Werbung

Wenn’s nach Kuh stinkt, kommt der Wind aus Westen

Patchwork-Familie ist anstrengend und aufregend

  • Lesedauer: 8 Min.

Rita liegt in ihrem Bett. Sie schläft. Eigentlich nichts Ungewöhnliches an einem Samstagmorgen wie diesem. Auch das leise Knarzen der Dielen vermag Rita nicht aus dem Schlaf zu reißen. Ihr Traum ist viel zu schön, um ihn schon zu verlassen. Rita träumt von ihrem zehnten Geburtstag: Die Vorbereitungen für ihr Fest sind in vollem Gange. Rita hat ihre ganze Klasse eingeladen, sogar ihre Lieblingslehrerin Frau Bredda. Auch den alten Georg, ihre Eltern und ihre beste Freundin Leonie natürlich. Obwohl die Feier erst in ein paar Stunden beginnen soll, ist für die Segelregatta-Schatzsuche schon alles vorbereitet. Die Schwimmwesten liegen bereit, Seekarten und Proviantkörbe sind auf die einzelnen Boote verteilt. Ritas Mutter Julia holt die mannsgroße Marzipantorte aus dem Keller und Rita schreit vor Freude. »Mamaaa, die ist ja der Wahnsinn! Können wir schon ein kleines Stück essen? Nur ein klitzekleines? Bitte!« Julia balanciert die riesige Torte ins Wohnzimmer. Rita tanzt so aufgeregt um sie herum, dass Julia beinahe das Gleichgewicht verliert. Und dann passiert es: Rita stößt rücklings gegen den Tisch, gerade als ihre Mutter die Torte darauf abstellen will. Der Tisch rutscht zur Seite und Julia stellt die Torte ins Leere. Mit einem dumpfen Plonk landet die Torte auf dem Boden. Rita blinzelt. Ihre Mutter steht mit leeren Händen da. Die Augen zugekniffen, von oben bis unten mit Torte bekleckert. Julia öffnet die Augen, lacht laut und ruft: »Ach du meine Güte. Wie siehst du denn aus?«

»Guck dich mal an!« Rita stecken noch ein paar Geburtstagskerzen in den Haaren. Julia leckt genüsslich ihre Finger ab. Rita tut es ihr gleich. Der ganze Raum ist mit Buttercreme gesprenkelt. »Aufwachen, du Schlafmütze«, dringt da eine vertraute Stimme an Ritas Ohr. »Zu früh!«, murmelt Rita. Der Tortentraum rutscht in immer weitere Ferne. Rita öffnet die Augen. Ihre Mutter schließt gerade das Fenster. Auf ihrer Nase klemmt eine erdbeerrote Wäscheklammer. Rita weiß genau, was das heißt, und hält sich blitzartig die Nase zu. »Wenn’s nach Kuh stinkt …«, näselt ihre Mutter. »… kommt der Wind aus Westen«, ergänzt Rita. Julia setzt sich neben sie aufs Bett und fragt liebevoll durch ihre Wäscheklammer: »Hast du gut geschlafen?« Rita nickt. »Das ganze Wohnzimmer war voller Marzipantorte.« Julia grinst. »Das klingt nach einem Spitzentraum«, sagt sie und streicht Rita übers Haar, wie sie es immer macht. »Ich muss los. Wenn was ist, funkst du mich an, ja?« Rita greift nach ihrem Funkgerät auf dem Nachttisch. Rita für Mama, bitte kommen. Das Haus steht unter Wasser. Mama Bergmann. Bitte kommen.» Julia schüttelnd belustigt den Kopf. «Frühstück steht auf dem Tisch.»

