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Robinson auf der Haushaltsinsel

Kampfstern Corona (Teil 8): In Zeiten von Covid-19 ist spontane Kreativität mitunter eine Frage von Leben und Tod

Deutschland näht. Seit sich die Virologen-Superstars überlegt haben, dass selbst gemachte Gesichtsmasken zumindest ein kleiner konstruktiver Beitrag gegen die Corona-Krise sein könnten, greift plötzlich die gesamte Republik zu Nadel und Faden. Wäschekörbeweise verwandeln sich alte T-Shirts, Küchentücher oder Bikinis in mehr oder weniger kleidsame Mundschutz-Haute-Couture. Und die ist gegenwärtig wohl das sichtbarste Beispiel für die Renaissance der Improvisation. Im modernen Kapitalismus schien diese Kompetenz weitgehend überflüssig. Ein halb belächeltes, halb bemitleidetes Relikt aus der angeblichen Mangelwirtschaft realsozialistischer Systeme. Die nahtlos durchorganisierten Produktions- und Lieferketten der neoliberalen Weltökonomie dagegen schlossen es in ihrer betriebsblinden Hybris schlichtweg aus, dass irgendwann irgendetwas fehlen könnte.

Und nun? Nun fragen verzweifelte Hausfrauen und -männer auf Twitter, ob man Brot auch ohne Hefe backen kann. Und wir lassen wir uns von Proktologen erklären, wie Analhygiene ohne Klopapier gelingt. Und die Schnapsbrenner produzieren Desinfektionsmittel, schließlich kam im Western ja auch immer Whiskey auf die Schusswunde.

Zum Glück, kann man da nur sagen, gibt es sie noch, die Improvisationsfähigkeit. Wenngleich das Reservat, das ihr die Industrienationen zugewiesen haben, bis vor kurzem die Künste waren, insbesondere die Jazzmusik und das Stegreiftheater, Formate, die ihren Reiz aus der Spontaneität und dem Verzicht auf Noten beziehungsweise Textvorlagen beziehen.

Doch hinter der Improvisation steckt noch mehr. Das verrät bereits ein Blick auf die Wortgeschichte. Der Begriff leitet sich vom lateinischen »improvisus« ab, was »unvorhergesehen«, »unvermutet« oder auch »unvorbereitet« bedeutet. Der klassische Grund zu improvisieren ist nämlich eine plötzlich eingetretene Notlage. Das kann der kaputte Schuh im Urlaub sein, den man mit Heftpflaster zusammenflickt, auf dass er bis zum Rückflug durchhält, oder eine innerhalb kürzester Zeit über den Planeten hereingebrochene Pandemie mit all ihren Engpässen. Zu den möglichen Erkenntnissen, die sich als Lehre aus dem gegenwärtigen Ausnahmezustand abzeichnen, zählt nicht zuletzt, dass Kreativität weder Luxus ist noch zwangsläufig mit Hochkultur zu tun hat. In einer hoffentlich nahen, virenfreien Zukunft sollten Bildungspolitiker einmal darüber nachdenken, ob sie nicht wieder altmodischen Bastel- und Handarbeitsunterricht einführen, anstatt die Lehrpläne der Schulen allein an den Anforderungen der Digitalwirtschaft auszurichten.

Denn praktisches Tüftlertum hilft keineswegs nur bei der Lösung banaler Problemchen. Es kann zu einer Frage auf Leben und Tod werden. Ärzte und Pfleger in spanischen Krankenhäusern etwa versuchen, den Mangel an Schutzausrüstung dadurch zu kompensieren, dass sie sich zusammengetackerte Müllsäcke über den Leib ziehen.

Kognitiv betrachtet, stellen Findigkeiten dieser Art eine innovative Verknüpfungsleistung dar, die von bestehenden Konventionen absieht: Ein Ausgangsobjekt (Müllsack) wird aufgrund seiner Materialeigenschaften (leicht und luftdicht) in einen neuen Kontext (Schutzanzug) überführt, wo exakt diese Eigenschaften gefragt sind.

Kultur- und Sozialwissenschaftler singen deshalb schon seit Längerem ein Loblied auf die Improvisation. Sie gibt dem Menschen zumindest ein kleines Stück verlorengegangener Autonomie zurück. »Es gehört zum Wesen der Improvisation«, schreibt etwa der Theoretiker und Jazzmusiker Christopher Dell, »die Trennung von Handelnden und Be-Handelten, von Sendern und Empfängern, von aktiv und passiv, zu unterlaufen und die Einheit von Handlung und Erfahrung möglich zu machen.« Wer sich seinen Mundschutz zu Hause schneidert, gewinnt damit Unabhängigkeit von jenen Seuchengewinnlern, die die letzten industriell gefertigten Atemmasken für 100 Euro das Stück im Internet verhökern. Zugleich macht der Improvisateur eine quasi historische Erfahrung, indem er sich ein wenig wie der Erfinder des ersten Mundschutzes beim Herstellen des Prototyps fühlt.

Allerdings kennzeichnet alle improvisierten Objekte ein Paradox: Sie selbst sind nicht neu, da ihre Ideen schon zuvor bestanden. Eher könnte man von einer Nachschöpfung sprechen, deren Charakter die jeweilige Situation vorschreibt. Schon Daniel Defoes schiffbrüchiger Romanheld Robinson Crusoe musste sich sein Leben mit dem Wenigen, das er auf der einsamen Insel vorfand, neu einrichten. Genau wie wir Covid-19-Gestrandeten. Eingesperrt auf unserem Haushaltseiland, spüren wir den Anpassungsdruck der viral veränderten Umwelt in allen Bereichen: von der Hygiene bis zum Speiseplan. Langsam gewöhnen wir uns an Tomatensoße mit Brot oder an Nudeln ohne alles.

Weil sich verknappte Ressourcen aber auch beim tüchtigsten Alltagsgenie nachteilig auf das Endprodukt auswirken, stößt jede Improvisation mittelfristig an ihre Grenzen. »Das Gelingen von Improvisation ist in sich schon provisorisch«, resümiert Dell. Je komplexer die Anforderungen, umso geringer die Spielräume, die sich mit einer zur Unvollkommenheit verdammten Behelfslösung gewinnen lassen. Spätestens auf der Isolierstation reicht ein halbdichter Eigenbau vor Mund und Nase nicht mehr aus.

Friedrich Nietzsche jedenfalls scheint geahnt zu haben, dass auch die Not, die erfinderisch macht, immer noch eine Not ist. In der »Fröhlichen Wissenschaft« äußerte der Philosoph: »Das Unerträglichste freilich, das eigentlich Fürchterliche, wäre mir ein Leben ganz ohne Gewohnheiten, ein Leben, das fortwährend die Improvisation verlangt - dies wäre meine Verbannung und mein Sibirien.« Insofern bleibt nur die Hoffnung auf eine baldige Entlassung aus dem Corona-Gulag. Und bis dahin: weiter nähen!

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