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Nichts ist unmöglich

Aus der verwalteten Welt

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 3 Min.

Da steht ein Mann. Er steht an der Bushaltestelle, die nur mit allergrößter Mühe als solche erkennbar ist. Auf allen drei Wänden des Buswartehäuschens sind, hinter bruchsicherem Glas, riesige bunte Hochglanzbilder mit halbnackten Frauen zu sehen, deren halb geschlossene Augenlider und halb offen stehende Münder den Eindruck erwecken, die Frauen ernährten sich von Benzodiazepinen und es habe überdies jemand etwas mit ihren Gehirnen gemacht. »Perfect Beauty« lauten die Worte neben der Großaufnahme eines Gesichts.

Der an der Haltestelle wartende Mann wirft einen zärtlichen Blick auf sein Pappbrötchen, einen kompakten kleinen hellbraunen Klumpen, den er mit zwei Fingern aus dem kleinen bunten Hochglanzpappkarton angelt, den er in der Hand hält. Die Worte »Ich liebe es« sind auf dem Karton zu lesen. Es kann als ausgeschlossen gelten, dass ein Mensch des 19. Jahrhunderts den Klumpen als Nahrungsmittel identifiziert hätte. Auch auf dem T-Shirt, das der Mann trägt, prangt ein Schriftzug in Versalien: »DEUTSCHLAND«. Auf der Plastiktüte, die er neben sich abgestellt hat, steht: »Ich bin doch nicht blöd.«

Auf einem großen bunten Plakat auf der anderen Straßenseite ist die Frau abgebildet, die oft abends im Fernsehen gezeigt wird und dort Sätze spricht, die an der Stelle, wo andere Sätze Spurenelemente eines Gedankens enthalten, Motivationstrainerjargon und Sprachwatte haben. Die größte aller Banalitäten wird von ihr in einem Ton verkündet, als handele es sich dabei um eine jahrtausendelang vor der Allgemeinheit verborgene und nun von ihr entschlüsselte Weltweisheit. »Was jeder Einzelne von uns im Kleinen erreicht, das prägt unser Land im Ganzen«, sagt sie. Oder: »Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist.« Auf dem Plakat, das offenbar schon sehr lange dort hängt und das wohl jemand vergessen hat, rechtzeitig wieder zu entfernen, steht geschrieben: »Kanzlerin für Deutschland«. Auf einem Plakat daneben liest man: »Nichts ist unmöglich.«

Die Menschen, die, Schutzmasken vorm Gesicht, durch den hinter der Bushaltestelle gelegenen neonerleuchteten Supermarkt trotten, wissen, dass nichts unmöglich ist. Und sie wissen, was Glück ist: ein kaltes Bier, ein großes Schnitzel, eines von diesen Fernsehgeräten, deren Bildschirm die halbe Wohnzimmerwand einnimmt. Kurz: Dinge, die man in sich hineintun kann. Die bunt sind. Und laut. Nein, da braucht niemand zu kommen und die Menschen zu belehren.

Zwei junge Männer, die aus dem Discounter kommen, sagen beide etwas. »Super! Boah, ist das geil! So geil!«, schreit der eine von ihnen, der an seinem bis oben gefüllten Einkaufswagen zwei kleine Deutschlandfähnchen angebracht hat, die er anscheinend soeben erstanden hat. »Voll der Hammer! Der totale Wahnsinn, Alter!«, antwortet der andere, während er wie in Trance auf sein Smartphone sieht. Man weiß nicht, wovon die beiden Männer reden. Oder ob sie miteinander reden. Aber das spielt auch keine Rolle. Die gesamte Szene ist schön, so, wie sie ist. Denn sie ist wahr. Da gibt es keinen Zweifel.

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