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  • Corona und soziale Folgen

Ein Ende in Sicht?

Zwei Expertengruppen veröffentlichen Stellungnahmen zur Coronakrise / Weichenstellung am Mittwoch erwartet

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

Eine gewisse Corona-Müdigkeit ist bei vielen Menschen in Deutschland eingekehrt. Zuhause bleiben wird vielen allmählich langweilig und auch aus der Wirtschaft steigt der Druck, die Maßnahmen zu lockern. Zu wenig Umsatz ist in den letzten Wochen gemacht worden. Deswegen ist es kein Wunder, dass die Stellungnahmen, die von zwei Expertengruppen am Osterwochenende veröffentlicht wurden, auf großes Interesse stießen. Als erster veröffentlichte ein von der nordrhein-westfälischen Landesregierung eingesetzter »Expertenrat Corona« ein Papier mit dem Titel »Weg in eine verantwortungsvolle Normalität«. Am Montag folgte eine Stellungnahme der Leopoldina, der Nationale Akademie der Wissenschaften in Halle (Saale). Viel Aufmerksamkeit gab es für die Stellungnahme der Leopoldina, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt hatte, dass sie diese für sehr wichtig halte, um Wege aus dem »Shutdown« finden zu können. Eine Weichenstellung soll es am morgigen Mittwoch geben, wenn Bund und Länder miteinander beraten.

Beide Stellungnahmen ähneln sich in vielen Punkten. Um über eine schrittweise Lockerung der Maßnahmen zu sprechen, müsse die Zahl der Neuinfizierungen zurückgehen und Krankenhäuser genügend freie Kapazitäten haben. Die rückläufigen Zahlen der vergangenen Tage sprechen dafür, dass diese Bedingungen bald erfüllt sein könnten. Spannend wird es bei den Voraussetzungen, für eine Lockerung. Das Papier aus Nordrhein-Westfalen empfiehlt eine tägliche Testkapazität von 500.000, derzeit sind 100.000 Tests pro Tag möglich. Auch die Leopoldina empfiehlt einen massiven Ausbau der Testkapazitäten. Was in beiden Stellungnahmen, unterschiedlich formuliert, auch empfohlen wird, ist die Schaffung einer Infrastruktur, die Corona-Fälle und ihre Kontaktpersonen zeitnah erfasst und es ermöglicht ein umfassendes Lagebild zu erstellen.

»Shutdowns« sollen dann bei neuen Infektionswellen nur noch lokal oder regional nötig werden. In beiden Papieren wird außerdem angeregt, die Forschung zu Infektionsketten von COVID-19 auszubauen. Wobei das Papier aus Nordrhein-Westfalen explizit auf die, oft kritisierte, Studie über den Kreis Heinsberg verweist. Studienautor Hendrick Streeck gehört zu den Mitautoren der Empfehlung. Die Experten der Leopoldina raten repräsentative Studien durchzuführen. Im Papier der Leopoldina findet sich außerdem die Forderung nach der Entwicklung einer Corona-App, im Gegensatz zu den Empfehlungen von Technikexperten ist in der Stellungnahme die Rede von der Nutzung von GPS-Daten. Für diese App wird außerdem die Lockerung von Datenschutzrichtlinien in Europa empfohlen.

Wenn die Voraussetzungen für eine Lockerung erfüllt sind, soll diese schrittweise erfolgen. Das Papier aus Nordrhein-Westfalen nennt diese »Verantwortungsvolle Normalität«. Beide Stellungnahmen sehen den Bildungsbereich als den Ort, an dem schnell gehandelt werden soll. Die Empfehlungen der Leopoldina sind hier sehr konkret. Grundschulen sollten, beginnend mit den Abschlussklassen wieder öffnen. Dabei sollen die Klassen in Gruppen von höchstens 15 Kindern geteilt werden, die zeitversetzt in den Schwerpunktfächern Deutsch und Mathematik unterrichtet werden sollen. Pausen sollen gestaffelt werden, damit der Schulhof nicht zum Austauschort von Viren wird. Mund-Nasen-Schutzmasken sollen getragen werden. Die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen sehen ähnlich aus. In Sozialen Netzwerken kritisieren zahlreiche Lehrer die Vorschläge als nicht praktikabel. Gerade bei Grundschulkindern wird angezweifelt, dass Distanzregeln und Hygienevorgaben umgesetzt werden können. Neben der Öffnung von Bildungsangeboten sehen die beiden Stellungnahmen die Möglichkeit den Einzelhandel und Restaurants wieder zu öffnen. Auch hier soll es mehr Abstand geben.

Vor einer Lockerung der Maßnahmen warnen Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung aus Braunschweig. Die Maßnahmen der Kontaktreduzierung zeigten nach ihren Forschungsergebnissen eine deutliche Wirkung. Die Ausbreitung verlangsame sich deutlich. Studienleiter Michael Meyer-Hermann ist der Auffassung, dass bei einer Reproduktionszahl des Virus, die deutlich unter 1 liegt, die Ausbreitung des Virus innerhalb von einem oder zwei Monaten gestoppt werden könne. Er stellt sogar eine Verschärfung der Maßnahmen zur Diskussion, um dieses Ziel zu erreichen. Eine Lockerung könne den Kampf gegen Corona unnötig verlängern. Sie sei außerdem ein falsches Signal, die Aufmerksamkeit der Menschen müsse auf die Gefahr einer Epidemie gelenkt bleiben.

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