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Corona

»Wir sind so eine Art Seelentröster«

Corona zeigt, wie wichtig die Apotheken sind. Mehr Anerkennung täte gut, meint ein Pharmazeut.

Von Inga Dreyer

Herr Steckel, haben viele Ihrer Kund*innen Angst oder Panik wegen Corona?

Es ist natürlich ein Ausnahmezustand. Aber dass die Leute panisch sind, kann man nicht behaupten. Es geht schon relativ abgeklärt zu. Die Menschen haben Fragen und wollen sich informieren, was sie zusätzlich tun können. Die meisten sind darauf bedacht, einen kleinen Vorrat ihrer Medikamente anzulegen - und folgen der Weisung der WHO, dass sie Fiebermittel zu Hause haben sollten.

Gibt es neben Atemschutzmasken etwas, das bei Ihnen knapp wird?

Ja, Desinfektionsmittel. Wir konnten zum Glück große Mengen an Flächendesinfektionsmittel erwerben. Wir füllen das in kleineren Mengen ab, um es so weit wie möglich zu streuen. Es hilft nichts, wenn einer fünf Liter Desinfektionsmittel hat, und hundert Leute haben nichts. Das gilt auch für Schutzkleidung und Handschuhe. Wir sind schon früh dazu übergegangen, keine großen Mengen abzugeben. Paracetamol haben wir beispielsweise auf zwei Packungen pro Kunde begrenzt - zumal es da schon Lieferschwierigkeiten gibt.

Sie haben jeden Tag Kontakt zu vielen Menschen. Wie schützen Sie sich und Ihre Mitarbeiter*innen?

Wir versuchen trotz der kühlen Temperaturen regelmäßig die Tür aufzulassen, um die Luft auszutauschen. Am Verkaufstisch haben wir Plexiglasscheiben angebracht, um uns und die Kunden vor Tröpfcheninfektion zu schützen. Außerdem arbeiten wir mit Handschuhen und sind dazu übergegangen, uns die Hände mit Handschuhen zu waschen und zu desinfizieren, um die Hautreizung zu minimieren. Ansonsten kann man wenig machen - außer der normalen Husten- und Nies-Etikette. Wir harren der Dinge. Noch sind alle symptomfrei.

Machen Sie sich Sorgen?

Ich eher weniger. Ich bin ein pragmatischer Mensch. Ich schütze mich, aber ich bin der Meinung, dass Ängste das Immunsystem nicht sonderlich stärken. Das heißt nicht, dass ich irgendetwas verharmlose. Aber man sollte die Situation realistisch darstellen und sich nicht in irgendwelchen Spekulationen ergehen.

Was für eine Rolle spielen Apotheken im Kiez - auch außerhalb der Krise?

Apotheken haben die Rolle der früheren Tante-Emma-Läden übernommen. Sie sind ein Informationsumschlagplatz. Gerüchte und Neuigkeiten werden hier unfreiwillig gebündelt und auch weitergegeben. Es gibt immer einen Anteil des Gesprächs, der sich um Persönliches dreht.

Worüber unterhalten sich die Menschen?

Das geht querbeet. Viele haben keine Angehörigen. Sie diskutieren tagespolitische Sachen, erzählen von ihren Haustieren, von Problemen mit Nachbarn oder wie sich ihre Gesundheit verbessert oder verschlechtert hat. Sie unterhalten sich, um ihren Mangel an Kommunikation auszugleichen. Das ist deutlich spürbar. Manchmal muss man das leider unterbrechen. Das ist dann Abwägungssache. Wenn es jemandem außergewöhnlich wichtig ist, bitte ich darum, kurz zu warten, und bediene erst die Kundschaft, bei der es schneller geht. Wir sind so eine Art Seelentröster, Informationsquelle oder auch Familienersatz.

War Ihnen das bewusst, als Sie sich entschieden haben, Apotheker zu werden?

Ich komme aus einem Apothekerhaushalt und bin mit dieser Art des Kundenverhältnisses aufgewachsen. Das war auch einer der Hauptgründe, warum ich nicht in der Industrie oder in der Wissenschaft, sondern in einer öffentlichen Apotheke arbeiten wollte. Das Manko ist nur, dass man in der heutigen Zeit aufgrund der vielen administrativen Tätigkeiten nicht mehr so viel Zeit hat.

Wie kamen Sie zu Ihrem Berufswunsch?

Ich komme aus Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands. Dort bin ich zu DDR-Zeiten in einem bürgerlichen Haushalt groß geworden. Meine Mutter leitete eine Apotheke, wo wir als Kinder auch oft waren. Das hat mich geprägt. Eigentlich hatte ich vor, Medizin zu studieren. Aber zu dieser Zeit gab es Anforderungen, die ich notentechnisch nicht bewältigen konnte. Ich wollte auch nicht viel länger auf einen Studienplatz warten. Deswegen studierte ich Pharmazie und hatte vor, mich ins gemachte Nest zu setzen und die 1990 privatisierte Apotheke meiner Mutter zu übernehmen. Während des Studiums habe ich aber gemerkt, dass ich in der Großstadt bleiben wollte.

