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Reinheim

Zur Begrüßung spielt die DDR-Hymne

Im hessischen Reinheim hat ein Sammler ein Ostalgie-Museum eingerichtet.

Von Johanna Treblin

Am Kellereingang hängt zur Begrüßung eine DDR-Fahne. Innen geht es durch einen Vorraum mit Fahrrädern zu einer weiteren Tür. Dahinter erklingt die DDR-Hymne. Ein vollgepackter Raum, niedrige Decken, Halogenleuchten, ein Generator brummt. In der Mitte des Raumes, vor einem Stück Grenzzaun, ist ein Landschaftsmodell aufgebaut, auf dem man eine Miniatureisenbahn erwartet. Stattdessen ist eine Grenzanlage zu sehen, inklusive Todesstreifen und Wachtürmen.

Wir befinden uns im hessischen Reinheim, einer Kleinstadt am Fuße des Odenwaldes. Im Keller eines in einer Seitenstraße gelegenen Mehrfamilienhauses hat Burkhard Fiebig ein DDR-Museum eingerichtet. Drei kleine Räume auf insgesamt 40 Quadratmetern zeigen die drei Themengebiete Grenze, Alltag und Design. Fiebig zeigt hier rund 800 Exponate von Bügeleisen über Doppelstockbett, Robotron-Computer und Wahlurne bis Mitropa-Tassen.

Es ist Zufall, dass das DDR-Museum gerade hier eingerichtet ist. Fiebig selbst wohnt nicht in Reinheim, wohl aber in Hessen. Das Haus gehört seiner Familie. Als vor ein paar Jahren die Pizzeria auszog und die Kellerräume nicht mehr benötigt wurden, sah Fiebig die Chance, hier seiner auch damals schon recht großen Sammlung von DDR-Exponaten einen Ort zu geben, wo die Objekte auch besichtigt werden können. 2015 eröffnete er das Museum in Anwesenheit des örtlichen Bürgermeisters. Reguläre Öffnungszeiten gibt es aber nicht. Wer es heute besuchen möchte, muss einen Termin vereinbaren.

Warum hat Fiebig überhaupt angefangen, DDR-Devotionalien zu sammeln? Seine Eltern stammten aus Dresden und Leipzig. Nach dem Krieg gingen sie in den Westen, die Onkel und Tanten wollten mit den Großeltern zwar zunächst nachkommen, blieben dann aber doch im Osten. Fiebig wurde erst ein paar Jahre später geboren, 1956 in Frankfurt am Main, und wuchs in Bad Vilbel auf, einem Ort in der Nähe auf, wo er heute noch lebt. »Um meine Cousins zu sehen, mussten wir rüber«, erzählt Fiebig. Das tat er auch regelmäßig. In den Ferien fuhr er mit seinem Vater in den Osten, besuchte die Großeltern, die Tanten, Onkel und die Cousins. »Das ist meine Verbindung zur DDR.«

Den Weg von Hessen nach Dresden empfand er als Junge immer als »beklemmend«. Zunächst ging es mit dem Zug in den Osten, später dann mit dem eigenen Auto. »Die Grenze habe ich immer gespürt als Kind. Meinen Vater hat sie nervös gemacht und mich ängstlich.« Das Auto sei immer durchsucht wurden, oft hätten sie Strafzettel wegen zu hoher Geschwindigkeit bekommen - auch wenn sie sich an die angegebene Höchstgrenze gehalten hätten. »Die haben uns gezeigt, wer das Sagen hat.« Am Ziel angekommen, war das Gefühl längst wieder weg. »Im Schoß der Familie war es toll.«

Fotos in seinem Privatmuseum zeigen die Verwandten vor dem Mietshaus in Dresden, in dem sie wohnten, die Tante vor der zerstörten Frauenkirche, seinen Vater an der Berliner Mauer. Dazwischen hängen Wimpel und Fahnen, eine Auszeichnung für »Ordnung, Disziplin, Sicherheit und Sauberkeit«, auf einem kleinen Tisch liegen Mosaik-Hefte, Spiele, ein Pionier-Handbuch.

Die Grenze entmystifizieren

Dass Fiebig anfing, DDR-Exponate zu sammeln, begann erst spät. Nach einer Krankheit beschloss er im Jahr 2012, die ehemalige Grenze zur DDR entlang zu wandern, die für ihn noch immer bedrohlich erschien. Er startete in Tschechien und lief bis zur Ostsee. »Ich wollte die Grenze für mich entmystifizieren.« Gleichzeitig wollte er erleben, wie die Menschen in der Region leben, wie sie sich gegenseitig wahrnehmen. »Was ist zusammengewachsen und was nicht?« Fiebig schaffte es, die Grenze für sich zu »erobern«. Aber er stellte auch fest: »Die Natur hat einen besseren Job gemacht als die Menschen.« Selbst im Jahr 2012 - 23 Jahre nach dem Ende der DDR - gab es noch immer Menschen beidseitig der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, die noch nie auf der anderen Seite gewesen waren.

