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Das Abwärtspotenzial ist fast unbegrenzt

Der Ökonom Sebastian Dullien warnt vor den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht von einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 2,8 bis 5,4 Prozent dieses Jahr als Folge der Pandemie aus. Er rechnet aber mit einer schnellen Erholung. Sind Sie ähnlich optimistisch?

Nein. Diesen Optimismus teilen mein Institut und ich nicht. Das Wachstum hat sich in Deutschland schon vor der Coronakrise verlangsamt. Deswegen gehen wir nicht von einer schnellen Erholung im dritten Quartal dieses Jahres aus. Das wird alles ein bisschen länger dauern. Auch der Nachholeffekt wird im nächsten Jahr vermutlich nicht so groß sein, wie ihn der Sachverständigenrat prognostiziert.

Woran liegt das?

Das Wachstum der vergangenen Jahre war vor allem vom steigenden Konsum getrieben. Doch schon vor der Krise stiegen die Einkommen nicht mehr so schnell wie in den Jahren zuvor. Das zeigt sich in den Tarifabschlüssen des vergangenen Jahres und an den Tarifforderungen etwa der IG Metall, bevor der Not-Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie vereinbart und die reguläre Tarifrunde ausgesetzt wurden. Und das hat letztlich auch Auswirkungen auf den Konsum. Deswegen dürften nicht alle privaten Ausgaben nachgeholt werden, die derzeit wegen der Coronakrise nicht getätigt werden. Ein Teil davon wird einfach ausfallen.

Wie groß wird dann Ihrer Meinung nach der Einbruch bei der Wirtschaftsleistung sein?

Das IMK geht derzeit von einem Einbruch um vier Prozent beim Bruttoinlandsprodukt aus. Nach unten ist das Abwärtspotenzial dabei fast unbegrenzt. Wenn die Pandemie länger andauert, die Politik in einen Panikmodus verfällt und es zu einem längeren Shutdown kommt, dann wird dies natürlich zu einem massiveren Verlust beim Output führen. Das wird auch einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge haben.

Mit wie vielen Arbeitslosen muss man rechnen?

In der aktuellen Prognose haben wir im Jahresschnitt für nächstes Jahr 250 000 zusätzliche Arbeitslose prognostiziert. Aber das ist unter der Annahme, dass die Instrumente zur Sicherung von Beschäftigung und Unternehmensstrukturen angenommen und die Kontakteinschränkungen ab Ende April allmählich aufgehoben werden.

Zuletzt gab es einen solchen Einbruch bei der Wirtschaftsleistung 2009 infolge der Finanzkrise. Kann man beide Krisen miteinander vergleichen?

Der erste Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt ist durchaus vergleichbar, aber letztlich haben wir mit der Coronakrise eine ganz andere Art von Schock. Von der Finanzkrise waren vor allem die Banken und das verarbeitende Gewerbe betroffen. Heute haben wir ganz unterschiedliche Unternehmen, die die Folgen zu spüren bekommen. Viele von ihnen sind sehr klein. Da ist noch nicht absehbar, ob sie wie 2009 großteils ihre Beschäftigten halten können oder stärker entlassen müssen.

Glauben Sie, dass die von der Politik beschlossenen Hilfspakete ausreichen?

Es wurde zumindest eine Reihe von Maßnahmen auf den Weg gebracht, die es 2009 nicht gab - etwa die Soforthilfen für kleine und mittlere Unternehmen, die Möglichkeit der Steuerstundung oder die Programme der staatlichen Förderbank KfW. Da wurden schon die richtigen Sachen angestoßen, es fehlen aber noch ein paar Elemente.

Die Gewerkschaften fordern Nachbesserung bei der Höhe des Kurzarbeitergeldes …

Da sehen auch wir Nachbesserungsbedarf. Es gibt zwar einige Branchen oder einzelne Unternehmen, in denen die Gewerkschaften und Betriebsräte eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes durch die Unternehmen erreicht haben. Aber eine Reihe von Firmen - insbesondere in Gastronomie und Einzelhandel - sagt, sie können sich das nicht leisten, weil sie zurzeit keinerlei Umsätze haben. Dies trifft vor allem Beschäftigte, die ohnehin ein geringes Einkommen haben. 60 beziehungsweise 67 Prozent Kurzarbeitergeld reichen da nicht aus.

Wie hoch müsste das Kurzarbeitergeld ausfallen?

Bei kleinen Einkommen sollte es auf 90 Prozent des eigentlichen Verdienstes angehoben werden. Man könnte die Aufstockung auch nach der Höhe des Einkommens staffeln, wie es in Österreich gemacht wird.

Infolge der Finanzkrise kam es nicht nur zu einem Einbruch der Wirtschaft und zu einem Anstieg der Kurzarbeit, bekanntlich war auch die Eurokrise eine Folge. Die EU hat nun aufgrund der Corona-Pandemie die Schuldenregeln außer Kraft gesetzt, damit sich die EU-Staaten mehr Geld zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen leihen können. Wird dies zu einer erneuten Staatsschuldenkrise führen?

Für Länder wie Deutschland, die eine geringe Staatsverschuldung haben, wird dies vermutlich kein Problem sein. Doch für Länder wie Spanien und Italien besteht in der Tat die Gefahr einer neuen Staatsschuldenkrise. Deswegen sollten auf europäischer Ebene sogenannte Coronabonds eingeführt werden, mit denen die Mitgliedstaaten gemeinschaftlich die Kosten der Coronakrise finanzieren könnten. Diese Coronabonds könnten ein Volumen von einer Billion Euro haben. Das würde genügen, um die gegenwärtigen Herausforderungen zu meistern, und den Schuldenstand der einzelnen Länder nicht negativ beeinflussen.

Aber wie bei der Debatte um Eurobonds während der Eurokrise wehrt sich die Bundesregierung wieder gegen solche gemeinschaftlichen Anleihen.

Da würde ich mir von der deutschen Regierung eine konstruktivere Position wünschen. Coronabonds wären für Italien und Spanien auch als Signal der Solidarität sehr wichtig. Dort entsteht der Eindruck, dass sie mit der Coronakrise von den anderen EU-Ländern allein gelassen werden. Doch leider fürchte ich, dass die Bundesregierung bezüglich Coronabonds nicht schnell genug ihre Meinung ändert.

Glauben Sie, dass die EU wegen der Coronakrise auseinanderbrechen kann?

Das ist nicht ausgeschlossen.

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