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Von Helden zu Mördern

Fotos aus Afghanistan erschüttern die Verehrung der Australier für ihre Landsleute in Soldatenuniform

  • Von Thomas Berger
  • Lesedauer: 6 Min.

Das Australian War Memorial liegt direkt zu Füßen des Mount Aislee. Das ist der Hausberg Canberras. Die australische Hauptstadt mit ihren breiten Straßen folgt dem bis heute gut sichtbaren Masterplan des Architektenpaars Walter Burley Griffin und Marion Mahony Griffin, nach deren Plänen sie einst in die Landschaft gepflanzt wurde. Direkt hinter dem AWM-Gebäudekomplex zieht sich der mit lockerem Wald bestandene Berghang in sachtem Anstieg bis zum 843 hohen Gipfel mit seiner Panoramaaussicht. Auf der anderen Seite führt die ANZAC Avenue hinunter zur schimmernden Wasserfläche des Lake Burley Griffin. Drei Fahrspuren führen in jede Richtung, dazwischen ein ausgedehnter Mittelstreifen. Eine Prachtpromenade - schon hier beginnt das glorifizierte Erinnern an Australiens militärisches Wirken in aller Welt.

ANZAC, das ist das bis heute allgegenwärtige Kürzel der Truppen im Ersten Weltkrieg (siehe Spalte rechts). Entlang der Avenue ist diesen ein Denkmal ebenso gewidmet wie australischen Einheiten in anderen Einsätzen. Eines reiht sich ans andere. Vom See her auch je eines, das an den Vietnam-Krieg erinnert (mit australischer Beteiligung 1962 bis 1973), an den Korea-Krieg (1950 bis 1953) und an die australischen Verbände in Griechenland zur Unterstützung alliierter Truppen während des Zweiten Weltkriegs (1941).

Jenseits des Kreisels liegt unübersehbar das Kriegsdenkmal - AWM. Aus aufeinandergeschichteten Quadern an diese Stelle geklotzt, zwei halbhohe »Türme« zu beiden Seiten der Eingangstreppe, im Hintergrund das beinahe tempelartige Mittelstück mit der mächtigen Kuppel. »The Courage for Peace« (Der Mut zum Frieden) ist auf zwei riesigen Bannern rechts und links zu lesen - den Anspruch illustrierend, das hier nicht nur schlichte Heldenverehrung geübt wird.

Drinnen ist das allerdings schwer durchzuhalten. Beiderseits des offenen Mittelgangs hinter dem Eingang, flankiert von zwei steinernen Löwen aus Ypern, wo im Ersten Weltkrieg 38 000 Australier starben, ziehen sich an den glatten Wänden die Schriftzüge mit den Namen der Länder und Regionen, wo australische Soldaten im Einsatz waren und gefallen sind. Bis hin zu den Missionen im Irak, in Afghanistan, Osttimor und auf den Salomonen. Entlang der Wandelgänge oben stehen eingraviert die Namen derer, die nicht lebend heimkehrten. Von Frieden keine Spur.

Nicht automatisch müssen selbst pazifistisch Geprägte Anstoß nehmen, auch wenn die wuchtige Architektur eher martialisch als besinnlich wirkt. Hinter dem kuppelgekrönten Mittelstück allerdings betritt der Besucher den Museumsabschnitt der Gedenkstätte. Und spätestens dort ist es mit jeder Zurückhaltung vorbei. Im Vordergrund steht der heldenhafte Kampf der australischen Soldaten, illustriert in Dioramen, Bildern, originalen Exponaten. Weiter hinten ist eine Halle allein dem Luftkrieg gewidmet. Motorengedröhn von Flugzeugen und Gefechtsgeräusche lassen sich nicht einmal ausblenden, wenn Besucher bei einem Cappuccino eine Pause einlegen.

Vor einem weiteren Café, rechterhand neben dem Hauptkomplex, befindet sich die Metallskulptur eines Hundeführers mit seinem getreuen Vierbeiner, behängt von einigen Blumengirlanden. »Poppy’s Café« erinnert, wie auf Schildern nachzulesen ist, explizit an einen in Afghanistan gefallenen Soldaten - und soll ein wenig Atmosphäre von dort vermittelt. Das überdimensionierte Bild einer australischen Einheit ziert fast eine ganze Seitenwand, die etwa 100 Uniformierten blicken direkt hinab auf die Menschen an den Tischen. Zwischendrin Exponate in Vitrinen.

»I am deeply disturbed«, sie sei zutiefst beunruhigt darüber, was sie im Investigativformat »Four Corners« des ABC-Fernsehens nun gesehen habe, ließ sich Linda Reynolds kürzlich vernehmen. Und damit steht Australiens Verteidigungsministerin keineswegs allein. Denn das, was da online immer noch abrufbar ist, wirkt zerstörerisch auf das scheinbar unbefleckte Bild der australischen Truppen im Ausland, besonders auf die verklärte Mission in Afghanistan. Mord in Uniform, so lautet der nun erhobene Vorwurf. Die Enthüllungen nehmen Bezug auf mehrere Fälle, in denen Angehörige einer Eliteeinheit auf Patrouille Unbewaffnete, die sich bereits ergeben hatten, erschossen haben sollen.

