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Zurück aufs Liegemöbel, aber zackzack!

Best of Menschheit, Folge 14: Faulheit

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Herrje, ist es schon wieder so weit? Wieder eine Kolumne schreiben - und das in mindestens geistig überanstrengenden Zeiten, in denen es nur ein Thema gibt. Zu dem auch noch alle alles sagen, ständig und überall - und doch wieder nur herauskommt, was herauskam, als noch kein Virus den Staat zu der rabiaten Autorität zwang, die er vorher zugunsten der Waren- und Ausbeutungsfreiheit zurückgestellt hatte, die er nun mit dem Gegenteil zu retten versucht.

Aber puh, der letzte Satz ist auch schon wieder so ein leicht herausgehauenes Urteil, das eigentlich eine Begründung verlangt (vermutlich was mit Spargel), die wiederum ordentliche Denkarbeit voraussetzt. Ach, er wird schon stimmen … Muss denn immer alles analysiert, bewertet und eingeschätzt werden? Auch die Antwort auf diese Frage setzt Abwägungen voraus, die man (in diesem Fall: ich; allgemein: sehr, sehr, sehr viele Menschen) auch einfach mal lassen könnte. Obwohl, das ist wahrscheinlich auch wieder nicht richtig - aber was soll’s!

Denn eines kann man jedenfalls aus der Menschheitsgeschichte lernen: Faulheit ist durchaus eine Errungenschaft. Sowohl für das Individuum, das sie sich gestatten kann (wenn auch über die Jahrtausende allzu oft auf herbe Kosten anderer), aber längst auch fürs Menschenkollektiv: Weil dort, wo ohnehin mehr Produktivität herrscht als Verstand, im Kapitalismus also, Faulheit beim besten Willen kein Makel ist. Es sind die Produktiven, die ständig Motivierten, die Mitmensch und Umwelt und sich selbst stressen und zerstören. Die Faulen sind nicht nur nicht das Problem, sie wären Teil der Lösung. »I think motivation is overrated. You show me a lazy prick who’s lying in bed all day, watching TV, only occasionally getting up to piss, and I’ll show you a guy who’s not causing any trouble.« (George Carlin)

Wenn nun in der Welt der Virusabwehr gerade die Werktätigen plötzlich »systemrelevant« sind, die nicht faul sein können und deren Relevanz das System sonst ausnutzt und bestraft, sollten die, für die das System arbeitet wie sie fürs System, es einfach mal sein lassen: aufhören mit dem Schuften fürs wenig Nützliche. Klar, leichter gesagt als getan - hängt doch selbst an würdelosen Tätigkeiten wie Maklerei, Agenturgetue, Fitnessstudiobetreiben und so weiter und so fort Existenzielles. Aber ich bin gerade zu faul, mir tiefere Gedanken zu machen als naives Wünschen. Ein Generalstreik in Form der Homeofficeverweigerung und des Couchkaputtliegens will mir jedenfalls bei aller Mühe (also fast gar keiner) einfach nicht unsympathisch sein.

Und damit hier nicht wieder ausschließlich auf diesem Kapitalismus herumgehackt wird, der seit 30 Jahren fleißig seinen Sieg in eine Niederlage für alle verwandelt: Das mithin Ekligste, was der Sowjetkommunismus angerichtet hat, war, in Köpfe zu hämmern, dass nur, wer arbeitet auch leben darf. Ein System, das auch nur ein Arbeitslager unterhält, hat keinerlei Vorstellung davon, was der Mensch anderes sein könnte als das Ergebnis einer Zurichtung. Wie auch immer eine würdige Gesellschaft ausgesehen hätte, die die Menschheit hätte hervorbringen können, bevor sie sich in die Zerstörung begeben hat: Ein gutes Kriterium für die Würde wäre gewesen, ob sie Faulheit nicht nur toleriert, sondern sogar honoriert.

Und damit bitte ab zurück aufs bevorzugte Liegemöbel, möglichst unproduktiv sein und auch noch stolz darauf! Sie könnten das Menschengeschlecht in seinem Endstadium deutlich schlechter vertreten. Zum Beispiel mit Geschwätz darüber, dass sich Leistung (wieder) lohnen müsse.

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