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»Ich war wie ein Skelett«

Konzentraionslager Überlebender Tomi Reichental setzt sich für das Erinnern ein

  • Von Karen Miether
  • Lesedauer: 4 Min.

Tomi Reichentals Pläne für den 15. April sind »sehr einfach«, wie er sagt. Am Nachmittag gegen zwei Uhr Ortszeit will der 85-Jährige zu Hause im irischen Dublin ein Glas mit Wein heben und anstoßen. Etwa zu dieser Zeit habe die britische Armee vor 75 Jahren das niedersächsische Bergen-Belsen erreicht und das Konzentrationslager befreit, in das er verschleppt worden war. »Ich werde mich an den Moment erinnern und daran, wie viel Glück wir hatten, weil wir überlebten.« Tomi Reichental war neun Jahre alt, als seine Retter kamen, und ausgezehrt von Hunger und Durst. »Ich war wie ein Skelett«, sagt er: »Nur Haut und Knochen.«

In der Gedenkstätte Bergen-Belsen bei Celle wird in diesem Jahr angesichts der Corona-Pandemie die Erinnerung an den Jahrestag der Befreiung nur in kleinstem Rahmen begangen. Zu einer Kranzniederlegung am 19. April kommen Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), die Landtagspräsidentin und zwei Minister sowie Michael Fürst als Verbandsvorsitzender jüdischer Gemeinden, sagt der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, der ebenfalls dabei ist. Der NDR übertrage einen Bericht. Zudem sei ein Online-Angebot geplant. Ursprünglich waren 5.000 Gäste erwartet worden, unter ihnen rund 120 Überlebende des Lagers - auch Tomi Reichental.

Im Februar war er das letzte Mal in Bergen-Belsen, gemeinsam mit einem britischen Fernsehteam. Erst vor wenigen Tagen hat der Sender UTV/ITV die dabei entstandene Dokumentation »Rückkehr nach Belsen« ausgestrahlt, erzählt Reichental. 60 Jahre lang hatte er über seine Kindertage im KZ nicht gesprochen, bis zu ihrem Tod 2003 nicht einmal mit seiner Frau. »Ich wollte es vergessen, aber so etwas kann man nicht vergessen«, sagte er bei einem Treffen während seines Besuchs im Februar. Erst spät ist der Ingenieur zu einem der prominentesten Zeitzeugen des Holocaust in Irland geworden.

Aufgewachsen ist Tomi Reichental auf einem Bauernhof in der Slowakei. 1944 wurde er gemeinsam mit seiner Mutter, seinem Bruder, der Großmutter, der Tante und einer Cousine nach Bergen-Belsen verschleppt. »In dem Lager konnte ich nicht spielen wie ein normales Kind«, sagt er. »Wir haben nicht gelacht. Wir haben nicht geweint. Wer aus der Reihe trat, konnte geschlagen werden, sogar bis zum Tod. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen.«

Tomi musste auch mit ansehen, wie seine Großmutter nach ihrem Tod auf eine Schubkarre geladen und auf einen Haufen voller Leichen gekippt wurde. Dieses Bild begleite ihn, sagt er. »Auch dann, wenn ich mich daran erinnere, wie sie in den Jahren zuvor mir Geschichten erzählt und mit mir Kekse gebacken hat.«

In Bergen-Belsen starben während der NS-Zeit rund 20.000 Kriegsgefangene und mehr als 52.000 Häftlinge des Konzentrationslagers an Hunger und Seuchen, durch Übergriffe der SS oder an den Folgen der Haft. Darunter war auch das jüdische Mädchen Anne Frank, dessen Tagebuch später weltberühmt wurde. Unter rund 120.000 Menschen aus fast allen europäischen Ländern waren in Bergen-Belsen auch etwa 3.500 Kinder unter 15 Jahren inhaftiert, die meisten von ihnen Juden. Zeitzeuge Tomi Reichental war eines von ihnen.

Das erste Mal hat er in der Schule seiner Enkel von seiner Zeit im KZ berichtet. »Da hatte ich noch keine Erfahrungen. Ich sprach sehr offen«, sagt Reichental. »Dann weinten 25 Kinder, ich weinte, die Lehrerin weinte.« Bis vor kurzem war der 85-Jährige häufig zu Gast in Schulen und Universitäten oder bei Firmen. In Dokumentarfilmen und vor dem irischen Parlament hat er aus seinem Leben berichtet. Gerade schreibt Reichental an seinem dritten Buch, in häuslicher Isolation wegen der Corona-Pandemie hat er jetzt Zeit dafür. »Wir schulden es den Opfern, dass sie nicht vergessen werden«, betont er.

Zugleich hat er die Zukunft im Blick. Der Holocaust habe nicht erst mit dem Abtransport von Menschen in Viehwaggons oder den Gaskammern begonnen, sondern mit der Diskriminierung im Alltag, mahnt er. Rassismus und Ausgrenzung müssten an den Wurzeln bekämpft werden. »Wir werden die Erinnerung hochhalten und ich hoffe, dass das noch viele Jahre so weitergeht.« Die große Gedenkfeier mit Gästen aus aller Welt will die Gedenkstätte Bergen-Belsen im kommenden Jahr nachholen. epd/nd

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