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Die Welt ist mündig geworden

Vor 75 Jahren wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer von den Faschisten ermordet

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 7 Min.

Von wunderbaren Mächten treu und still umgeben«, hatte Dietrich Bonhoeffer noch vor Jahresfrist geschrieben. Wo waren diese Mächte am Morgen des 9. April 1945, als die SS-Schergen den 39-jährigen nackt zum Galgen führten? Das Standgericht im KZ Flossenbürg, das ihn und vier andere Verschwörer des 20. Juli zum Tode verurteilt hatte, sollte noch 1956 durch den Bundesgerichtshof als ordnungsgemäßes Gericht bestätigt werden. Die westdeutschen Richter wollten keinen Rechtsbruch feststellen. Erst seit 1998, mit dem Gesetz zur Aufhebung der NS-Unrechtsurteile, gilt Bonhoeffer in Deutschland formell als unschuldig.

Sein Vater, der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer, wandte sich im Oktober 1945 hilfesuchend an die Leitung der Berliner Universität. Der emeritierte Professor bat - im Alter von 77 Jahren! - um Arbeit; die Familien seiner Enkelkinder brauchten einen Ernährer. Die Nazis hatten nicht nur seine Söhne Dietrich und Klaus ermordet, auch die Schwiegersöhne Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher. Sie alle galten noch lange nach dem Krieg als Vaterlandsverräter.

Dietrich Bonhoeffer selbst hinterließ keine Kinder. Im Januar ’43, drei Monate vor seiner Verhaftung, hatte er sich mit Maria von Wedemeyer verlobt, der Tochter eines neumärkischen Gutsbesitzers. Von der Liebe der beiden erzählt das Buch »Brautbriefe Zelle 92«, das viele Jahre später Marias Schwester, Ruth-Alice von Bismarck, gemeinsam mit Ulrich Kabitz herausgab. Die »Zeit« schrieb darüber: »Inniger, zärtlicher haben Liebende kaum jemals in Briefen miteinander gesprochen. Und gerade weil vieles nur angedeutet oder verschlüsselt gesagt werden kann, erzählen diese Briefe mehr als nur eine private Geschichte; sie sind, indem sie von der buchstäblich Gefängnismauern überwindenden Kraft der Liebe zeugen, zugleich ein Stück Widerstandsliteratur.«

Dietrich Bonhoeffer ist heute der bekannteste evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts, sogar in den USA. In der Gedenkstätte Flossenbürg hängt seit dem letzten Jahr eine Bronzetafel, mit der US-Präsident Donald Trump an Bonhoeffer erinnert. Sein Statthalter in Deutschland, Richard Grenell, sprach bei der Enthüllung der Tafel davon, wie sehr ihn dieser Pfarrer berührt habe: »Indem er für seine Überzeugungen den Tod riskierte, lehrte er uns, wie man ein erfülltes Leben führen kann.« In seiner Rede offenbarte Grenell eine erschreckende Unkenntnis vom Leben dieses Menschen: »Als er 1943 in Flossenbürg eintraf, war Bonhoeffer bereits ein Märtyrer …« - Nach seiner Festnahme am 5. April 1943 war Dietrich Bonhoeffer ins Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Tegel gebracht worden. Ein großer Teil seines Werkes »Widerstand und Ergebung« ist hier entstanden. Zweieinhalb Monate nach dem 20. Juli 1944 war Bonhoeffer, dessen Mitwisserschaft erst jetzt bewiesen werden konnte, ins Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße überstellt worden. Am 7. Februar 1945 kam er ins KZ Buchenwald, von wo Bonhoeffer erst im April ’45 ins KZ Flossenburg überführt wurde - für seine Hinrichtung.

Biografische Fakten aber waren für den US-Botschafter nicht so wichtig. Sein Redenschreiber hatte ihm u.a. ein paar Gedichtzeilen Bonhoeffers rausgesucht: »Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? / Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?« Solche Sätze kann man bei jeder Gelegenheit vortragen - auch das ist Bonhoeffer.

Zum Verständnis seiner Theologie aber ist ein Satz von ihm von zentraler Bedeutung: »Eine Erkenntnis kann nicht getrennt werden von der Existenz, in der sie gewonnen ist.« Und diese Existenz war in seinem Falle eben nicht eine in den USA, gleichwohl er dort einige Jahre studiert und auch gelehrt hat. Das Bild Bonhoeffers vom unbeirrbaren Gotteskämpfer, der den eigenen Tod in Kauf nimmt, ist unter weißen bürgerlichen Trump-Wählern weitverbreitet und geht auf die Bestseller-Biografie Eric Metaxas’ zurück, eines Stichwortgebers der rechten Evangelikalen. Seither werden Bonhoeffer-Zitate gegen den »liberalen Mainstream« angeführt, gegen die gottlosen Demokraten etc. Und das erstaunt. Immerhin hat der Theologe Bonhoeffer den Tyrannenmord bejaht: Während seiner Haft in Tegel hatte ein Mitgefangener ihn gefragt, wie sich denn ein Pfarrer an der Vorbereitung eines Attentats beteiligen könne. Bonhoeffer gab zur Antwort: Er habe als Geistlicher zwar die Pflicht, die Opfer eines wild gewordenen Mannes, der mit seinem Auto eine bevölkerte Straße entlangrast, zu trösten, aber er müsse eben auch versuchen, diesen Autofahrer zu stoppen.

