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Vom Club in die ganze Welt

Kampagne »United We Stream« zieht positive Bilanz und weitet das Angebot global aus

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wir waren die Ersten, die schließen mussten, und werden die Letzten sein, die wieder aufmachen«, ist sich Pamela Schobeß, Betreiberin des Berliner Clubs »Gretchen«, sicher. »Selbst wenn wir nächsten Monat wieder öffnen könnten, würden viele Clubs das nicht überleben.« Zwar seien sie nicht die Einzigen, die unter der Coronakrise leiden, räumt Schobeß ein, im Gegensatz zum produzierenden Gewerbe könnten sie die Ausfälle aber nicht kompensieren: »Wir haben einen Totalausfall. Wir haben null Geld, sitzen aber auf den Kosten.« Auf lange Sicht könnte das fatale Konsequenzen haben: »Wenn die Spielstätten wegbrechen, haben die Künstler*innen keine Plattform mehr und die Musikszene bricht zusammen«, glaubt sie.

Seit mehr als zwei Wochen dauert der Shutdown der Berliner Clublandschaft nun schon an. Weil dadurch zahlreiche Betreiber*innen und Künstler*innen in finanzielle Not geraten, startete die Clubcommission gemeinsam mit Reclaim Club Culture in Zusammenarbeit mit Arte am 18. März die Plattform »United We Stream« zur Rettung der Berliner Clubkultur. Am Mittwoch zogen sie eine erste Bilanz - und zeigten sich begeistert von der großen Solidarität.

»Dass wir innerhalb von wenigen Tagen so ein Projekt aufziehen konnten, zeigt, dass die Clubszene zusammensteht, statt in Konkurrenzdenken zu verfallen«, sagt Lutz Leichsenring von der Clubcommission. Über die Plattform werden jeden Tag jeweils aus einem anderen Berliner Club DJ- und Konzertauftritte live gestreamt. Mehr als 40 Clubs sind daran beteiligt, bislang haben rund 70 Künstler*innen mitgemacht. Mit Erfolg: Knapp fünf Millionen Menschen haben die Streams laut »United We Stream« (UWS) bislang genutzt, pro Auftritt seien es um die 5000 Zuschauer*innen. »So einen großen Club, in dem wir so viele Menschen erreichen können, gibt es gar nicht«, freut sich die Initiative Reclaim Club Culture.

Doch mit der Kampagne soll nicht nur die tägliche Dosis Sound der Clubkultur in die Wohnzimmer oder WG-Küchen gebracht, es sollen auch Spenden gesammelt werden. 300 000 Euro sind bereits zusammengekommen, ein Drittel des Spendenziels ist damit erreicht. Für das Überleben der Berliner Clubszene braucht es jedoch mehr: »Trotz der enormen Spendenbereitschaft wird die Summe bei Weitem nicht ausreichen, um den Bestand von Clubs und die Zehntausenden daran geknüpften Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu erhalten.« Ohne die Hilfe der Politik wird es nicht gehen, sind sich alle Beteiligten sicher.

Die ersten Spendengelder sollen demnächst ausgeschüttet werden. Welcher Club wie viel bekommt, wird über einen komplexen Verteilungsschlüssel geregelt. Die verschiedenen Lokalitäten können einen Antrag stellen - je mehr Punkte sie sammeln, desto mehr Geld bekommen sie. Dabei gilt: Je diverser und politischer das Programm, desto mehr Punkte werden vergeben. »Es geht bei uns stark um die Inhalte und den Clubkontext«, erklärt Lutz Leichsenring.

Den Macher*innen von »United We Stream« denken jedoch nicht nur an sich selbst. »Wir fordern Solidarität über die Clubszene hinaus«, heißt es. Da Soli-Partys zurzeit nicht stattfinden können, müsse das Geld eben über andere Wege reinkommen. Acht Prozent der Spenden sollen an den Stiftungsfond »Zivile Seenotrettung« gehen, über den Initiativen zur medizinischen Versorgung Geflüchteter insbesondere in den griechischen Lagern unterstützt werden sollen.

Ausruhen will sich das Bündnis auf seinem Erfolg nicht, im Gegenteil: Das Angebot soll vielmehr erweitert werden. Mit »United We Stream global« will die Initiative nun auch ins Ausland expandieren: »Wir wollen ermöglichen, dass andere Städte von dem Know-how und der Reichweite, die wir aufgebaut haben, profitieren können«, erklärt Lutz Leichsenring. Los gehe es am Samstag zunächst mit Stuttgart und Hamburg, danach sollen weitere Städte wie Wien, Amsterdam und Manchester folgen.

Ebenfalls neu ist das Debattenformat »United We Talk«, das es ab Sonntag zweimal die Woche geben soll. Dabei werden Gäste aus popkulturellen, aktivistischen oder wissenschaftlichen Bereichen darüber diskutieren, wie die Krise als Chance für progressive gesellschaftliche Veränderungen genutzt werden kann. Diese Aufgabe darf laut Reclaim Club Culture nicht der freien Wirtschaft überlassen werden, da die kapitalistische Eigentums- und Wirtschaftsordnung für diese Krise keine humanen Lösungen bieten könne: »Schluss mit dem ›Weiter so‹. Ergreifen wir die Chance für den Aufbau eines solidarischen Gesellschaftssystems«, so ihr Appell.

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