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Es lebe der Randort!

Kleinmachnow ist nicht Berlin. Heute ist 100. Geburtstag

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 4 Min.

Hundert Jahre Kleinmachnow: ein Anlass zum Jubeln. Und zum Nachdenken, was da eigentlich zu feiern ist. Wie wichtig war die Absicht, wie wesentlich das Ergebnis, wie verdienstvoll die Gründer? Ein dankbares bis nachdenkliches Erinnern ist immer an Personen geknüpft. Waren sie nur bürokratische Vollzieher von Maßnahmen? Oder doch Initiatoren, die einmal eine wichtige Chance genutzt haben?

Jahrhundertelang war Kleinmachnow ein Adelssitz. Da stellte die mustergültig den Südrand der Weltstadt Berlin abrundende Bürgersiedlung eine neue Qualität dar. Und ausgerechnet der noch von feudalen Strukturen geprägte Förster soll das federführend in die Wege geleitet haben?

Ja, Förster Funke machte einen Bürgerort aus Kleinmachnow. Geboren 1867 in Trebbin, ein paar Kilometer südlich von Berlin, hatte der Gastwirtssohn als einzige Bildung die Forstschule und das Militär vorzuweisen. Das genügte, um 1895 auf Lebenszeit als Förster in den Dienst derer von Hake auf Kleinmachnow zu treten.

Auf kargem märkischen Sandboden war da nicht viel Gewinn zu machen. Es sei denn, er bot Machnower Eichenholz den Hamburger Schiffswerften für die Steven der letzten Windjammer an. Mit den Jahren kam die Aufgabe des Gutsinspektors und dann die des Steuereintreibers bei den ersten spärlichen Besiedlern dazu. Von Natur aus heiter und kontaktfreudig, war er bei den Leuten allseits recht beliebt. Bei der Wilddieberei ertappte Hungerleider konnten auf seine Nachsicht hoffen.

Die 1919 etablierte Weimarer Republik setzte in der Reichshauptstadt endlich eine längst fällige kommunale und territoriale Neuordnung auf die Tagesordnung. Den absurden Zopf des Kreises Teltow galt es zu kappen, der vom südlichen Berliner Siedlungsgebiet bis ans Brandenburger Tor ragte. Spandau und Charlottenburg hatten bisher als selbstständige Städte auf ihre Rechte gepocht, ebenso wie die autonomen Orte von Zehlendorf bis Reinickendorf, Pankow bis Köpenick. Aus der kaiserlichen Rumpfhauptstadt ein 13-mal größeres Großberlin zu machen, daran hatte Adolf Wermuth, seit 1912 regierender Oberbürgermeister von Berlin umsichtig gearbeitet: Zum Beispiel, indem er in den Hungerjahren des Weltkrieges auch die Lebensmittelversorgung aller damaligen Randberliner gesichert hatte. (Außer Kleinmachnow - da tat das Förster Funke).

Das großstädtische Areal begann bereits überzulaufen - denn scharenweise suchten Alt- und Neu-Berliner über die Grenzen des Stadtgebildes hinaus Siedlungsraum. Heinrich Funke sah seinen Dienstherrn Dietloff von Hake entschwinden - und dessen 750 Hektar Wald und Heide in den Händen cleverer Siedlungsgesellschaften. Doch der überzeugte Forstmann hatte sich rechtzeitig Verbündete unter den 20 Erstbesiedlern gesucht, mit denen er sich zur Wahl stellte. Am 18. Februar 1920 wurden zwölf Gemeindevertreter gewählt, die ihn zum Gemeindevorsteher bestimmten. Die Gründung der »Gemeinde Kleinmachnow« konnte pünktlich zum 1. April vollzogen werden. Kein Aprilscherz - damit war man immerhin den Berlinern ein halbes Jahr voraus. Denn Oberbürgermeister Wermuth schaffte seine Gründung erst zum 1. Oktober. Seine Tragik bestand darin, dass der Parteilose bereits im November über erste Parteiintrigen zu Fall gebracht wurde.

Förster Funke »regierte«, stets wiedergewählt, bis zum Ruhestand 1932. Der zunächst ehrenamtliche Quasi-Bürgermeister hielt zwölf Jahre durch. Die Förster-Funke-Allee ist in Kleinmachnow die den Rathausmarkt querende Hauptstraße. Der ungleich mächtigere OB Wermuth der neuen Groß-Hauptstadt hatte nur sieben Wochen. Und kennen Sie eine Adolf-Wermuth-Straße in Berlin?

Die im Randort Zugezogenen fühlten sich als Urberliner. Bis in die 60er Jahre waren sie postalisch mit dem Ortstarif für Briefsachen begünstigt. Nur telefonisch mussten sie über das »Schnellamt« mit den Berliner Nummern erst verbunden werden. Ihr »Geruch« war nicht der Beste: Überfließende Jauche bewies das Fehlen einer Kanalisation. Aus der Stadtgrenze wurde eine Staatsgrenze. Massen scheidender Bewohner folgten nun Leute, die Film und Fernsehen einerseits und Elektronik und Messwesen andererseits hochbrachten.

Wer so dem Staat wichtig gewesen war, wurde nach dessen Ende abgehängt. Die anderen wurden im neuen Wohngebiet hart neben dem »Europarc Dreilinden« heimisch, das Areal war bis 1989 berüchtigt bei den Transitreisenden als »Kontrollpunkt Dreilinden«. So können heute hier sesshafte Bundesbürger den hundertjährigen Ort nicht nur als Anhängsel, nein, vielmehr als Pointe einer Weltstadt sehen!

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