Kaum ist die Haustür hinter ihrer Mutter ins Schloss gefallen, springt Rita aus dem Bett. Sie rutscht auf dem Treppengeländer hinunter in die Küche und schnappt sich ein Schokoladencroissant vom Frühstückstisch. Dann läuft sie über die Veranda in den wild wachsenden Garten und bis vor zum Ufer des Pichelssees. In Klein-Venedig grenzt jeder Garten an den See, die Briefkästen stehen neben den Anlegestegen und die Post wird nur mit dem Boot ausgefahren. Rita fischt eine Postkarte aus dem rostigen Kasten. Auf dem Kasten steht: Familie Bergmann. Bootsschule Frische Brise. Ritas Mutter ist die Chefin der Bootsschule Frische Brise. Mit der Bootsschule hat sich Ritas Mama einen Kindheitstraum erfüllt. Sie wollte schon immer einen Bootsschuppen mit ein paar Fahnen und einem Steg haben. Also bauten Ritas Eltern einen Bootsschuppen und einen Steg und hissten ein paar Fahnen. Eine selbst gemalte Fahne von Mama Julia und Papa Raffael hat dort im Wind geweht, seit es Rita gibt. Und mittlerweile liegen am Steg kleine und größere Segelboote, auch ein paar Motorboote sind darunter, genauso wie Ritas Mutter sich das immer gewünscht hat.

Rita setzt sich zwischen die Festmacher auf den Steg und hält die Nase in die Sonne. Die Postkarte ist von ihrem Vater Rafael. Bis vor zwei Jahren hat er noch bei ihnen in Klein-Venedig am Pichelssee gewohnt. Aber Mama sagt, Papa war nicht glücklich, weil es auf dem Pichelssee zu wenig Wellen gibt. Er lebt jetzt wieder in Spanien, seinem Heimatland, dort hat er Wellen ohne Ende. Wenn Rita das erzählt, sehen die Leute sie immer mitleidig an. Wieso sie das tun, versteht Rita nicht. Seitdem Papa wieder in Spanien ist, reden sie noch mehr miteinander als vorher. Eigentlich telefonieren sie andauernd. Auch wegen Kleinigkeiten, oder wenn einer von beiden einen neuen Witz aufgeschnappt hat. Aber sie schreiben auch Nachrichten. Rita schreibt am liebsten über Snapchat. Papa schreibt auch gerne Postkarten. Genau genommen schreibt er sie nicht, er schickt sie bloß. Der Text ist nämlich immer der gleiche: Saludos von Papa. Und daneben malt er ein Herzchen. Saludos ist spanisch und heißt: liebe Grüße. Rita lässt die Füße ins Wasser baumeln und beguckt die Postkarte genauer. Ein Ziegenbock in Badehose auf einem Surfbrett. Eine typische Papa-Postkarte. Der Ziegenbock grinst breit. Rita muss bei seinem Anblick schmunzeln. Sie beißt genüsslich in ihr Schokocroissant. Ein paar Krümel fallen ins Seewasser und zwei kleine Karpfen kommen an die Wasseroberfläche, um sich darüber herzumachen. Bis Mama wieder nach Hause kommt, dauert es Stunden. Im Sommer finden fast jedes Wochenende Segelprüfungen statt. Und während Julia mit ihren Schützlingen kreuz und quer über den Pichelssee schippert, hat Rita das Haus für sich ganz allein. Wie viele Tage es wohl noch bis zu ihrem Geburtstag sind? Rita springt auf und läuft zurück ins Haus. Am Kühlschrank hängt ein Kalender. Rita zählt die Tage. Noch zwei Tage bis zu den großen Ferien. Das ist schon mal gut. Rita zählt weiter und weiter, bis sie endlich bei ihrem Geburtstag angekommen ist. «Noch sechzehn Tage?» Das kann nicht sein. So lange noch? Bestimmt hat Rita sich verzählt. Sie zählt ein zweites und sogar noch ein drittes Mal, aber sie kommt immer wieder auf sechzehn Tage. Das ist ja noch ewig! Wie soll sie die Zeit bis dahin bloß rumkriegen? Schade, dass es noch kein Mittel gibt, um die Zeit schneller laufen zu lassen. Wenn Rita vor lauter Neugierde mal wieder kurz vorm Platzen ist, sagt Mama immer: «Bloß kein Stillstand. Machen hilft.» Deswegen hängt auch ein langer Zettel neben dem Kalender am Kühlschrank. Sie haben aufgeschrieben, was sie in den großen Ferien alles unternehmen wollen. Bislang steht da:

Vom Bootsschuppen in den See springen

Lagerfeuer machen

Fischreusen leeren

Schwimmwesten flicken

Besuch von Papa

Lose Bretter auf dem Steg festnageln

Ritas 10. Geburtstag feiern!

