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BER

Parkhafen BER

An Berlins Flughäfen stehen Jets rum, nur der Frachtverkehr läuft emsig.

Von Tomas Morgenstern

Am Himmel über Berlin ist in den vergangenen Tagen eine bislang kaum für möglich gehaltene Ruhe eingekehrt - der lärmende Flugverkehr, der die Metropole in normalen Zeiten im kurzen Takt mit Zielen im In- und Ausland verbindet, ist auf ein Minimum zurückgegangen. Am Boden dagegen, auf Stellflächen und ungenutzten Pisten der Airports reihen sich zahlreiche einstweilen stillgelegte Passagierjets. Vor allem der noch unfertige Flughafen BER bewährt sich in der Coronakrise ein weiteres Mal als riesiger Parkplatz. Nach Angaben der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) reihten sich in dieser Woche auf dem Vorfeld des Hauptterminals T1 insgesamt 30 abgestellte Maschinen der Lufthansa, 20 von Easyjet und zehn von Ryanair. Die beiden Billigfluglinien haben auch in Tegel 30 Flieger geparkt.

Es ist ein Phänomen, das derzeit auch andere Großstädte im Bundesgebiet erleben - auch an den großen deutschen Luftdrehkreuzen Frankfurt am Main, München oder am Frachtverkehrsknoten Leipzig finden immer weniger Flugbewegungen statt, werden selbst wichtige Destinationen nur noch eingeschränkt bedient. Betroffen ist vor allem der Passagierliniendienst, denn zugleich starten und landen an vielen Standorten jetzt vermehrt Transportflugzeuge.

Wegen der eingebrochenen Fluggastzahlen geraten derweil immer mehr Airlines in wirtschaftliche Schwierigkeiten und sehen sich gezwungen, ihre Flotten vorübergehend ganz oder teilweise stillzulegen. Auch die Lufthansa behält mittlerweile 700 ihrer insgesamt 763 Passagiermaschinen am Boden - und wartet auf bessere Zeiten. Der größte Luftverkehrskonzern Europas schickt zwei Drittel seiner weltweit 135 000 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Parkten vor Wochenfrist noch 54 Lufthansa-Jets auf der extra gesperrten Landebahn Nordwest in Frankfurt und weitere 77 in München, so werden inzwischen auch Flughäfen wie Hannover, Stuttgart, Köln aber auch Zürich, Wien und eben Berlin zum befristeten Abstellen genutzt. Der Bedarf an günstigen Stellplätzen ist auch in Deutschland längst nicht gestillt, denn das »Grounding« der Airlines geht einstweilen weiter. Und die Gesellschaften verteilen ihre Flotten an Standorten entlang der für sie wichtigsten nationalen und internationalen Verbindungen, um auf immer mögliche Nachfrageänderungen schnell und flexibel reagieren zu können.

Am Montag erst stellte die irische Ryanair, Europas größte Billig-Airline, ihren Verkehr weitgehend ein und legte 90 Prozent ihrer Flotte still. Zunächst bis Ostern, wie es hieß. Der britische Billigflieger Easyjet hat seinen regulären Flugbetrieb wegen der Coronakrise vorerst gleich ganz eingestellt.

An Berlins Flughäfen Tegel (TXL) und Schönefeld (SXF) wurden Mitte der Woche, einen Monat nach Ausbruch der Coronakrise, vielleicht noch fünf Prozent der sonst üblichen Passagierflüge abgefertigt - vornehmlich sogenannte Rückholer aus abgelegenen Feriengebieten. Beide Standorte zusammen kommen normalerweise auf bis zu 100 000 Fluggäste pro Tag. »Derzeit landen in der Regel wenige, aber gut ausgelastete Flüge, die aus aller Herren Länder stammende Heimkehrer an Bord haben«, wie FBB-Pressesprecher Daniel Tolksdorf dem »nd« erläuterte. Deutlich zugenommen habe dagegen der Frachtverkehr, so Tolksdorf weiter. »Die Transportmaschinen sind meist rappelvoll, sodass die Umschlagzeiten ausgeweitet werden müssen.« An Bord hätten sie in diesen Zeiten vor allem Medizinprodukte, Wirkstoffe für die Arzneimittelproduktion, Elektronik und produktionswichtige Materialien.

