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Seuchenklassismus

Kampfstern Corona (9)

  • Von Maria Jordan
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Leben in Zeiten des Coronavirus: Größte Vorsicht ist geboten. Nicht nur hinsichtlich der Erreger. Sondern auch aufgrund der Viruspanik, des Maßnahmenextremismus, des Seuchen-klassismus, die genauso ansteckend sind wie Sars-CoV-2 und ähnlich gefährlich. Zur Risikogruppe gehört hier die Mittelschicht - belesene »Tagesschau«-Beobachter*innen, Studierte und Studierende mit »Zeit«-Abo und all die heilen Familien mit der Milch von glücklichen Kühen im Kühlschrank. Eben die, die’s richtig machen. Alles und immer. Diese Leute stecken sich gegenseitig mit rasantem Tempo an: bei Twitter, in der WG oder über den Gartenzaun hinweg.

Die anfängliche Angst vor dem Virus und der vermeintliche Schutz vor einer möglichen Ansteckung durch pausenlosen Nachrichtenkonsum hat zu einem massenhaften Ausbruch einer weiteren Erkrankung geführt: die Angst vor den anderen. Mitmenschen, egal ob im eigenen Umfeld oder kilometerweit weg, haben sich verändert, sind zu etwas anderem geworden - zu einer potenziellen Gefahr, zu möglichen Seuchenträgern und gedankenlosen Virenschleudern. Wer mit dieser Art von Angst infiziert ist, reagiert auf die allgegenwärtige unkontrollierbare Gefahr mit der Flucht aus dem sozialen Leben - fast. Denn diese selbst auferlegte Isolation reicht bei Weitem nicht aus, um sich zu beruhigen. Mehr Kontrolle muss her. Und so schreien die Infizierten verzweifelt aus den Fenstern und ins Internet hinein: »Staythefuckhome!« - sperrt sie alle weg, die Virenträger, und verrammelt die Türen! Allein solche Gedanken an einen kompletten Stillstand des öffentlichen Lebens und menschenleere Straßen verschafft ihnen ein wenig Beruhigung.

Diese Art von Panik wird dann auch noch mit Vernunft verwechselt. Den eigenen Glaubenssätzen widersprechende Expertenmeinungen werden schlicht ignoriert. Anfällig für diese panische Vernunft sind meist jene, die, außer vor dem Virus, vor kaum etwas Angst haben müssen. Die nun nicht Hartz IV beantragen, weil der Job plötzlich weg ist, nicht zu Kurzarbeit gezwungen sind, sondern ein Zuhause haben, in das der Rewe-Lieferdienst die Bio-Avocado bringt und die Sweet-Potatoe-Chips für den Netflix-Abend. Die keine 12-Stunden-Schichten im Supermarkt oder Krankenhaus durchstehen müssen. Wer es sich leisten kann, mitten in einer Pandemie den Tag mit Yoga-Übungen im lichtdurchfluteten Wohnzimmer zu starten, bei Google-Hangouts mit den Kolleg*innen News über Infektionszahlen auszutauschen, und sich freut, endlich mal wieder zum Lesen zu kommen, der sollte für diese Privilegien dankbar sein. Dafür, diese Krise mit Gewissheit und einigermaßen komfortabel zu überstehen.

Dem Gesockse, das noch auf der Straße herumläuft, Verantwortungslosigkeit zu unterstellen, ohne überhaupt zu wissen, wie deren Leben aussieht, ist Nach- unten-Treten. Vielleicht gehen sie spazieren, um sich vor dem depressiven Loch zu schützen, in das sie in dieser Situation zu fallen drohen. Oder sie fliehen vor gewalttätigen Partner*innen oder saufenden Eltern. Vielleicht sind sie, trotz Angst, sich anzustecken, auf dem Weg zur Arbeit, weil sie kein Staythefuckhomeoffice machen können. Meist versuchen sie einfach, auf ihre Art verantwortungsvoll mit der Krise umzugehen - sich die Hände zu waschen, Abstand zu halten und sich nicht von der panischen Vernunft anstecken zu lassen.

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