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Die Normalität ist die Krise

Zurück zu einem »vor« der Coronapandemie? Naomi Klein erinnert in einem Vortrag daran, dass unsere Gegenwart grundsätzlich krisenbehaftet ist

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

In einer Krise hat die Bevölkerung viel zu verlieren. Nicht zuletzt einige hart erkämpfte demokratische Rechte. Die Coronakrise ist aber auch eine Chance auf Veränderung. Das meint zumindest Naomi Klein. Die Autorin von »Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus« äußerte sich in einer virtuellen Konferenz aus ihrer Wohnung in New Jersey zur Coronakrise und die anhaltende Isolation, die ein großer Teil der Menschheit gerade durchlebt. »Wir erleben eine globale Krise, die keine Grenzen kennt. Führend Politiker suchen nach Wegen, diese Krise für sich zu nutzen. Auch wir als Linke müssen wir unsere Strategie anpassen«, fasst sie die Stoßrichtung ihres Debattenbeitrags zusammen.

Kleins Vortrage wird mal vom Hund, mal vom Sohn unterbrochen – »Tun wir doch nicht so, als sei hier noch irgendetwas normal«, kommentiert sie. Die Autorin macht deutlich, dass die soziale Distanzierung gerade die einzig richtige Reaktion auf den Ausbruch des Coronavirus ist: »Wir müssen zuhause bleiben.« Aber einer der Gründe dafür sei und das dürften linke Bewegungen nicht vergessen, dass die führenden Politiker zu spät gehandelt hätten und die Warnsignale nicht ernst nahmen.

Dazu käme eine brutale Austeritätspolitik, die das gesamte Gesundheitssystem erschüttert habe. Nach der Finanzkrise von 2008 sei der europäische Süden zum neoliberalen Testlabor für Austeritätspolitik geworden. Es könne niemanden überraschen, dass nun dort die Krankenhäuser und die öffentliche Daseinsvorsorge unter der Last der Pandemie zusammenbreche, so Klein.

Dass nun die ersten Unternehmer bereits die Rückkehr zur Normalität fordern, sei eine Zumutung. Der Kapitalismus war schon immer bereit, über Leichen zu gehen, kommentiert Klein. In der Coronakrise trete das offen zutage. Menschen würden deshalb gerade begreifen, dass »da draußen Menschen ihre Großeltern opfern würden für einen Anstieg der Aktienkurse. Das wirft grundsätzliche Fragen auf: «In was für einem System leben wir eigentlich?»

Klein gibt noch einen weiteren Aspekt zu bedenken. Die Pandemie würde eine Sillicon-Valley-Dystopie wahr machen. Soziale Distanz würde bedeuten, dass ein Großteil der Menschen ihr Leben vor Bildschirmen verbringen würden. «Unsere sozialen Beziehungen werden durch Unternehmen wir YouTube, Twitter und Facebook vermittelt. Unsere tägliche Kalorienaufnahme wird uns von Amazon Prime geliefert.» Diejenigen, die davon am meisten profitierten, Unternehmer wie Jeff Bezos etwa, würden am liebsten gar keine Menschen mehr einstellen müssen, um Lebensmittel und Pakete auszuliefern. «Ihnen wäre es lieber, wenn diese Arbeit von Drohnen oder Roboter übernommen werden würden, die nicht einfach krank machen».

In der Pandemie würden wir auf eine mögliche Zukunft schauen und sie zeigt sich trostlos. «So wollen wir nicht leben. Wir sollten diese Vision als eine Chance sehen, diese Zukunft abzulehnen.»

«Wenn die Leute nun von einer Rückkehr zur Normalität reden, müssen wir sie daran erinnern, dass die Normalität die Krise war», warnt Klein. «Ist es normal, dass Australien vor ein paar Monaten brannte? Und der Amazonas davor? Ist es normal, dass Millionen von Menschen in Kalifornien plötzlich den Strom abschalten, weil ihr privater Anbieter glaubt, dass dies ein guter Weg wäre, um einen weiteren Waldbrand zu verhindern? Normalität ist tödlich. Normalität» ist die große Krise.«

Deshalb sind es für Klein Krisen, diese sprichwörtlichen Momente der Möglichkeiten, die Gesellschaft in eine andere Richtung zu bewegen. »Die gute Nachricht ist, dass wir in einer besseren Position sind als während der Krise 2008. Wir haben in diesen Jahren hart in sozialen Bewegungen gearbeitet, um Plattformen für Menschen zu schaffen«, so Klein.

Nun müsse man neue Instrumente des zivilen Ungehorsams entwickeln, die es ermöglichen, aus der Distanz zu handeln. Klein findet viel Gutes in der solidarischen Bezugnahme aufeinander, die in der Coronakrise überall zu sehen sei. Es ginge aber auch darum, mit Mieten- und Schuldenstreiks mehr Druck auszuüben.

»Wir müssen uns von der Art von Massenbewegungen inspirieren lassen, die Regierungen in Zeiten früherer Krisen gestürzt haben «, schlägt sie vor und ist überzeugt, dass es keine Sicherheit gibt, wenn linke Bewegungen nicht dafür kämpfen. Gleichzeitig zeigt sie sich zukunftsgewandt: »Wir müssen jetzt gemeinsam an einer neuen Zukunft bauen und für sie kämpfen«.

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