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»Ein Denkzettel zur rechten Zeit«

Nachwuchs statt Millionentransfers: Unterhaching-Präsident Manfred Schwabl hält die Dritte Liga für eine Fehlkonstruktion und fordert nach Corona ein radikales Umdenken

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 7 Min.

Herr Schwabl, die Dritte Liga ist weitaus härter von den Corona-Folgen betroffen als die 1. Bundesliga, auch der Hachinger Hauptsponsor ist bereits abgesprungen. Trotzdem wirkt Ihr Verein gelassen. Wie kommt’s?

Durch den Börsengang haben wir ein kleines Fundament und ein bisschen Liquidität aufgebaut. Große Sprünge können wir natürlich trotzdem nicht machen, aber wenn wir jetzt aufhören, unseren eigenen Weg durchzuziehen, haben wir zukünftig eh keine Chance.

Der eigene Weg bedeutet auch, dass Sie als offenbar einziger Verein in der Dritten Liga kein Kurzarbeitergeld beantragt haben. Warum?

Weil wir in den Führungsgremien einstimmig entschieden haben, als Profiverein nicht auf das Geld der Steuerzahler zurückzugreifen, weil wir hier anderen Branchen ganz klar den Vorrang geben möchten. Wir wollen versuchen, das alleine zu stemmen. Wir haben im bezahlten Fußball sowieso nur eine Daseinsberechtigung über unseren eigenen Weg. Und der beinhaltet halt viele Sozialprojekte, dazu passt Kurzarbeitergeld einfach nicht. Jeder muss für sich die eigenen Konsequenzen aus dieser Krise ziehen, aber auch nicht über andere urteilen.

Wie lauten die für Haching?

Wir haben unser Nachwuchsleistungszentrum nach dem Abstieg in die Regionalliga 2015 behalten und die Jugendarbeit sogar weiter intensiviert. Der übliche Reflex ist in unserer Branche ja eher, dann alles in die erste Mannschaft zu stecken, Harakiri zu spielen, um schnell wieder in die 3. und 2. Liga mit den höheren Fernsehgeldern zu kommen. Wir haben genau das Gegenteil gemacht und selbst in der vierten Liga mehrere hauptamtliche Jugendtrainer eingestellt. Unsere Konsequenz aus Corona ist, dass wir künftig noch wesentlich mehr auf den eigenen Nachwuchs setzen werden.

Aber der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelingt doch meist den Vereinen, die viel Geld ausgeben?

In der Dritten Liga zahlst du grundsätzlich immer drauf. Diese Spielklasse ist ein einziger Systemfehler im deutschen Fußball und hat den Ursprungssinn als Ausbildungsliga - Stand heute - komplett verfehlt. Entweder du arbeitest auf Eigenkapitalbasis, oder du gehst in die Verschuldung, damit du aufsteigst und dann da an die großen Töpfe aus den TV-Geldern rankommst. Das führt fast zwangsläufig dazu, dass man Harakiri spielt, wenn man wieder hoch will, und das ist wirtschaftlich die ganz große Gefahr.

Inwiefern ist das ein Systemfehler?

Weil die Dritte Liga eigentlich mal dafür konzipiert wurde, um vor allem deutschen Nachwuchs für die 1. und 2. Bundesliga auszubilden. Aber davon sind wir weiter entfernt denn je. Wir haben Stand heute etwa acht Prozent an Einsatzminuten für deutsche Talente. Acht Prozent! Jeder kämpft ums Überleben und baut Schulden auf. Wir als Haching würden uns grundsätzlich in der Dritten Liga absolut pudelwohl fühlen, aber auch wir haben den wirtschaftlichen Druck, aufsteigen zu müssen, weil du in der Dritten Liga nicht kostendeckend wirtschaften kannst. Und oben geht das grad so weiter: Es ist ja kein Problem, wenn die Topstars viel Geld verdienen, aber in unserer Liga verdienen auch Durchschnittsspieler so viel, dass man nur noch den Kopf schütteln kann. Und die Krönung ist, dass sie dann auch noch dem eigenen Nachwuchs die Plätze weg nehmen. Den Sinn muss mir mal einer erklären, damit ich das auch verstehe.

Was wäre Ihre Idee für die Liga?

Wir haben seit Jahren für einen Drittliga-Nachwuchsfördertopf geworben. Jetzt endlich gibt es ihn. Aber erst, wenn da 30 Millionen drin sind - statt drei wie im Moment - lohnt es sich auch wirtschaftlich, vernünftig und nachhaltig, auch für den deutschen Fußball, zu arbeiten, anstatt Alles oder Nichts zu spielen.

Das müssen Sie erklären.

Das Geld müsste projektbezogen ausgeschüttet werden, nicht im Gießkannenprinzip, weil dann wieder alles in überteuerte Durchschnittskicker investiert würde. Die Vereine, die die jungen deutschen Nachwuchsspieler wirklich in Ligaspielen einsetzen, bekommen Geld aus dem Topf. Die Vereine, die nur die vorgeschriebenen »local player« im Kader haben ...

