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Stellvertreter

Personalie

Nein, mit Stellvertreter ist nicht Pius XII wie in Rolf Hochhuths Schauspiel gemeint, sondern der 46-jährige konservative Rechtsanwalt, Außenminister und stellvertretende britische Premier Dominic Raab. Während Boris Johnson im Londoner St. Thomas-Krankenhaus auf der Intensivstation liegt, vertritt ihn Raab im Kabinett und bei öffentlichen Auftritten zum Thema Covid-19.

Seit 2010 im Unterhaus, ist der Sohn eines emigrierten tschechischen Juden nicht gerade als international Denkender bekannt. Er erwarb seine Sporen 2016 als einer der führenden Brexit-Kämpfer bei den Tories, diente Theresa May als Justiz-, dann Brexit-Minister. Nach nur vier Monaten zerstritt man sich aufgrund Mays Versuch, keinen Sonderstatus für Nordirland im EU-Handel zu erlauben. Nach Mays Sturz bewarb er sich erfolglos um den Parteivorsitz, schwenkte jedoch nach dem Scheitern rasch auf die Seite von Johnson. Der Sieger belohnte den noch rabiateren EU-Feind mit der Beförderung ins Außenministerium und den Rang eines offiziellen Stellvertreters im Krisenfall. Dieser ist mit Johnsons zehntägiger Corona-Krankheit und schwerem Rückfall nun eingetreten.

Raab, Schwarzgürtelträger im Karate, versteht es, auch in der Politik hart auszuteilen. 2012 machte er sich als Macho einen Namen, indem er Vertreterinnen der Frauenbewegung als widerliche Eiferinnen abqualifizierte, was wiederum die damalige Innenministerin Theresa May in Wut geraten ließ. Später griff Raab Kunden von Tafeln an, sie seien nicht wirklich arm, sondern hätten nur ein Geldflussproblem. John Crace, der satirisch begnadete Parlamentsreporter des linksliberalen »Guardian«, beschreibt Raab als Psychopathen - sicher nicht im Ernst. Ein Choleriker ist der Abgeordnete des wohlhabenden Surrey-Wahlkreises Esher und Walton dabei durchaus. Besonders beliebt bei den eifersüchtigen und ehrgeizigen Kabinettskollegen dürfte Raab auch nicht sein.

Mag Boris Johnson auch ein berüchtigter Lügner und politisches Leichtgewicht sein, man muss ihm die baldige Genesung wünschen. Nicht nur aus Menschenliebe.

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