Eine solche Szene, von der Helmkamera eines Soldaten aufgezeichnet, dient jetzt als Beweismaterial in der inzwischen angelaufenen Untersuchung. Von weiteren ähnlichen Vorfällen spricht im ABC-Interview Braden Chapman, der ab 2012 in der betreffenden, nun ins Zwielicht geratenen Eliteeinheit SAS (Special Air Service) im Einsatz war.

Es war ein Tag bereits im Mai 2012, als die verstörenden Bilder entstanden. Das SAS-Team, den Berichten zufolge von zwei Blackhawk-Hubschraubern abgesetzt, fahndete nach mutmaßlichen Bombenbauern. Zu sehen ist, wie sich ein junger Mann in einem grünenden Feld zusammenkauert. Aus kurzer Distanz gibt unmittelbar darauf der am nächsten stehende Soldat die tödlichen Schüsse auf ihn ab.

Bei dem Opfer soll es sich um Dad Mohamed, 25 oder 26 Jahre alt, handeln. Von einer »klaren Exekution« spricht Chapman in der Bewertung der Bilder. Die Einschätzung kommt nicht von ungefähr. Immerhin hat Chapman in der gleichen Einheit gedient und dabei nach eigenen Aussagen Vergleichbares erlebt. Er habe sich entschlossen, darüber nicht länger aus falsch verstandener Kameradschaft den Mantel des Schweigens zu legen, tut er im Interview kund.

Chapman, ein Mann mittleren Alters, gehörte zu jenen, die in tiefster Überzeugung nach Afghanistan gingen, um dort einen »Friedensauftrag« zu erfüllen. Sicherheit zu schaffen in einer Provinz des Landes am Hindukusch, war sein Ziel. Seit Jahrzehnten wird Afghanistan von einem mal aufflammenden und mal abflachenden, aber pausenlos anhaltenden bewaffneten Konflikt mit wechselnden Akteuren erschüttert. Vom Kampf der Kriegsfürsten bis zum wenig glorreichen Abzug der sowjetischen Truppen 1989, die die Regierung Najibullah in Kabul gegen vom Westen unterstützte konservative bis offen radikalislamische Mujaheddin unterstützt hatte. Dann jahrelanges Chaos mit neuem Leid, als die vermeintlichen »Freiheitskämpfer« sich im Machtgerangel jeder gegen jeden verstrickten.

Schließlich der Aufstieg der radikalreligiösen Taliban und der Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Offizielle Begründung hierfür war, dass die Taliban den später im pakistanischen Abottabad durch ein US-Spezialkommando erschossenen Al-Kaida-Führer Osama bin Laden beherbergten und nicht ausliefern wollten.

Das Bild, das Braden Chapman von seiner Mission in Afghanistan hatte, bekam schnell Risse. Ebenfalls im Mai 2012, kurz nach seinem Eintreffen, war er bei einem sehr ähnlichen SAS-Patrouillengang dabei. Als sich das Team einem Haus in einem afghanischen Dorf nährte, hätten sie einen Mann gesehen, der zu fliehen versuchte und dabei ein Handy fortwarf.

Als seine Einheit auf 20 bis 30 Meter herangerückt war, habe der Mann sich mit klar erkennbarer Geste der Hände über dem Kopf ergeben. Einer seiner Kameraden habe das Feuer eröffnet, berichtete Chapman. »Als wir näher kamen, traf der Soldat ihn zweimal in den Bauch und schoss ihm dann noch von hinten in den Kopf.«

Chapman konnte das grausige Geschehen aus der Nahdistanz verfolgen: »Das Bild für mich war, dass der Mann die Hände über dem Kopf hatte und es für den Soldaten beinahe so etwas wie Übungsschießen war.« Er selbst sei dann angewiesen worden, die Taschen des Toten zu leeren. Und als ein Hundeführer hinzukam und der Vierbeiner am Gesicht des Toten zu kauen begann, so erinnerte sich der Augenzeuge, habe er den Kameraden angebrüllt, den Hund wegzunehmen. Was dieser mit einer wegwerfenden Bemerkung quittiert habe.

Insgesamt 55 Vorfälle, die sich über den Zeitraum 2005 bis 2016 erstrecken, soll der Generalinspekteur der Streitkräfte als Untersuchungsorgan nun noch einmal genau unter die Lupe nehmen. So hat es die Ministerin verkündet und dieser Aufklärung ihre volle Rückendeckung zugesichert. Schließlich galt bisher in den offiziellen Berichten, was auch über die von der Helmkamera festgehaltenen Szene niedergelegt wurde: »Erschossen in Notwehr.« Dass sich dies nicht in allen Fällen so halten lassen wird, scheint offensichtlich. Und jeder einzelne Vorfall, der zumindest begründete Zweifel weckt, wirft einen Schatten auf den Nimbus der australischen Helden in Afghanistan.

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