ein Unternehmen bedeuten, sondern ist als Chance für einen Neuanfang gedacht.

2019 meldeten die deutschen Amtsgerichte 18 749 Unternehmensinsolvenzen. Seit dem Krisenjahr 2009 waren die Zahlen immer gesunken, was sich nun ändern dürfte. Das Bundesjustizministerium will nun die Insolvenzantragspflicht bis zum Herbst aussetzen. Geknüpft wird dies an zwei Bedingungen: Corona-Betroffenheit und Sanierungsfähigkeit. Doch wer kann heute voraussagen, wer nach Corona sanierungsfähig ist? So droht Geschäftsführungen der Vorwurf einer strafbaren Insolvenzverschleppung.

Noch schwergewichtiger ist ein wirtschaftliches Problem: Staatliche Zuschüsse können kleineren Firmen ein Comeback ermöglichen, sollte die Flaute im Sommer enden. Mittlere und große Firmen greifen jetzt aber in Scharen auf niedrig verzinste Rettungskredite der KfW-Bank zurück, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Gleiches gilt für aufgeschobene Mietzahlungen oder ausgesetzte Vorauszahlungen für Einkommen- und Umsatzsteuer.

Nach der Krise müssen Firmen also mehr Geld verdienen als je zuvor. Und das wird nicht einfach. Ein Konzert, das nicht stattgefunden hat, wird im Herbst nicht zweimal veranstaltet. Eine Reise, ein Friseurbesuch oder der Kauf eines Übergangsmantels wird nicht in einigen Monaten nachgeholt. Auch Investitionen werden nicht einfach verdoppelt, so dürften selbst Vorzeigebranchen wie Maschinenbau und Chemie in Schwierigkeiten geraten.

Insolvenzanwälte raten daher Betriebsräten, Managern und Inhabern zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme: Ist unser Unternehmen »nach Corona« überlebensfähig? Ein früher Insolvenzantrag bringt nämlich Vorteile: Alle Arbeitnehmer sind beschäftigt und kriegen volles Gehalt, Kunden und sogar Geldmittel sind noch vorhanden. Ein Insolvenzverwalter - dabei kann eine Sanierung auch in Eigenregie durchgezogen werden - kann rechtzeitig umsteuern.

Aktuell zahlen indes beispielsweise Lieferanten in der Industrie, die Ware nicht liefern können, die Zeche alleine. Um die Krise besser über die ganze Handelskette zu verteilen, könnten Endabnehmer vom Gesetzgeber gezwungen werden, einen Teil der Rechnung - etwa den Verwaltungskostenanteil - zu zahlen, auch wenn keine Lieferung erfolgen kann.

Die beschlossenen Zuschüsse und Kreditgarantien dürften kaum ausreichen, um die Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen. Zwar gehört der Bankrott maroder Betriebe zum Kapitalismus, nicht aber die Pleite von an sich fitten Firmen. Daher werden Schuldenerlasse und Transferzahlungen, die der Staat an Unternehmen und Beschäftigte leistet, notwendig sein, um die Nach-Corona-Krise zu meistern. So lobte der DGB am Montag die Maßnahmen der Regierung. Genauso wichtig sei es aber, »bereits heute dafür zu sorgen, dass am Ende nicht die Falschen dafür zahlen«.

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