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Vollgepackte Kirchen zu Ostern

US-amerikanische Evangelikale wissen Trump hinter sich

  • Von Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: 4 Min.

Weltweite Schlagzeilen machte der Pfingstler-Prediger Rodney Howard-Browne vergangene Woche. Entgegen dem wegen der Coronavirus-Pandemie verhängten Versammlungsverbot hatte er am 15. März zum Kirchgang in seine River Church in Tampa im Bundesstaat Florida aufgerufen und seine Anhänger zum Händeschütteln angehalten, weil sie »Erweckungsbewegte und keine Schwuchteln« seien.

Zwei Wochen später wurde er wegen Verstößen gegen das Versammlungsverbot und gegen Gesundheitsauflagen von der Polizei festgenommen. 40 Minuten später und nach einer Kaution von 500 US-Dollar kam er wieder auf freien Fuß. Umgehend veröffentlichte Howard-Browne ein Manifest, in dem er sich über Religionsfreiheit und die »Tyrannei des Staates« ausließ.

Monate zuvor hatte der Prediger mit einem Sturmgewehr posiert und seine Schäfchen aufgefordert, es ihm im Gottesdienst gleichzutun. Ein Schild vor der Kirche trägt die Warnung »Bitte beachten, dass dies keine waffenfreie Zone ist. Wir sind schwer bewaffnet. Jede Zuwiderhandlung wird mit tödlicher Gewalt beantwortet.« Im Weißen Haus ist der Mann kein Unbekannter. Er legte US-Präsident Donald Trump schon höchstpersönlich die Hand auf.

Der Rechtsextreme steht innerhalb der evangelikalen Bewegung am rechten Rand. In evangelikalen Ohren klang es wie Musik, als Trump Ende März, statt »Mitte April« zu sagen, »Ostern« als seinen Wunschtermin für die Wiederauferstehung der US-Wirtschaft angab. Wenige Tage später ruderte der US-Präsident zwar zurück, als er von potenziell einer Viertelmillion Toter und »sehr, sehr schweren Wochen« sprach, die auf das Land zukommen würden. Aber sein Diktum, er wolle »an Ostern vollgepackte Kirchen im ganzen Land sehen«, ließ er so stehen. Auch dieses Mal hatte sich Trump indirekt an seine treuesten Anhänger gewandt: weiße, evangelikale Christen. Sie machen etwa 20 Prozent der US-Bevölkerung aus.

Howard-Browne ist in diesem Spektrum nicht der einzige gefährlich psychopathische Prediger, der aus der Pandemie Nutzen schlagen will. Mitte März versammelte, ebenfalls in Florida, Guillermo Maldonado seine Schäfchen in seiner Megakirche. Zu Jahresbeginn war dort Trump zu einer Wahlkampfveranstaltung aufgetreten. »Glaubt ihr, dass Gott sein Volk in sein Haus bringen würde, wenn es von einem Virus verseucht ist? Natürlich nicht«, meinte Maldonado. Er wurde von den Behörden nicht behelligt.

Auch im Norden der USA treiben Rechtsevangelikale ihr Unwesen. Der Pastor Jonathan Shuttlesworth aus Pennsylvania beispielsweise bezeichnete Howard-Brownes Festnahme als Christenverfolgung und kündigte einen großen Ostergottesdienst an: »Nicht online«, sagt er, »ein nationales Treffen, wie Woodstock. Und wir werden uns versammeln und und unsere Augen auf zu Jesus Christus erheben.« Laut der auf Religion spezialisierten Nachrichtenagentur Religion News Service herrschte noch Anfang April in zwölf Prozent der weißen evangelikalen Kirchengemeinden Vollbetrieb.

Gemeinsam ist der christlichen Rechten eine extreme Wissenschaftsfeindlichkeit. Umwelt- und Klimaschutzpolitik gelten als Aberglauben. Fast alle sind fanatische Abtreibungsgegner. Neben dem Glauben an die Bibel treten sie für das Recht auf Bewaffnung und für das fundamentale Recht des Marktes ohne staatliche Regulierung ein.

Evangelikale wählen seit Jahrzehnten die Republikaner. Die große Mehrzahl betrachtet Trump als politischen Verbündeten. 90 Prozent fordern die Aufnahme biblischer Grundsätze in Gesetzesentscheidungen. Zwei Drittel sind sogar der Meinung, dass, wenn Verfassung und biblische Lehren in Konflikt miteinander stehen, dabei die Politik der Bibel Vorrang einräumen soll.

Die ersten Nachrichten vom Coronavirus in den USA bezeichneten evangelikale Führer als Beleidigung Trumps. »Das Impeachment funktionierte nicht, der Mueller-Bericht funktionierte nicht, und vielleicht ist das jetzt ihr nächster Versuch, Trump zu Fall zu bringen«, sagte Jerry Falwell Jr., der Präsident der Liberty University im Bundesstaat Virginia und ein prominenter Trump-Unterstützer. In der evangelikalen Einrichtung finden nach wie vor Vorlesungen statt. Andere sagten, die Einschränkungen seien »politisch motiviert« oder basierten auf »fake news«.

Wie weit die Macht und der Einfluss der Evangelikalen geht, zeigte sich in Florida und Texas. Der Gouverneur von Florida, Ron de Santis, wies per Anordnung religiöse Versammlungen als »wesentlich« aus. Damit haben Städte und Kommunen keine Befugnis, Versammlungsverbote zu erteilen. Ähnliches wurde in Texas verordnet.

Auch in einem Dutzend weiterer US-Bundesstaaten sind Kirchen, Synagogen, Moscheen und andere religiöse Einrichtungen von Versammlungsverboten ausgenommen. Zwar drängen die Gouverneure gleichzeitig die Gemeinden, keine Risiken einzugehen und religiöse Feiertage online zu feiern. Doch dabei bleibt es bei Appellen. Das Virus wird sich also weiter ausbreiten.

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