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Coronakrise

Einfach mal reden

In Zeiten von Kontaktverboten sind Sorgentelefone für Senioren mehr denn je gefragt.

Von Rainer Rutz

Einsamkeit, Ängste, Depressionen: Dafür, dass sich Elke Schilling sieben Tage die Woche mit diesen Themen auseinandersetzt, ist die Initiatorin der kostenfreien Berliner Senioren-Sorgen-Hotline Silbertelefon außerordentlich fröhlich. Gerade erst hat die 75-Jährige vor den Geschäftsräumen ihres, so Schilling, »Callcenterchens« an der Wollankstraße in Wedding die Spende einer Firma in Empfang genommen - eine ganze Palette mit neuen internetfähigen Telefonen für die 16 Mitarbeiter*innen und 40 Ehrenamtler*innen des Vereins Silbernetz, der die Hotline betreibt.

Die Ehrenamtler*innen engagieren sich normalerweise im Rahmen eines anderen Silbernetz-Projekts und rufen lediglich mindestens einmal in der Woche zu einer festen Zeit bei vereinsamten Senior*innen an, die über den Verein vermittelt werden. Doch aktuell gibt es kein »normalerweise«. In den letzten Wochen sitzen die Ehrenamtler*innen jeden Tag am Telefon und nehmen ununterbrochen Gespräche an, wie Schilling erzählt.

Das Silbertelefon ist unter der Nummer 0800-4 70 80 90 - die Zifferngruppen benennen dabei die Zielgruppe - täglich, also auch am Wochenende, von 8 bis 22 Uhr erreichbar. Eigentlich war sie Anrufer*innen aus Berlin vorbehalten, seit zwei Wochen ist sie deutschlandweit freigeschaltet. Denn die Sorgen älterer Menschen sind mit der Corona-Pandemie überall enorm gestiegen - und damit auch der Redebedarf. Wo erhalte ich jetzt mein Rezept, wenn meine Arztpraxis geschlossen hat? Wie komme ich an meine Lebensmittel, wenn ich das Haus nicht mehr verlassen soll? Und dann sind da noch die Angst und die Einsamkeit, wenn der Partner oder die Partnerin in einem Pflegeheim wohnt und nicht mehr besucht werden darf.

Das Anrufaufkommen beim Silbertelefon hat sich seit Beginn der Coronakrise mehr als vervierfacht. An manchen Tagen nehmen Schillings Mitstreiter*innen bis zu 170 Anrufe an. Zuvor waren es um die 40. Auffällig sei dabei, dass sich neuerdings auch jüngere, eigentlich noch fitte und bewegliche Senior*innen melden, so Schilling. Durch die Einschränkungen im öffentlichen Leben und die Aufrufe, soziale Kontakte zu reduzieren, trifft die Einsamkeit auch die Jüngeren.

Was Alleinsein im Alter für Folgen haben kann, hat Schilling vor gut sechs Jahren miterlebt, als ihr Nachbar starb. Wochenlang war sie dem alten Mann nicht begegnet, und hätte Schilling nicht irgendwann besorgt den Vermieter kontaktiert, hätte er noch länger tot in seiner Wohnung gelegen. Das Erlebnis hat sie umgetrieben, erzählt die Diplom-Mathematikerin, die 22 Jahre in Rechenzentren von DDR-Ministerien und -Betrieben gearbeitet hat und in den 90ern für die Grünen in Sachsen-Anhalt Staatssekretärin für Frauenpolitik war. »Ich habe dann recherchiert und bin auf die Silver Line gestoßen.«

Die 2012 aus der Taufe gehobene britische Senioren-Hotline Silver Line wird die Blaupause für das Silbertelefon. Schilling fährt nach London, unterhält sich mit den Mitarbeiter*innen der dortigen Kummernummer - und legt los. Sieben, acht Leute kann sie gewinnen, doch einfach ist der Start in Deutschland nicht: »Als wir angefangen haben, bin ich auf viele Widerstände und viel Ignoranz gestoßen.« Altersdiskriminierung eben, sagt Schilling. 2017 wird die Hotline über die Weihnachtsfeiertage und Silvester erstmals freigeschaltet, seit September 2018 ist das Silbertelefon dauerhaft erreichbar.