Vor allem aufgrund der rapide gesunkenen Passagierzahlen haben viele Flughäfen mit zum Teil einschneidenden Maßnahmen bis hin zur Beantragung einer befristeten Befreiung von der Betriebspflicht reagiert. Die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg hatte schon am 24. März beim Arbeitsamt Kurzarbeit für ihre 2200 Beschäftigten beantragt, um, wie es hieß, »Entlassungen durch eine Reduzierung der Arbeitszeit zu vermeiden«. Wie Tolksdorf betont, werde darüber je nach Fachbereich entschieden, schließlich gebe es auch Strukturen wie etwa die Flugplatzfeuerwehr, die ständig nach den erforderlichen Standards einsatzbereit zu halten sei. Auch seien bestimmte Teile der Verwaltung weiterhin unabhängig von der Coronakrise mit den Vorbereitungen der Inbetriebnahme des BER beschäftigt.

»Bei der Kurzarbeit-Regelung haben wir versucht, eine möglichst faire Lösung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden«, so der Sprecher. Die FBB teilte dazu mit, man habe gemeinsam mit dem Betriebsrat beschlossen, das gesetzliche Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent des Nettoentgelts aufzustocken, bei allen Alleinerziehenden auf 90 Prozent.

Doch die Flughafengesellschaft kalkulierte Medieninformationen zufolge Ende März mit einer Million Euro weniger Umsatz pro Tag und hatte daher beim Aufsichtsrat die Schließung eines der beiden Bestandsflughäfen beantragt, um bei den laufenden Kosten zu sparen. Durch die zeitweilige Entlassung von Tegel aus der Betriebspflicht, so die Rechnung, ließen sich etwa sechs Millionen Euro im Monat sparen. Dafür hätte die FBB einen entsprechenden Antrag bei der Luftfahrtbehörde stellen müssen. Das Ansinnen war vor allem beim Bund, neben den Ländern Berlin und Brandenburg Eigentümer, auf Widerstand gestoßen und am Montag dann auch von der Gesellschafterversammlung zumindest vorläufig abgelehnt worden.

Und somit bleiben vorerst sowohl Schönefeld als auch Tegel am Netz. Erst nach Ostern wollen die Gesellschafter die Entwicklung erneut analysieren. Fest steht indes, dass die FBB zur Bewältigung der Einnahmeverluste in der Coronakrise im laufenden Jahr staatliche Hilfen in Höhe von insgesamt 300 Millionen Euro zusätzliches Eigenkapital erhalten wird.

Mehr Geld werden die Gesellschafter nun auch in den neuen Hauptstadtflughafen BER investieren müssen. Sie sollen für die Hälfte der Summe aufkommen, die zur Finanzierung des Businessplanes für die Jahre 2021 bis 2024 bislang fehlt. Immerhin will sich das Unternehmen die andere Hälfte jener 792 Millionen Euro am Kapitalmarkt beschaffen.

Doch vom Luftfahrtstandort Berlin gibt es auch gute Nachrichten. An den Plänen zur Fertigstellung des BER hat sich nichts geändert. Alle Verantwortlichen vor Ort bleiben beim 31. Oktober 2020 als Eröffnungstermin. Das bestätigte auch FBB-Sprecher Daniel Tolksdorf dem »nd«. Das zur Vorbereitung der Inbetriebnahme am BER laufende Orat-Programm, das unter anderem den Probebetrieb mit Komparsen beinhaltet, werde schrittweise den jeweiligen Bedingungen der Coronakrise angepasst. Auf der Baustelle sind die Prüfer des TÜV am Werk. Und selbst am Terminal T2, das eigentlich zur Erweiterung der Kapazität errichtet aber derzeit kaum benötigt wird, liegen die Bauarbeiten im Plan.

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