Dass auch hierzulande die Neue Rechte, allen voran die AfD, auf Bonhoeffer zurückgreift, war nur eine Frage der Zeit. Mithilfe seines Namens versuchen Höcke und Co. sich gegen den Faschismusvorwurf zu immunisieren. Bonhoeffers Aufruf »Dem Rad in die Speichen greifen!« wird auf Facebook und Twitter oft verbreitet, im Kampf gegen »Gender-Wahn« und »Merkels Flüchtlingspolitik«. Die SS hat Bonhoeffer das Leben genommen, die AfD nimmt ihm den Tod.

Dass ihr das gelingt, liegt daran, dass Bonhoeffer heute kaum noch gelesen wird. In der EKD wurde die Erinnerung an ihn auf Liederabende und triviale Postkartensprüche reduziert. Dietrich Bonhoeffer in Gänze zu gedenken, heißt auch, daran zu erinnern, dass die Bekennende Kirche ihn bitter enttäuscht hat. Nach seiner Verhaftung hat man dort nicht einmal für ihn gebetet. Auf den Fürbittelisten der Bekennenden Kirche findet sich nicht sein Name.

Widerstand hieß für Bonhoeffer zuerst Solidarität mit Fremden. Während sich Martin Niemöllers Pfarrernotbund nur verantwortlich fühlte für die knapp hundert Pfarrer, deren jüdische Herkunft nachgewiesen war, rief Bonhoeffer schon im April 1933 zur Hilfe für alle Verfolgten auf. Im Aufsatz »Die Kirche vor der Judenfrage« lehnte er für die Kirche nicht nur die Übernahme des »Arierparagrafen« ab, darüber hinaus forderte er von ihr die generelle Solidarität mit den Opfern staatlicher Gewalt. Dabei gebe es drei abgestufte Handlungsmöglichkeiten: Die Kirche habe zuerst den Staat nach der Rechtmäßigkeit seines Handelns zu fragen, zweitens müsse sie sich zur Hilfe an den Opfern verpflichtet wissen und drittens bereit sein, »nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen«.

Ein zentraler Gedanke seiner Theologie, der auch im DDR-Protestantismus eine große Rolle spielen sollte, ist die »Kirche für andere«. Damit beschrieb Bonhoeffer sein Verständnis von einer Kirche, die kein Selbstzweck ist; Privilegien und falsche Loyalitäten schaden ihrer Glaubwürdigkeit. »Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, evtl. einen weltlichen Beruf ausüben. Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.«

Bonhoeffers eigentliches Vermächtnis aber ist seine »nichtreligiöse Interpretation des Evangeliums in einer mündig gewordenen Welt«. Lange genug hatte die Kirche jegliches Unglück mit dem Abfall vom Glauben erklärt, einschließlich Hitler. Hans Asmussen, der intellektuelle Kopf der Bekennenden Kirche und nach dem Krieg Leiter der EKD-Kirchenkanzlei in Hannover, hatte in seinem Hauptvortrag auf der Barmer Bekenntnissynode im Mai 1934 betont: »Wir protestieren damit gegen die Erscheinung, die seit mehr als 200 Jahren die Verwüstung der Kirche schon langsam vorbereitet hat …« Dietrich Bonhoeffer, der damals noch eine Pfarrstelle in London hatte, sah das anders. Die Säkularisierung war für ihn ein positiver Prozess. Am 16. Juli 1944 schrieb er in einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge: »Eine endliche Welt, wie immer sie auch gedacht sein mag, ruht in sich selbst.« Darauf zitiert Bonhoeffer Hugo Grotius, den Philosophen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, den Vorkämpfer des Toleranzgedankens: »etsi deus non daretur« - als ob es Gott nicht gäbe. Bonhoeffer schreibt: »Gott als moralische, politische, naturwissenschaftliche Arbeitshypothese ist abgeschafft, überwunden; ebenso als philosophische und religiöse Arbeitshypothese (Feuerbach!). Es gehört zur intellektuellen Redlichkeit, diese Arbeitshypothese fallen zu lassen bzw. sie weitgehend irgendwie auszuschalten.«

Die Welt ist mündig geworden. Bonhoeffer begrüßt diese Entwicklung, die mit der falschen Gottesvorstellung aufräumt. »Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (Markus 15, 34)!« In der angegebenen Bibelstelle fühlt sich Jesus am Kreuz von Gott im Stich gelassen (»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«). Bonhoeffer folgert daraus: »Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt hinausdrängen ans Kreuz. Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns.« So auch am Morgen des 9. April 1945: »Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern / Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, / So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern / Aus deiner guten und geliebten Hand.«

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