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Jutta Ditfurth

Umwelt gut - Mensch böse

Jutta Ditfurth nimmt sich das völkisch kontaminierte Denken in ökologischen Bewegungen vor

Wenn Sprecher*innen von Extinction Rebellion (XR) den Corona-Virus loben, weil er Luft und Wasser sauberer werden lasse, übersehen sie all die Toten. Wenn XR-Sprecher wie Rupert Read verlangen, Einwanderung in reiche Länder zu mindern oder zu beenden, weil »anwachsende Einwanderung in diese Länder […] nicht besonders sensibel gegenüber ihrer ökologischen Perspektive« ist, dann ist das Ökorassismus, Rassismus aus vermeintlich ökologischen Gründen. Der neben stehende Auszug aus dem Buch befasst sich mit den Wurzeln dieser Denkweise?

Die rassistische Kategorie »Überbevölkerung« ist in den allgemeinen Sprachgebrauch eingedrungen. Die Medien fragen nie: »Wie viel Kapitalismus erträgt die Erde« sondern »Wie viele Menschen«. Schnell ist von »Bevölkerungsbomben« oder »Bevölkerungsexplosionen« die Rede. Einerseits Abtreibungen bei weißen Frauen mit Gewalt verhindern wollen, andererseits vermeintlich zu viele Menschen beklagen. Der Schlüssel zur Klärung des Paradoxons liegt im Rassismus, der als »Rettung der Natur« kostümiert auftritt. »Zu viele« sind immer nur die Armen, die »Unproduktiven«, die »Überzähligen«, vor allem wenn sie Schwarze sind oder People of Colour (PoC).

Illustriert werden Medientexte zur »Überbevölkerung« nicht mit Fotos von Schlussverkäufen aus den Niederlanden (408 Menschen pro qkm) oder Fußballstadien in Deutschland (231 Menschen pro qkm), und niemals hat eine deutsche Zeitung behauptet, in Monaco (18 944 Menschen pro qkm) drohe eine »Bevölkerungsexplosion«. (Auf dem afrikanischen Kontinent leben übrigens 54 Menschen pro qkm). Die Medien zeigen, wenn es um »Überbevölkerung« geht, dicht gedrängte Menschenmassen auf indischen Bahnhöfen, auf afrikanischen Märkten oder asiatischen Neugeborenenstationen. Die Botschaft ist: Die sind zu viel, nicht »wir« Weißen.

Die deutsche Gesellschaft ist durchdrungen von Rassismus (woher das kommt, zeigte ich im vorangegangen Kapitel). Seine Wurzeln sind älter als die Aufklärung und sie wurden 1945 nicht gekappt. Wie so viele Lehrer*innen aus der NS-Zeit hat auch der Arzt und Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903-1989) heutigen Nazis und Rassist*innen einiges zu bieten. Es waren die 1960er und the times they were a-changin’. Konrad Lorenz griff »uns« an, wenn er über die Jugendrevolte sagte: »Der genetische Verfall« mache »einen Selektionsdruck« nötig: »Es ist nicht auszuschließen, dass viele Infantilismen, die große Anteile der heutigen ›rebellierenden‹ Jugend zu sozialen Parasiten machen, möglicherweise genetisch bedingt sind.« 1973 bekam Lorenz den Nobelpreis für Medizin. Jahre später wurde bekannt, dass er im NS-Faschismus als »Rassenforscher« Karriere gemacht hatte (NSDAP-Mitgliedsnummer 6170554). In seinem Aufnahmeantrag hatte er geschrieben, er habe immer und überall mit aller Macht getrachtet, »den Lügen der jüdisch-internationalen Presse […] mit zwingenden Beweisen entgegenzutreten. […] meine ganze wissenschaftliche Lebensarbeit, in der stammesgeschichtliche, rassenkundliche und sozialpsychologische Fragen im Vordergrund stehen, [steht] im Dienste Nationalsozialistischen Denkens.« Der Mensch hasse »Fremde« und verteidige sein »Revier«, sagt Lorenz. Die »Rassenpflege« müsse »auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein, als sie es heute schon ist.« Höckes Angstschrei von der »Umvolkung« klingt bei Lorenz an: »Sozial minderwertiges Menschenmaterial« werde durch die Zivilisation befähigt, »den gesunden Volkskörper zu durchdringen und zu vernichten«.

Als Heerespsychologe der Wehrmacht in der Reichsstiftung für deutsche Ostforschung in Posen beteiligte sich Lorenz an der rassenpsychologischen Selektion der Bevölkerung des von den Deutschen besetzten Westpolens (»Reichsgau Wartheland«). Fast 900 Menschen, die als nicht »wiedereindeutschungsfähig« galten, wurden in Vernichtungslager deportiert. Der Eintrag auf der Website des Max-Planck-Instituts (MPI) über Konrad Lorenz ist noch heute zärtlich mit »Der Gänsevater« betitelt: »Schon in jungen Jahren beschäftigte er sich […] viel mit Tieren.« Kein Wort zur NS-Vergangenheit.

Auch der Ökorassist Herbert Gruhl (1921-1993) wirkt heute noch. Er war CDU-Politiker, gründete 1980 die Grünen mit und verließ sie nach einem Jahr, um 1982 die rechte ÖDP zu gründen. Gruhl: Durch ein zu hohes Bevölkerungswachstum werde gegen die »Naturgesetze« verstoßen und zu Recht werde dies »von der Natur« mit dem Tod bestraft. »Für einige überfüllte Populationen [er meint die Menschen] mag dann Gewalt oder sogar die Atombombe eines Tages keine Drohung mehr sein, sondern Befreiung.« Gruhls Schriften fand ich vor einigen Jahren noch auf Büchertischen der ÖDP, von attac und in Occupy-Camps.