Die Vorschrift besagt, dass vier Spieler aus dem eigenen Nachwuchs im Kader sein müssen. Dass sie eingesetzt werden müssen, sagt sie nicht.

Genau. Das ist doch reine Augenwischerei.

Vereine wie Eintracht Braunschweig, 1. FC Kaiserslautern oder MSV Duisburg würden entgegnen, dass Sie mit Hachings 4000 Zuschauern im Schnitt da leicht reden können. Die 16 000 Dauerkartenkunden beim FCK wollen aber wieder hoch.

Total nachvollziehbar. Wer mit gestandenen Profis hoch will, soll das auch gerne weiterhin dürfen. Es geht hier nicht um eine Verpflichtung, vernünftige Nachwuchsarbeit zu machen. Es geht einfach darum, die finanziellen Anreize dafür zu erhöhen. Ansonsten fließt das Geld ja wieder nur in teure Spieler, und der Nachwuchs bleibt auf der Strecke. Die 1. und 2. Bundesliga kommt nicht einmal auf fünf Prozent Einsatzzeit für deutsche Nachwuchsspieler, das ist doch ein einziges Desaster für den deutsche Fußball. Und dann jammern alle. Nehmen Sie mal Matthijs de Ligt, der mit 18 Jahren Kapitän bei Ajax Amsterdam war, eines Champions-League-Teilnehmers, der kurz vorm Finale war. Ja, meinen Sie denn, der hat das in einem Preisausschreiben gewonnen?

Wohl nicht.

Der war mit 16 dort schon im Kader der Profis mit gewissen Einsatzzeiten, warum soll das denn hier nicht gehen? Wenn die Jungs nicht spielen und zwar in Pflichtspielen, dann werden sie sich auch nicht entwickeln. Das ist in Paraguay doch nicht anders als in Holland, England oder Deutschland. Jahrelang holt man Durchschnittsspieler für ein Heidengeld, die den Jungen die Einsatzmöglichkeiten nehmen. Und dann jammern in Corona-Zeiten plötzlich alle, dass die Personalkosten zu hoch sind.

Wie machen Sie es in Haching?

Wie sind auch keine Heiligen und haben mit Dominik Stroh-Engel im Spätsommer auch einen gestandenen Profi geholt, aber nur deswegen, weil wir auch den wirtschaftlichen Zwang haben aufzusteigen.

Dafür sind Sie mit einem 19-Jährigen als Stammkeeper in die Saison gegangen.

Genau, wir haben den 30-jährigen Lukas Königshofer nach Uerdingen gehen lassen und auf Nico Mantl gesetzt: Der ist bei uns in Haching, seit er zwölf ist. Er ist jetzt einfach so weit gewesen. Nun ist er U20-Nationalspieler geworden und hat einen entsprechenden Marktwert. Warum? Weil wir ihn auch spielen lassen. Das macht doch wesentlich mehr Sinn, auch für den deutschen Fußball.

Was ist Ihr mittelfristiges Ziel?

In den nächsten Jahren wollen wir schon den Aufstieg in die 2. Bundesliga schaffen. Oder alternativ ein topsolider Drittligist sein mit dem höchsten Anteil an Stammspielern, die aus dem eigenen Nachwuchs kommen und folglich wirtschaftlich gesund.

Die DFL plant für die 1. und 2. Bundesliga Geisterspiele, um die Saison irgendwie zu Ende zu kriegen. Viele Drittligisten, die stark von den Zuschauereinnahmen abhängen, sind vehement dagegen. Wie ist Ihre Position?

Es wird bei jedem Szenario Gewinner und Verlierer geben. Ich möchte da wirklich nicht in der Haut der Verbände und Entscheidungsträger stecken. Die haben im Übrigen bisher ein sehr gutes Krisenmanagement gemacht. Für Vereine wie Magdeburg, Rostock, 1860, Braunschweig oder Lautern ist das TV-Geld im Vergleich zu den Zuschauereinnahmen fast schon unwichtig. Ich fürchte, es wird mindestens bis in den Herbst ohne Zuschauer gehen müssen. Aber das ist vielleicht gerade nicht das Wichtigste.

Sondern?

Ich bin sehr gespannt, ob der Fußball nach Corona seinen Stellenwert noch behält, da bin ich aber sehr skeptisch. Die öffentliche Meinung wendet sich doch nicht zuletzt wegen der Unsummen, die für Transfers und Gehälter gezahlt werden, immer mehr vom Profifußball ab. Da kann der doch nicht so tun, als komme das alles aus heiterem Himmel. Dieser Denkzettel kommt vielleicht zur rechten Zeit.

Was schlagen Sie vor?

Endlich mal den Kopf auf die Seite zu legen, nachzudenken und sich zu fragen, ob wir nicht alle auf dem Holzweg sind. Jetzt haben wir aber die Chance, zukünftig konsequent auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Wenn Fußball-Deutschland jetzt nicht aufwacht, wann denn dann?

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