Schon bei dem Gedanken an ihren Geburtstag macht ihr Herz einen Hüpfer. Ob ihre Eltern schon Geschenke für sie haben? Rita wandert in der Wohnküche umher. Sie weiß noch ganz genau, was sie auf ihren Wunschzettel geschrieben hat. Das große Fest natürlich und die Marzipantorte, von der sie geträumt hat. Eine Piratenflagge, die sie hissen kann, wenn sie mit einem der Schulboote hinaus auf den Pichelssee fährt. Außerdem ein Tiefenmessgerät und ein neues Mäppchen. Die Liste hat Rita schon vor Wochen gemacht. Aber eine Piratenflagge ist schwer zu kriegen, das weiß Rita von ihrem Papa. Ob sie wohl einen klitzekleinen Blick riskieren soll? Wenn man seine Geschenke sieht, bevor man sie bekommt, schmälert das die Freude, sagen Mama und Papa immer, denn dann ist es ja keine Überraschung mehr. Bei Rita ist das anders. Beim Geschenkesuchen kribbelt es so schön in ihrem Bauch, wie sie es sonst nur vom Segeln kennt. Und wenn sie Geschenke findet, könnte sie platzen vor Freude. Rita kann einfach nicht anders, sie muss, muss, muss jetzt nach ihren Geschenken suchen. Aber wo würde Mama die Geschenke verstecken? Es gibt kein Versteck mehr im Hause Bergmann, das Rita nicht kennt. Das weiß Mama genauso gut wie sie. Bestimmt benutzt Mama deswegen in diesem Jahr Verstecke, die keine Verstecke sind. Zwischen ihren T-Shirts zum Beispiel oder unter den Kartoffeln.

Vorsichtig zieht Rita einen Stapel Mama-T-Shirts aus dem Schrank. Dann nimmt sie den Stapel mit Pullis, und zum Schluss die ordentlich gefalteten Hosen, doch da ist nichts. Rita wandert ins Badezimmer, guckt zwischen den Handtüchern nach und in der Küche räumt sie das komplette Gefrierfach aus. Sie stellt das ganze Haus auf den Kopf und kommt schließlich im Keller bei den Marmeladengläsern und der Weihnachtsdekoration an. Nichts, nichts und wieder nichts! Das gibt es doch nicht. Rita hat nicht ein einziges klitzekleines Geschenk gefunden. Hat Mama ihren Geburtstag etwa vergessen? Ihre Mutter kann sie gerade schlecht fragen, aber Rita braucht eine Antwort. Ganz unbedingt und dringend. Sie lässt alles stehen und liegen und greift zum Telefon, die Nummer ist zum Glück eingespeichert. Es tutet mindestens hundert Mal, dann nimmt Papa endlich ab. «Margarita, mi amor, wie geht es dir? Ist meine Postkarte angekommen?» Rita ist die Abkürzung für Margarita. Wenn Papa Rafael sie Margarita nennt, klingt es kraftvoll und fröhlich. Außerdem rollt er das R so schön. Wenn die Kinder aus der Schule sie Margarita nennen, klingt ihr Name wie eine Pizza. «Ich glaube, Mama hat meinen Geburtstag vergessen!», platzt es aus Rita heraus, bevor sie überhaupt Hallo gesagt hat. Papa Rafael lacht. «Die Vorbereitungen für deinen Geburtstag laufen auf Hochtouren! Keine Sorge.» - «Bist du sicher?» - «Supersicher!»

Valentina Brüning und Maja Bohn: Kakao und Fischbrötchen
Tulipan Verlag
160 S., kt., 13,00 €
ab 9 Jahre

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung