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The Great Stone Face und die Familie

Alexandra Riedel vermisst die Entfernungen zwischen Vater, Mutter, Kind in Parallaxensekunden

  • Lesedauer: 8 Min.

Alles in allem hatte ich nicht mehr gesagt als: Ja, am Apparat. Ja, ich werde da sein. Ja, danke, bis dahin.

Ob sie mit Gustav Zinn spreche?
Ja, am Apparat.

Guten Tag. Isolde Hamann ihr Name. Sie sei die Gattin von Anton Hamann und rufe an, um mitzuteilen, dass dieser vor wenigen Tagen verstorben sei.

Ihre Stimme wie geölt. Keine Spur von Heiserkeit, kein Räuspern.

Die Begräbnisfeier beginne morgen um elf Uhr. Anschließend treffe man sich im Haus der Familie. Ein gemeinsames Essen und ein Spaziergang seien geplant. Für Personen, die von weither anreisen, gebe es genügend Übernachtungsmöglichkeiten.

Sie sprach deutlich, überdeutlich, fast monoton, brach auch keinen Satz ab. Kein: Tja, ich weiß nicht, ob Sie, naja. Oder: Sie werden sich fragen, natürlich. Oder: Es wäre durchaus, Sie verstehen. Ja, das hätte sie sagen können.

Frau Hamann, die Witwe, schien alles im Griff zu haben. Sich, die Situation und auch mich. Ich sah sie deutlich vor mir. In gerader Haltung und mit strenger Miene. Ihr Haar zu einem festen Knoten am Hinterkopf zusammengebunden. Ihr Hals von einem rüschenartigen Stehkragen verdeckt.

Sie fragte, ob, nannte mir die Adresse und verabschiedete sich. Auf Wiedersehen, sagte sie und ich: Ja, danke, bis dahin. Dann legte ich auf, drehte den Monitor ein Stück zur Seite und schaute über die rot-weiße Dachmarkierung des Flughafentowers hinweg.

Dichter Nebel lag über der See, das Festland war nicht einmal mehr schemenhaft zu erkennen. Die Start- und Landebahn leer, mein Funkgerät stumm, der Container für den Check-in geschlossen. Davor standen ein paar Touristen. Sie wussten nicht, was tun, waren verwundert.

Dabei ist Seenebel im Sommer nichts Ungewöhnliches. Ich weiß das, Rainer vom Check-in weiß das, und die Piloten wissen das. Eigentlich alle, die auf einer Insel oder wenigstens in Küstennähe leben. Doch neunundneunzig Prozent unserer Touristen leben eben nicht auf einer Insel oder in Küstennähe, wissen es also nicht. Sie steigen dann schnaufend die Stufen zum Tower herauf, und ich muss ihnen erklären, wieso, weshalb, warum: Seenebel entstehe oft unter Hochdruckeinfluss, meist über Nacht, manchmal auch früh am Morgen, ganz plötzlich und so weiter. Nein, keine Radarflüge. Nein, ausschließlich Sichtflüge. Eintausendfünfhundert Meter Sicht müsse sein. Nein, es seien keine eintausendfünfhundert Meter. Die Landebahn liege bei achthundert Metern, dahinter nichts, nur Nebel. Manchmal braucht es etwas Geduld mit dem Wetter und den Touristen.

Der Wind hatte bereits um sieben Uhr in der Früh auf zweihundertfünfundzwanzig Grad gedreht und mit durchschnittlich dreißig Knoten feuchtwarme Luft auf die Insel gebracht. Nicht zu ändern. Dann Rainers Schulterzucken. Ich solle die Passagiere zum Hafen, zur Fähre schicken und ihn anrufen, falls der Wind abnehme, wieder Land in Sicht sei.

Wann?, hatten die Flugpassagiere von mir wissen wollen. Wann könne man wieder mit dem nächsten Flug rechnen?

So ein Nebel könne über Stunden anhalten, mitunter über Tage, ebenso lange, wie der Zustrom feuchtwarmer Luft erhalten bleibe.

Und er blieb erhalten, dieser Nebel. Bis zum frühen Abend. Ich musste also die letzte Fähre nehmen, um aufs Festland zu kommen, um mir am Hafen einen Wagen zu mieten, um loszufahren.

Natürlich kann von Müssen keine Rede sein. Niemand zwang mich. Ich tat es einfach. Ich war perplex gewesen, erstmals von einem der Hamanns selbst zu hören. Vermutlich hatte ich deshalb zugesagt. Letztlich aber verpflichtete mich auch das zu nichts. Ich war ihnen nie begegnet, war ihnen nichts schuldig, hätte einfach anrufen und sagen können: Seenebel, ganz plötzlich, keine Möglichkeit, die Insel rechtzeitig zu verlassen und so weiter. Stattdessen rief ich meinen Chef an, sagte ihm, ich müsse für einen Tag von der Insel. In Ordnung, sagte er nur, stellte keine Fragen.

Dann fuhr ich los, fuhr hin und bin noch immer da, in dieser Stadt, deiner Geburtsstadt. Aber ja, ich hätte sogar ohne ein Wort der Rechtfertigung wegbleiben können.

Monotones Rauschen. Erst auf See, später auf Asphalt. Nachdem die Sonne untergegangen war, hatte ich an einer Autobahnraststätte Halt gemacht. Die Reklame der Tankstelle tauchte den flachen Anbau in blaues Licht.

Im Inneren roch es nach Brühwürsten und Frittierfett. Ein Mann warf Münzen in einen Spielautomaten, wartete, drückte ein paar Tasten und suchte in seiner Hosentasche nach weiterem Kleingeld. Wir waren die einzigen Gäste, gähnten gleichzeitig, und in den Fensterscheiben spiegelten sich unsere müden Gesichter.