Fiebig selbst will das politische und Gesellschaftssystem der DDR nicht bewerten. »Das steht uns nicht zu«, sagt er und meint: diejenigen, die dort nie gelebt haben. Das könnten nur die »Bürger der ehemaligen DDR« selbst. »Ich höre eher zu.« Und so sprach Fiebig während seiner Reise mit Anwohnern, ehemaligen Grenzbeamten, Mitarbeitern in Grenzmuseen. Daraus entstand auch ein Buch: »Ab durch die Mitte - Eine Grenzerfahrung in Wanderstiefeln«.

Und es entwickelte sich die Idee, Dinge zu sammeln, die ihn an die DDR erinnerten. »Ein Grundstock war schon da« - nämlich einige Objekte aus dem Haus seiner Eltern. Dinge, die sie von Reisen mitgebracht hatten, aber auch DDR-Fabrikate, die im Westen unter anderem Namen verkauft wurden. So wurden bei Quelle beispielsweise unter der Eigenmarke Privileg Bügeleisen angeboten, die in der DDR hergestellt worden waren. Das Privileg- und das DDR-Modell - baugleich - finden sich beide in der Ausstellung. Auch Ikea habe auf DDR-Fabrikate zurückgegriffen, erzählt Fiebig.

Viele Objekte fand der Sammler auf Flohmärkten. Einmal habe er eine Revue-Kamera gefunden - ebenfalls eine Quelle-Eigenmarke - auf der »Made in German Democratic Republic« gestanden habe. Meist sei die Herkunft aber verschwiegen worden, weil die Bürger der Bundesrepublik keine Ostprodukte haben wollten.

Dabei könnten viele Objekte in der Sammlung sowohl aus dem Westen als auch aus dem Osten stammen. Eine Schreibmaschine trägt das typische Orange der 70er Jahre beider deutschen Länder. Ebenso ein altes Radio. Eine weiße Kugellampe könnte im Designmuseum stehen, genauso wie ein Lampenschirm aus roten dreieckigen Gläsern. Mitropa-Tassen gelten längst als Sammlerobjekt.

Einen Raum hat Fiebig im Stile eines Schlafraums einer Kaserne eingerichtet: Doppelstockbett aus Metall, Holzspint mit Militärmänteln und -stiefeln. Den Spint hat er aus einer Kaserne in Großburschlar an der Werra, ein Grenzort zwischen Hessen und Thüringen. »Ich habe einfach angerufen, gefragt, ob ich ihn haben kann, bin hingefahren, und habe ihn abgeholt.«

Ein Blick in die Vergangenheit

Ergattert hat Fiebig auch die Tür einer Gefängniszelle aus der heutigen Justizvollzugsanstalt Waldheim in der Nähe von Chemnitz - das älteste noch im Betrieb befindliche Gefängnis Deutschlands. Es ist eine beigefarbene Metalltür mit der Nummer 229. In Waldheim saß vier Jahre lang Karl May ein. »Natürlich saß er in Zelle 229 - beweisen Sie mir mal das Gegenteil«, sagt Fiebig und lacht.

Zur Sammlung gehören auch richtig große Objekte, die nicht in den Kellerraum passen. An der Straßenecke vor dem Haus steht ein Stück Mauer, »vom Potsdamer Platz in Berlin«, sagt Fiebig, das habe er ganz offiziell über den Berliner Senat erworben. Im Vorgarten ist ein Teil einer Mig aufgestellt - ein sowjetisches Militärflugzeug, das die Luftarmee der DDR nutzte.

Das Museum von Burkhard Fiebig ist natürlich ein Blick in die Vergangenheit. Ein Vergleich mit heute lohne sich in Bezug auf die Frage der Überwachung der Bevölkerung. »Die Möglichkeiten der Überwachung sind heute viel stärker als zu Stasi-Zeiten«, meint Fiebig und verweist auf das Internet und Mobiltelefone. »Die damaligen Konsequenzen und willkürlichen Strafen durch Stasi und Partei waren damals aberauf jeden Fall ungleich höher. In unserer Demokratie gibt es kein Hohenschönhausen, keine Zwangsadoptionen, keine Reiseverbote in dem Ausmaß - und wir haben eine Gewaltenteilung. Da freue ich mich doch sehr über mein selbstbestimmtes Leben, wenn nicht gerade eine Pandemie regiert.«

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