Natürlich existierten auch vorher schon telefonseelsorgerische Angebote für Menschen in Krisensituationen. Was aber fehlte, so Schilling, war eine generelle »Sensibilisierung für Alterseinsamkeit«, ein niedrigschwelliges Angebot, das sich zielgerichtet an vereinsamte Senior*innen wendet und diese dabei nicht »verkindlicht«. »Wir sind Gesprächspartner auf Augenhöhe. Unser Motto ist: Einfach mal reden.« Die meisten Anrufer*innen suchten nämlich genau das. »Viele Senioren haben Angst, ihren Kindern auf den Senkel zu gehen«, sagt Schilling.

Daneben gibt Silbernetz auch ganz praktische Tipps, von der Mobilitätshilfe bis zu alltäglichen Hilfsangeboten in der Nachbarschaft. Nicht weniges davon findet sich auch online. »Viele alte Menschen sind aber über das Internet gar nicht zu erreichen. Sie haben keins oder können damit nicht sicher umgehen«, weiß Schilling. Sie seien somit nicht nur einsam - ihnen fehle auch der Zugang zu Informationen, um aus dieser Einsamkeit herauszufinden. Ein »doppeltes Handicap«, findet Schilling.

Wichtig sei ihr daher auch, Brücken zu anderen Hilfsnetzwerken zu schlagen. Auf den Portalen nebenan.de und gemeinschaft.online etwa bieten jüngere Leute älteren Nachbar*innen ihre Hilfe an. In diesen Tagen, in denen Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) schon mal vorschlägt, »alle über 70-jährigen Menschen in Quarantäne zu nehmen«, ist dieses Zusammenbringen von Jung und Alt umso nötiger.

Etliche Silbertelefonist*innen wissen das aus eigener Erfahrung, gehören sie doch selbst zu den sogenannten Risikogruppen für schwere Verläufe von Covid-19, die das Haus nicht mehr verlassen sollen. »Wir beschäftigen Menschen zwischen 40 und 60, die als Schwerbehinderte oder Langzeitarbeitslose auf dem ›regulären‹ Arbeitsmarkt oft keine Chance haben«, berichtet Schilling. Bei Silbernetz bekommen sie unbefristete Arbeitsverhältnisse, werden gecoacht und geschult. Einzige Einstellungsvoraussetzung: viel Empathie und mindestens ebenso viel Geduld. »Alte Leute wiederholen sich ja manchmal.«

Anders als vor sechs Jahren, kann sich Schilling heute über mangelnde Rückendeckung nicht beklagen. 15 bis 20 E-Mails mit Hilfsangeboten erreichen sie zurzeit am Tag. »Jetzt kommt von allen Seiten Unterstützung. Ich erlebe seit drei Wochen Wunder über Wunder.« Vor Kurzem habe etwa die Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli (SPD), angerufen und gefragt, ob und wie sie helfen könne.

Trotz der Unterstützung durch Stiftungen ist der Verein auf zusätzliche Gelder angewiesen, aufgrund des gestiegenen Anrufaufkommens noch mehr als sonst. Denn bei einer kostenfreien Hotline trägt der Angerufene die Kosten: »Je mehr Anrufe wir bekommen, desto teurer wird es für uns«, sagt Schilling. Obwohl der Provider dem Projekt bereits entgegengekommen ist, belaufen sich die monatlichen Telefonkosten derzeit auf 1500 Euro - Tendenz steigend. Die 60 000 Euro Preisgeld, die Elke Schilling Anfang der Woche von der Hamburger Körber-Stiftung für ihr Engagement erhalten hat, kommen da gerade recht.

»Mit dem Übergang in das Rentenalter fällt man aus dem Leben raus«, meint die Silbernetz-Initiatorin. Wer ihr zuhört, gewinnt allerdings den gegenteiligen Eindruck. Sich jetzt zurückzuziehen, kommt für sie nicht infrage: »Ich bin topfit, ich habe Verantwortung übernommen für ein Projekt, das jetzt nicht einfach sterben kann«, sagt Schilling. Gleichwohl macht auch sie dieser Tage die Erfahrung, »dass man schräg angeschaut wird, wenn man als älterer Mensch auf die Straße geht«.

Fast das gesamte Team von Silbernetz arbeitet inzwischen coronabedingt von zu Hause aus. Auch Schilling wird sich in den nächsten Tagen ins Homeoffice verabschieden. Hat sie selbst Angst vor der Einsamkeit? Schilling lacht. »Ach was! Ich genieße es, zu Hause allein zu sein.«

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