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Der Mann von der Akropolis

Zum Tode des griechischen Antifaschisten Manolis Glezos

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Stunde, in der Manolis Glezos zur Legende wurde, schlug in der Nacht zum 31. Mai 1941. Seit fünf Wochen, seit dem Einmarsch der faschistischen Wehrmacht in Athen, wehte die Hakenkreuzfahne auf der Akropolis. Glezos, 18 Jahre alt und schon als Schüler in einer antifaschistischen Widerstandsgruppe aktiv, zornig und unerschrocken, kletterte mit seinem Freund Apostolos Sandas auf das Wahrzeichen der griechischen Hauptstadt, riss in einem filmreifen Handstreich die Nazifahne herunter und hisste die Flagge Griechenlands.

Die jungen Männer flohen; sie wurden zu Helden und Ikonen des Kampfes gegen die Besatzer. Diese verurteilten Glezos in Abwesenheit zum Tode, verhafteten ihn ein knappes Jahr später und folterten ihn. Glezos kam mit dem Leben davon; sein Bruder Nikos wurde hingerichtet. Später saß Manolis bei den italienischen Faschisten in Haft, schließlich bei griechischen Kollaborateuren.

Damit war eine dauerhafte Lebenslinie vorgezeichnet: zu kämpfen, sich aufzulehnen, dafür harte Entbehrungen zu erdulden. Zweimal wurde die Todesstrafe gegen ihn verhängt, elfeinhalb Jahre seines Lebens saß Glezos in Gefängnissen - auch während der vom Bürgerkrieg geprägten Nachkriegszeit, in den autoritären 50ern, während der Militärdiktatur Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Neben dem Komponisten Mikis Theodorakis war er einer der prominentesten Gefangenen der Diktatur - für ihre Freilassung kämpfte eine internationale Bewegung. Viereinhalb Jahre verbrachte er außerdem im Exil; angesichts all dessen mag man es als ausgleichende Gerechtigkeit betrachten, dass er ein sehr hohes Alter erreichte.

Manolis Glezos hat sich oft für die Einheit der Linken eingesetzt. Dass er dies immer wieder tun musste, zeugt auch von den Zersplitterungen, Verfolgungen und Feindschaften der Linken. In den 50ern war er für die Vereinigung der Demokratischen Linken aktiv, auch Abgeordneter; in den 70ern, nach dem Ende der Militärdiktatur, betrieb er den Wiederaufbau der Partei. Als radikaler Linker kandidierte er mehrfach auf der Liste der sozialdemokratischen Pasok, führte die linke Liste Synaspismos an und war maßgeblich am Zustandekommen des Syriza-Bündnisses beteiligt. Er machte Politik im Europaparlament und im Gemeinderat seines Heimatdorfes Apiranthos.

Geblieben sind ihm bis ins hohe Alter der Zorn und die Unerschrockenheit. Glezos protestierte öffentlichkeitswirksam gegen die unsoziale Sparpolitik der Regierungen vor Syriza, gegen die knallharten Auflagen der Gläubiger Griechenlands und gegen die Kompromisse seiner Genossen, als diese selbst regierten. Enttäuscht von der erzwungenen Sparpolitik der Regierung unter Alexis Tsipras, kandidierte er 2015 für eine letztlich erfolglose Syriza-Abspaltung.

Sein vielleicht wichtigstes Anliegen, sein Lebensthema: eine Wiedergutmachung Deutschlands für die von der Wehrmacht verübten Verbrechen und Verwüstungen. Es geht um Massenmord, Deportation, Zwangsarbeit, um die Ausplünderung des ganzen Landes. Glezos schrieb Brandbriefe an Bundespräsidenten, war Vorsitzender eines Komitees zur Einforderung der Kriegsschulden.

Vielleicht seine anrührendste Geste: Als 2017 der deutsche Botschafter bei einer Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des Nazi-Massakers von Distomo aus dem Zweiten Weltkrieg angegriffen wurde, sprang der schon 94-jährige Glezos dem Diplomaten zur Seite. Er nahm den Botschafter bei der Hand und sorgte dafür, dass der seinen Kranz an der Gedenkstätte ablegen konnte. »Das Kind eines Verbrechers, was auch immer die Verbrechen seines Vaters oder seiner Mutter seien, ist dafür nicht verantwortlich«, erklärte der Antifaschist. Dass er, obwohl fast ein Jahrhundert alt geworden, eine Entschädigung seines Landes durch Deutschland nicht erlebte, stellt der deutschen Politik ein beschämendes Zeugnis aus.

Am Montag ist der große alte Mann der griechischen Linken gestorben.

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