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»Der Brief erlebt eine Renaissance«

Wie Pflegeheime mit Besuchsverboten und verschärften Hygieneregeln umgehen, erklärt Sabine Schröder

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

Gilt das Besuchsverbot in Ihren Pflegeheimen ausnahmslos?

Es gilt flächendeckend. Ausnahmen gibt es nur im Fall einer Palliativbegleitung. Dabei müssen sich Besucher registrieren und gegebenenfalls einer Temperaturkontrolle unterziehen.

In jedem Fall gelten verschärfte Hygieneregeln und Schutzmaßnahmen. Sie sollen sicherstellen, dass keine potenziellen Risikopersonen die Häuser betreten und Bewohner und Mitarbeiter infizieren.

Welche Auswirkungen hat das auf Bewohner?

Auch wenn die meisten Bewohner und Angehörigen Verständnis zeigen, ist die Situation für sie nicht einfach. Menschen, die bisher regelmäßig Besuch von Kindern und Enkeln hatten, können sich nun nicht mehr persönlich sehen.

Wir versuchen, das durch verstärkte Zuwendung auszugleichen. Zudem spielen Telefonate oder Kontakt per Chat oder Videoanruf eine wichtige Rolle. Neben Geräten, die in den Häusern vorhanden sind, stellen Mitarbeiter dafür auch private Smartphones zur Verfügung.

Welche Angebote müssen gestrichen werden?

Alle bereichsübergreifenden Aktivitäten sind abgesagt. Wir ermöglichen den Bewohnern aber vermehrt Einzeltherapien, Gedächtnistraining oder Gartenspaziergänge. Zudem nutzen wir verstärkt unsere interaktive Trainingskonsole, die körperliche und geistige Betätigung ermöglicht.

Gibt es Physiotherapie? Wie verändert sich die Essenseinnahme?

Wenn Physiotherapie, Psychotherapie oder medizinische Fußpflege ärztlich verordnet wurde, kann diese auch weiterhin stattfinden, unter Einhaltung verschärfter Schutzmaßnahmen. Für andere Dienstleister wie Friseure oder kosmetische Fußpflege sind unsere Häuser derzeit gesperrt.

Die Speisesäle sind geschlossen. Die Bewohner essen unter Einhaltung der Abstandsregeln in den Wohnbereichen oder auf den Zimmern. Dieser Zimmerservice bedeutet für unsere Mitarbeiter einen zusätzlichen Zeitaufwand. Der ist aber zu bewältigen, weil der Publikumsverkehr weggefallen ist.

Wie lassen sich solche Beschränkungen ausgleichen?

Die Häuser halten so gut wie möglich Kontakt zu den Angehörigen. Diese können sich jederzeit per Telefon oder Chat melden. Wir haben dafür extra Tabletcomputer angeschafft. Auch der klassische Brief erlebt gerade eine Renaissance. Bewohner freuen sich auch über Blumen, Fotos oder selbst gemalte Bilder, die Angehörige vor der Tür übergeben. Manchmal sind auch Gespräche am geöffneten Fenster möglich.

Gibt es Unterstützung auch von anderen Personen oder Organisationen als den Angehörigen?

Wir erfahren viel Solidarität von außerhalb. Mancherorts spielen Musiker im Hof, so dass Bewohner kleine Konzerte vom Fenster aus verfolgen können. Auch Gärtnereien haben schon Blumenspenden abgegeben.

Ist die Personalsituation angespannter als in normalen Zeiten?

Unsere Mitarbeiter unterstützen sich. Dienstpläne werden umgestaltet und Urlaub verlegt. Es gibt große Flexibilität und Einsatzbereitschaft.

Die meisten Häuser haben Notfallpläne erstellt. Unsere Einrichtungen können sich zudem gegenseitig aushelfen. Aber natürlich ist die Lage angespannt, da es bisher keine sicheren Prognosen über den weiteren Verlauf der Pandemie gibt. Sollte sie länger andauern und es vermehrt krankheitsbedingte Ausfälle von Mitarbeitern geben, wird uns das natürlich vor Herausforderungen stellen.

Gibt es Verdachts- oder bestätigte Fälle in Einrichtungen Ihres Unternehmens?

Bisher sind wir im bundesweiten Vergleich gering betroffen. Wir führen das darauf zurück, dass wir mit dem Schließen der Einrichtungen sehr schnell reagiert haben.

Wirkt sich die Schließung von Kitas und Schulen aus? Müssen Beschäftigte Kinder betreuen, obwohl sie Anspruch auf Notbetreuung hätten?

Wir versuchen, die Belange von Mitarbeitern mit Kindern bei der Dienstplanung zu berücksichtigen. Einige Häuser organisieren eine eigene Kinderbetreuung. Das setzt aber voraus, dass es Räume gibt, die vom Pflegeheim getrennt sind und einen eigenen Zugang haben.

Die Betreuung erfolgt natürlich nicht durch Personal, das Kontakt zu Heimbewohnern hat.

Inwieweit erschweren striktere Schutzmaßnahmen, etwa ständiges Tragen von Mundschutz oder Schutzkleidung, die Arbeit?

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zu verschärften Hygienemaßnahmen angehalten. Es gilt, Abstand zu halten, bei pflegerischen Tätigkeiten wird Schutzkleidung getragen. Natürlich ist das anstrengend und kostet Zeit. Aber die Mitarbeiter kennen diese Abläufe aus ihrer täglichen Arbeit mit infektiösen Bewohnern.

Gibt es Mangel bei notwendiger Ausstattung?

Der Bedarf an Schutzausrüstungen ist enorm, die Hersteller kommen kaum nach. Aber die Solidarität und Hilfsbereitschaft sind groß, über Institutionen hinweg.

Unser Unternehmen verfügt außerdem zum Glück über ein großes internationales Netzwerk und gute Beziehungen zu Lieferanten. Davon konnten wir bisher profitieren und in unseren Einrichtungen eine Grundausstattung mit Schutzmitteln wie Mundschutz und Desinfektionsmitteln sicherstellen.

Verändert sich die Wahrnehmung der Arbeit Ihrer Mitarbeiter in der aktuellen Situation?

Die Ausbreitung des Coronavirus stellt eine große Herausforderung für das deutsche Gesundheitssystem dar - und macht jetzt der breiten Öffentlichkeit deutlich, welch große Verantwortung mit Pflegedienstleistungen und dem Pflegeberuf verbunden ist.

Auch in den politischen Debatten wächst das Bewusstsein dafür, welche Leistungen Pflegende täglich erbringen. Das wird uns helfen.

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