Wie sind Sie in Nord-Neukölln gelandet?

Das hat mit meinem eigenen Hintergrund zu tun. Vor über 20 Jahren bin ich zum Islam konvertiert. Ich hatte immer einen Bezug zu türkischen und arabischen Menschen. Als ich die Apotheke 2005 eröffnet habe, bemerkte ich eine große Lücke, was deren Betreuung im Zusammenhang mit ihrem kulturellen Hintergrund angeht. Viele hätten gerne, dass man beispielsweise bei der Empfehlung von Arzneimitteln auf ihre Ernährungsgewohnheiten eingeht.

Im Kiez wird Türkisch und Arabisch, aber auch Englisch und Französisch gesprochen. Wie können Sie alle gut beraten?

Mit Englisch kommt man sehr oft weiter. Da meine Frau aus einem arabischen Land stammt, bin ich auch in der Lage, mich auf Arabisch zu verständigen. Außerdem haben wir eine türkische Angestellte, die dolmetschen kann. Wenn das alles nicht fruchtet, dann funktioniert es mit Händen und Füßen oder mit Google Translate. Es gibt immer Möglichkeiten. Man muss es nur wollen. In der normalen »Durchschnittsapotheke« kommt es leider oft vor, dass das Personal erwartet, dass jemand, der in Deutschland in eine Apotheke geht, doch bitte Deutsch zu reden hat.

Sie kennen viele Kund*innen sicher gut?

Viele, die mit Kindern kommen, kannte ich schon, als sie noch als Jugendliche bei ihren Eltern lebten. Man begleitet viele Leute automatisch mit. Das ist etwas ganz Schönes, weil man irgendwie selbst Teil ihres Lebens ist. Sie haben Vertrauen und sehen in einem oft die letzte Hilfe, wenn sie nicht mehr weiterwissen.

In Berlin hat man den Eindruck, dass es an jeder Ecke eine gut besuchte Apotheke gibt. Stimmt das?

Mein Credo bestand immer darin, mich durch ein überdurchschnittliches Serviceangebot abzuheben. Denn es gibt tatsächlich einen Wust an Apotheken. Aber dass die alle super laufen würden, ist ein subjektiver Eindruck, der nicht ganz zutrifft. 2003 wurden mit der Gesundheitsreform die Gewinne der Apotheken auf verschreibungspflichtige Medikamente gekappt. Von bis zu 38 Prozent wurden sie auf 3 Prozent vom Einkaufspreis gesenkt - plus rund 8 Euro pro Packung. Die Rezeptumsätze in einer Kiez-Apotheke wie meiner reichen eigentlich nur, um die laufenden Kosten zu decken.

Wie verdienen Sie dann? Mit Bonbons und Vitaminen?

An einer Tüte Bonbons verdient man vielleicht 40 oder 50 Cent. Kosmetik spielt eine größere Rolle. Stark muss man vor allem im Selbstmedikationsbereich sein. Ich möchte aber einer alten Dame nicht 200 Aspirintabletten verkaufen, obwohl sie auch mit acht gut bedient wäre. Man nutzt stattdessen das verordnete Medikament, um daraus Zusatzverkäufe zu generieren. Wenn zum Beispiel ein Antibiotikum verschrieben wird, das Durchfall verursachen kann, empfiehlt man ein Darmtherapeutikum. Allerdings: Jemand, dem etwas Unnützes verkauft wurde, kommt nicht wieder. Die Apotheke ist keine Gelddruckmaschine mehr, wie das vielleicht früher mal der Fall war. Das ist auch ein Stück weit berechtigt. Aber wenn man an Medikamenten einen größeren Gewinnanteil hätte, müsste man nicht ständig auf diese krämerischen Verkaufsstrategien zurückgreifen. Wir sind Dienstleister im Gesundheitswesen, aber bekommen nur den Handel mit einer Ware bezahlt.

Was würden Sie sich noch wünschen?

Dass die Wertschätzung des Apothekers in etwa der gleichkäme, die dem Arzt entgegengebracht wird. Das ist in der Coronakrise wieder dasselbe. Der Gesundheitsminister hat einen Dankesbrief an die Ärzte geschrieben, die unbestreitbar eine hohe Leistung erbringen. Aber es wird nicht darauf eingegangen, dass die Apotheken gerade die doppelte Kundenzahl zu bewältigen haben und einem Ansturm an Leuten ausgesetzt sind, die unter Umständen Erreger mitbringen. Viele denken, wir würden nur Schubladen auf- und zuziehen und Geld abkassieren. Man wird nun hoffentlich feststellen, dass Apotheken einen wichtigen Platz in der Gesellschaft einnehmen.

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