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Radwege im Rekordtempo

Nicht nur Friedrichshain-Kreuzberg soll temporäre Corona-Radspuren erhalten

Friedrichshain-Kreuzberg legt vor. Innerhalb von zwei Wochen hat der Bezirk mehrere Kilometer temporäre Radwege durch die Umwidmung von Autospuren geschaffen. Etwa auf der Petersburger Straße, wo bisher ein schmaler Streifen auf dem Bürgersteig, der mehr an einen Feldweg erinnerte, die einzige Fahrradinfrastruktur war. Nun steht den Radlern hier eine ausreichend breite und sichere Radspur zur Verfügung.

»Wenn der öffentliche Personennahverkehr wegen des Infektionsschutzes schwierig ist, müssen wir den Beschäftigten in systemrelevanten Berufen eine Alternative bieten«, sagt Felix Weisbrich, Leiter des Friedrichshain-Kreuzberger Straßen- und Grünflächenamts. Immerhin verfügten 43 Prozent der Berliner Haushalte über kein Auto. Ziel sei es, »die aktuell vermehrt stattfindende Nutzung des Fahrrads unter besserer Wahrung der Sicherheitsabstände gemäß der Covid-19-Eindämmungsverordnung zu ermöglichen«, so der Bezirk. Das spürbar gesunkene Autoverkehrsaufkommen lasse die auf diese Pandemie befristete Maßnahme zu.

Carsten Schatz, Abgeordnetenhausmitglied und Bezirksvorsitzender der Linke Treptow-Köpenick, fordert die Umwidmung von Autospuren zu Radwegen auch auf der Baumschulenstraße, die Freigabe der gesperrten Spur auf der Langen Brücke in Köpenick sowie eine breite Fahrrad-Abstellfläche an der Kreuzung Kiefholzstraße / Elsenstraße. »Die ersten Sofortmaßnahmen in Kreuzberg-Friedrichshain sind zu begrüßen, dürfen sich allerdings nicht allein auf die Innenstadtbezirke erstrecken«, so Schatz.

Linke-Politiker aus Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg fordern Corona-Radspuren auch in ihren Bezirken. Grünen-Abgeordnetenhausmitglied Stefan Ziller fordert dies für die Allee der Kosmonauten in Marzahn-Hellersdorf. »Darüber hinaus sollte das Bezirksamt prüfen, welche weiteren Radwege in Planung in dem beschleunigten Verfahren umgesetzt werden können«, sagt Ziller.

»Wofür wir sonst drei Jahre brauchen, das machen wir nun in drei Tagen«, sagt Felix Weisbrich sichtlich stolz. Um dann einzuräumen, dass man doch vier bis sechs Werktage brauche. So oder so Überschallgeschwindigkeit, nicht nur für Berlin. Essen, Stuttgart und weitere deutsche Städte hätten sich schon gemeldet, um die Erfahrungen des Bezirks zu nutzen. Die Corona-bedingten Radstreifen waren allerdings keine Berliner Idee, zuvor haben das schon die kolumbianische Hauptstadt Bogotá und die US-Metropole New York gemacht - in deutlich größerem Umfang.

Dem Bündnis »Berliner Straßen für alle« geht das nicht weit genug. »Um den Berlinerinnen und Berlinern zu ermöglichen, möglichst ansteckungsfrei ihre Wege zurückzulegen, benötigt Berlin für die Zeit der Coronakrise ein dichtes Netz an provisorischer, geschützter Fahrradinfrastruktur auf den Fahrbahnen der Hauptstraßen«, heißt es in einem offenen Brief an Senat und Bezirke. Die größere Sicherheit ermögliche auch ungeübten Radlern den Umstieg. Druck wird über eine Onlinepetition gemacht.

Nachdem der infrastrukturpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Henner Schmidt, die temporären Radspuren zunächst als Versuch bezeichnet hatte, »die Krise für die eigenen Interessen zu nutzen und für die Zeit nach der ›Coronakrise‹ einseitig Fakten zu schaffen«, gehen ihm die Maßnahmen nun nicht weit genug. »Allein durch Markierungen abgetrennte Radfahrstreifen sind nach den Erfahrungen der letzten Jahre eine unsichere und gefährliche Lösung«, so Schmidt. Radwege sollten deshalb in der Regel »baulich getrennt ausgeführt werden«.

Die Senatsverkehrsverwaltung führt derweil Gespräche mit weiteren Bezirken. Ein Koalitionspolitiker dämpft jedoch die Hoffnungen. »Was ich gehört habe, wird das nur klappen, wo es bereits recht konkrete Planungen für neue Radspuren gab. Diese Maßnahmen werden einfach provisorisch vorgezogen«, sagt er dem »nd«. Auch Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) sagt, dass die Radspuren vor allem dort markiert würden, wo sie bereits geplant waren.

Felix Weisbrich möchte die einmal vorgenommene Umverteilung des Straßenraums nur sehr ungern wieder rückgängig machen. »Wir wären ja mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir das dann wieder zurückbauen müssten«, sagt er. Auch wisse niemand, wie lange die Pandemie noch dauern werde.

Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB kritisiert, dass das schnelle Tempo nicht auch bei der Ausweisung von Busspuren an den Tag gelegt wird. »Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel fahren derzeit nicht zum Spaß«, sagt er. U-Bahnen seien weiterhin überfüllt. Der ÖPNV komme bei der Senatsverkehrsverwaltung »überhaupt nicht mehr vor«.

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