Herr Anton Hamann, dein Vater, mein Großvater: gestorben. Und woran? Ich hatte nicht gefragt. Sie, Frau Hamann, die Witwe, würde es mir später noch sagen, nach der Beerdigung, im Garten stehend, bei Sonnenschein, ohne einen Satz abzubrechen.

Dinge passieren. Menschen auch, sagtest du immer, wenn du von deinem Vater sprachst. Irgendwann machte ich mir deine Aussage zu eigen, denn schließlich war auch ich passiert. Alles vererbt, füge ich manchmal noch knapp hinzu, aber es kostet mich immer Mühe, bei all dem zu lächeln. Und doch ist es so: Väter spielten bisher keine Rolle in unserem Leben, weder in deinem noch in meinem. Das war immer unser kleinster gemeinsamer Nenner, deiner und meiner. Es heißt, neunzig Prozent aller Menschen gehen fremd. Allerdings zählte dein Vater im Unterschied zu meinem noch zu jenen fünfzehn Prozent, deren Seitensprünge länger als eine Nacht andauerten. Also kein unüberlegter Hüpfer, bei dem die Arme plötzlich vor Schreck hochgerissen wurden, sondern einer von den weiteren Sprüngen, ein Sprung, bei dem die Arme lustvoll und genüsslich in der Luft kreisten. Der beste Weitspringer schaffte fast neun Meter, heißt es. Dein Vater war Astronom. Soviel hatte dir deine Mutter erzählt, doch du wusstest nicht, wie lange das Verhältnis zwischen ihr und deinem Vater angehalten hatte. Du erinnertest dich allerdings an einen ganz bestimmten Mann, den du für deinen Vater hieltest. Vielleicht zu Recht. Jedenfalls sagtest du, als Kind habest du diesen Mann auffällig oft gesehen, vom Fenster aus, im Weggehen mit der Mutter, den Arm um ihre Schultern gelegt. Immer sei es Abend gewesen, sagtest du, und immer habe er einen schwarzen Anzug getragen, manchmal auch einen Hut. Eine Melone wie Chaplin. Ein Hut mit breiter, nach innen gedrehter Krempe sei das gewesen. Du habest dir deshalb auch manchmal vorgestellt, wie es wäre, Chaplin zum Vater zu haben. Es gebe da doch dieses Lied: O mein Papa, war eine wunderbare Clown. Ei, wie er lacht, sein Mund sie sein so breit und rot. Und seine Aug’ wie Diamanten strahlen. Naja, und dann seist du eben das eine oder andere Mal von einem Mann mit Melone und viel zu großen Schuhen zur Schule begleitet worden.

Natürlich nicht wirklich, ich weiß. Dergleichen sei dir nie wirklich passiert, weder mit deinem Vater, dem Astronomen, noch mit Chaplin, dem Komiker. Aber damit habest du leben können, sagtest du und auch, dass dein Weg zur Schule ohnehin nicht besonders weit gewesen sei. Einmal habest du deinen Vater allerdings tatsächlich auf dem Weg zur Schule getroffen, und er habe dich gegrüßt. Ja, das habe er getan, er sei mit dem Rad auf dich zugefahren, habe dich angesehen und lächelnd die Hand gehoben. Der Vorderreifen sei dann ins Schlenkern geraten. Aber dein Vater habe mit links dagegen gelenkt, kräftig in die Pedale getreten und sei weitergefahren, wortlos an dir vorbei. Es sei lustig anzusehen gewesen, sagtest du. Deine wenigen Erzählungen über deinen Vater hatten etwas Groteskes, Slapstickartiges, und immer waren es kurze, abrupt endende Szenen, in denen niemand sprach. Gut möglich, dass das deiner Vorliebe für Stummfilme geschuldet war.

Schon als Kind seist du ein Fan von ihnen gewesen, sagtest du. Du habest dich damals oft ins Lichtspielhaus geschlichen, heimlich durch den Hintereingang rein, am Filmvorführer, dem dicken Kins, vorbei, vorbei an den riesigen Projektoren. Ganz leise, auf Zehenspitzen seist du hineingeschlichen zu Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd und Co.

Auch ich hatte sie kennengelernt, alle deine stummen Schwarz-Weiß-Helden. Nach und nach hattest du sie mir vorgestellt. Ich noch Kind, den Mund voller Popcorn und Limonade, umgeben von flackernden Bildern und deiner Stimme, die mir die Texttafeln vorgelesen hatte. Etwa die aus Chaplins The Kid. Erinnerst du dich? Drei Frauen. Zwei sitzen auf den Stufen eines Hauseingangs, die dritte lehnt sich aus dem Fenster, schaut zu den beiden anderen. Das Bild flackert. Chaplin kommt um die Ecke, in seinem Arm ein Kind. Er will an den Frauen vorbei ins Haus. Eine steht auf, stemmt die Hände in die Hüften. Schnitt. Weiße Buchstaben vor schwarzem Hintergrund.

Du: Ist das dein Kind? Schnitt.

Der Tramp nickt. Schnitt.

Du: Wie heißt es? Schnitt.

Der Tramp hält die Lippen verschlossen, verschwindet im Haus, kommt wieder zurück. Schnitt.

Du: John. Irgendwann das Bild des Himmels. Buchstaben in den Wolken.

Ich: Und was steht da?

Du: Fünf Jahre später.

Wer über Chaplin nicht lache, werde niemals im Leben glücklich, sagtest du. Von allen Schauspielern war er dir der liebste. Ich hingegen hatte stets Buster Keaton vorgezogen. Er war der stummste aller stummen Clowns. Man nannte ihn The Great Stone Face.

Alexandra Riedel:
Sonne, Mond, Zinn
Verbrecher Verlag, 112 S., geb., 19,00 €

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