Die meisten Ökorassist*innen beziehen sich auf Thomas Robert Malthus (1766- 1834). Der anglikanische Landpfarrer in England stellte in seiner Schrift Essay on the Principle of Population (1798/1803) die These auf, dass sich die Bevölkerung exponentiell (1, 2, 4, 8 usw.) entwickle, die Produktion von Lebensmitteln hingegen linear (1, 2, 3, 4 usw.). Schuld an der Bevölkerungsentwicklung sei die hemmungslose Vermehrung der Armen. Der Christ ekelte sich vor den Armen in den Slums der englischen Industriestädte, aber nicht vor den Fabrikbesitzern und dem Adel, welche die Verursacher des Elends waren. Friedrich Engels: »Die offenste Kriegserklärung der Bourgeoisie gegen das Proletariat ist indes die Malthus’sche Theorie der Population«. Malthus’ zentrale Aussage ist: Ein Mensch habe »nicht das mindeste Recht, irgendeinen Teil von Nahrung zu verlangen«; wenn er seine Familie nicht ernähren könne und »wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat«, sei er »wirklich zu viel auf der Erde. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.« Wer diesen überflüssigen Eindringling zum reich gedeckten Tisch der Natur vorlasse, sagte Malthus, locke nur weitere Eindringlinge an. Statt Fülle herrsche dann Mangel, und bald werde das Vergnügen der Gäste durch den Anblick menschlichen Elends gestört. Die Unterstützung der Armen sei unsinnig, weil sie sich dadurch bloß vermehrten. Hilfe belohne Trägheit und Laster und stimuliere die Kinderzahl. Es sei die Natur, die diesen Menschen das Lebensrecht abspreche.

Das Bild von der zu kleinen Erde, auf der sich die Armen, Schwarzen und People of Colour hemmungslos fortpflanzen und »unsere« gute Natur ruinieren (die kapitalistische Produktionsweise bleibt immer unerwähnt), ist seit mehr als 250 Jahren eines der am tiefsten verankerten Merkbilder des Ökorassismus. Tatsächlich wächst die Lebensmittelproduktion schneller als die Erdbevölkerung. Es ist auch in Zukunft genug da, um alle Menschen zu ernähren. Zumal ideologisch weniger verblendete Studien eine Stagnation der Weltbevölkerung ab etwa 2060 für möglich halten, was von guter Ernährung und vom Zugang vor allem von Mädchen und Frauen zu guter Bildung abhängt, und darum sollte der Kampf gehen.

Malthus wird seit 200 Jahren widerlegt. Aber die profitable Nützlichkeit seiner Ideologie für Verelendungspolitik, Rassismus und auch neuere Formen von Kolonialismus und Imperialismus lässt die Kritik zerschellen. Was die »Protokolle der Weisen von Zion« für den Antisemitismus sind, ist die Malthus’sche Ideologie für den Ökorassismus.

Der malthusianische Inhumanismus wanderte historisch zwischen Europa und den USA hin und her. Der Neomalthusianer Garrett Hardin (1915-2003), ein einflussreicher US-Ökologe, ersetzte Malthus’ Bild von der »reich gedeckten Tafel der Natur« durch das vom Rettungsboot, in dem »wir alle« sitzen und das sinke, sobald sich zu viele Ertrinkende in stürmischer See darauf retten wollen. »Übermäßig fruchtbare« Menschen in ein wohlhabendes Land einzuladen sei eine »Politik des nationalen Selbstmordes«, gar des Selbstmordes der Spezies. Es sei daher, sagt Hardin, unsinnig, auf universellen Menschenrechten zu bestehen.

In Malthus’ und Hardins Spuren marschiert auch David Foreman (geb. 1947), der Mitgründer der US-Organisation Earth First! 1980 in den USA gegründet, 1989 in Deutschland, machte Earth First! in den USA Furore, als sie mit militanten Mitteln versuchte, das Abholzen uralter kalifornischer Redwood-Wälder zu verhindern. Aber sosehr die Gruppe die Umwelt zu lieben behauptete, so sehr verachtete sie Menschen. Die Einwanderung von Menschen aus Mexiko, sagte Earth First! in den 1980er Jahren, müsse gestoppt werden, denn die USA seien voll. Earth First! lobte Aids als eine Krankheit mit »ökologischer Perspektive«. Aids sei eine Art »ökologische« Neutronenbombe, die Krankheit habe das »Potential, die menschliche Bevölkerung deutlich zu reduzieren, ohne anderen Lebensformen zu schaden«. Konrad Lorenz reichte Earth First! gewissermaßen die Hand, als er 1988 sagte: »Gegen Überbevölkerung hat die Menschheit nichts Vernünftiges unternommen. Man könnte daher eine gewisse Sympathie für AIDS bekommen.«

1984/85 hungerten etwa acht Millionen Menschen in Äthiopien, eine Million starb. David Foreman (Earth First!) fand, das sei etwas »Natürliches«. Das Leid der Menschen sei zwar »unglücklich, aber die Zerstörung anderer Lebewesen und der Umwelt ist noch unglücklicher.« Das »Schlimmste« sei es, »zu helfen … lasst die Leute dort einfach sterben.« Es sind »viel zu viele Menschen auf der Welt«, sagt Foreman, »Malthus hatte recht«.

Jutta Ditfurth:
Haltung und Widerstand. Eine epische Schlacht um Werte und Weltbilder
Osburg Verlag, 246 S., geb., 20,00 €

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