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Vom Getreidesilo zum Datenspeicher

Innovative Ansätze zur Industriekonversion bei der russischen Biennale für Nachwuchsarchitekten - virtuell präsentiert im Berliner Aedes-Forum

Transformation von ehemaligen Industriearealen ist nicht nur ein Thema in den ökonomisch entkernten Gegenden Ostdeutschlands oder des Ruhrgebiets. Auch in weiten Teilen Russlands warten längst aufgegebene Stahlwerke, Maschinenbaubetriebe und riesige Lagerkomplexe auf Wiederbelebung und Neuentdeckung. Impulse für eine Neubewertung und Umnutzung dieser brach liegenden Areale versucht seit einigen Jahren die Stadt Kasan, Hauptstadt der Republik Tatarstan in Russland, zu geben.

Kasan hat sich nicht nur ab 2012 die Satellitenstadt Innopolis zugelegt - eine auf Informationstechnik spezialisierte Musterstadt, die gern ein Silicon Valley an der Wolga sein will. Seit 2015 gibt es dort auch ein Programm zur Entwicklung öffentlicher Räume. Und seit 2017 richtet Kasan - einst auch der Studienort von Wladimir Uljanow alias Lenin - die Biennale für junge Architekten aus. Baukünstler in einem Alter von maximal 35 Jahren werden zu Projekten eingeladen. Konnten sie bei der ersten Biennale 2017 noch Musterwohnprojekte eigener Wahl entwerfen, so wurden sie bei der zweiten Biennale 2019 aufgefordert, zwei frühere Industrieareale weiterzuentwickeln. Mehr als 700 Büros bewarben sich. Die Projekte der 30 Finalisten sind derzeit virtuell auf der Webseite des Berliner Aedes-Architekturforums zu sehen.

Bei den Arealen handelte es sich zum einen um eine frühere Hafenanlage mit einem gigantischen Getreidespeicher aus 168 Speichern von 30 Metern Höhe und einem noch über die Struktur hinausragenden Fahrstuhl und zum anderen um die historische Industrieanlage der Santekhpribor-Fabrik. Die Areale wurden den Finalisten per Los zugeteilt. Interessant ist zunächst, dass nicht nur Büros aus den Metropolen Moskau und Petersburg eingeladen wurden, sondern auch Architekten aus Provinzstädten wie Ufa, Samara oder Wladikavkas eine Chance erhielten. Das spricht für zunehmende Diversifizierung. Unter den Entwürfen stechen allerdings nicht die Preisträger als interessant hervor. Sie schlugen eher konventionelle Mischnutzungen für Kultur, Wohnen und Gewerbe vor.

Eine konzeptionell bestechende Lösung für den Getreidespeicher bot das SA-Lab aus Petersburg an. »Die Tiefe der Siloblöcke macht es unmöglich, dass Tageslicht hereindringt, und wenn diese Bedingungen gut sind für die Lagerung von Getreide, dann können sie auch nur gut sein für die Lagerung von Daten«, heißt es in der Projektbeschreibung. Also soll der alte Getreidespeicher in einen Datenspeicher umgewandelt werden. Eine brillante Idee. Ringsum sollen Wohnquartiere und Geschäftshäuser errichtet werden. Ein großes Kulturzentrum schlägt hingegen Maksim Bazaev aus Vladikavkaz vor. Der Fahrstuhl des Getreidespeichers soll dabei von einer gläsernen Plattform gekrönt werden.

Beim Industriegelände Santekhpribor fällt hingegen die gelungene Synthese aus Alt und Neu im Entwurf von Son Architecture aus Moskau auf. Als Grundmauern wird noch die alte Ziegelsteinarchitektur benutzt. Die oberen Stockwerke werden aus Glas gebaut. Auch der historische Fabrikschlot wird um einige gläserne Ringe ergänzt. Die Ruinen einiger alter Fabrikanlagen werden als historische Zeugnisse in ihrem Verfallszustand konserviert. Modernisierung und Erinnerung sind hier in einer spannenden Balance.

Historisches Bewusstsein zeichnet auch das Petersburger Büro 612 aus. Weil die nach der deutschen Sozialistin Clara Zetkin benannte Straße das Areal durchteilt, soll in einem Gebäude ein Clara-Zetkin-Museum für Politische Geschichte eingerichtet werden.

Die meisten Entwürfe für beide Areale zeichnen sich durch großzügige und mit viel Grün versehene Wohnbebauung aus. An die Monotonie sozialistischer Wohnmaschinen erinnert kaum noch etwas. Die Formensprache ist international.

Was den Wettbewerb neben der Altersbeschränkung auszeichnet, ist, dass die Biennale-Macher nicht nur den prämierten Entwürfen zur Realisation verhelfen, sondern auch Wettbewerbsteilnehmern mit interessanten Ideen für kleinere Projekte nach Tatarstan einladen. Die Wettbewerbseinsendungen sollen nach Willen des Kurators Sergei Tchoban - der in Berlin u.a. das funktionale Kino Cubix und die eher aufgeblasene Mall of Berlin am Leipziger Platz baute - zudem in eine Datenbank der Ideen einfließen, die Kasan, aber auch anderen russischen Städten zur Verfügung stünden.

Eine Stippvisite an die Wolga könnte auch manche Regionalverantwortlichen in Deutschland mit noch unerschlossenen Industriearealen auf neue und mutigere Gedanken bringen.

Die Präsentation unter: www.aedes-arc.de/cms/aedes/de/programm?id=19406033

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