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  • Landwirtschaft

In Zeiten von Corona

Agrarproduktion, Hoftourismus, Dorfläden: Wenn eine Pandemie auch auf dem Land vieles auf den Kopf stellt

  • Von Svenja Glaser
  • Lesedauer: 8 Min.

An dieser Stelle war ursprünglich eine Analyse der dörflichen Wirtschaft in der Bundesrepublik vorgesehen. Wir wollten uns die Agrarbranche anschauen, die Rückkehr der Dorfläden beleuchten, auf den Höfe-Tourismus zu sprechen kommen, über Umzüge aufs Dorf und über den Hype um Zeitschriften nachdenken, die sich auf Landidylle konzentrieren. Die Ausbreitung des Corona-Virus und die weit greifenden Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie haben die Lage nicht nur auf dem Dorf nun gravierend verändert. Prognosen sind immer schon schwierig, in Zeiten wie diesen lässt sich kaum ermessen, welche sozialen, ökonomischen, aber auch kulturellen Folgen diese Krise haben wird.

Agrarbranche

Es muss schon eine besondere Lage eingetreten sein, wenn sich die Agrarministerin dazu aufgefordert fühlt, die Sicherheit der Ernähungsversorgung ausdrücklich zu unterstreichen. »Es gibt keinen Grund, Sorge zu haben, dass es nicht mehr genug zu essen gibt«, so wurde die CDU-Politikerin Julia Klöckner vor einigen Tagen zitiert. Ob leerer Regale in den Supermärkten werden sich dennoch nicht wenige gefragt haben, ob es einen solchen Grund nicht vielleicht doch gibt.

Meldungen über Einreisebeschränkungen für Saisonarbeiter*innen und Erntehelfer*innen sorgten da schon ein paar Tage länger für Verunsicherung – allerdings aus verschiedensten Gründen. Jährlich arbeiten rund 300.000 Saisonarbeitskräfte in der hiesigen Landwirtschaft, über 90 Prozent von ihnen kommt aus dem Ausland, überwiegend aus Osteuropa. Wenn wegen der Pandemie-Maßnahmen ihre Einreise verboten wird, fallen ihre Einkommen aus. In den Obst-, Gemüse- und Weinbaubetrieben wiederum sorgt man sich eher um Umsatz und Erlös. Klöckner sprach davon, dass die Corona-Krise die Landwirt*innen »enorm hart« treffen werde. Eine Ernte, die nicht eingeholt werde, könne man schließlich nicht nachholen.

Für den März gingen die Behörden von einem Bedarf an Saisonarbeitskräften von etwa 30.000 aus, im Mai sind es bereits 85.000. Die schwere Arbeit ist nicht in allen Segmenten üblich. Und ob Appelle und Vermittlungsportale für Arbeitskräfte die beste Lösung sind, muss sich auch noch zeigen. Dass in Vermittlungsbörsen im Internet davon die Rede war, es gebe »keinen pauschalen Stundenlohn«, lässt nicht nur Linkspartei-Politiker*innen um die Einhaltung des Mindestlohns fürchten.

Probleme für die Agrarbranche durch Corona werden auch an anderer Stelle erwartet. Eine mögliche Nachfrageschwäche auf dem Weltmarkt könnte die hiesige Landwirtschaft treffen. Internationaler Handel und Lieferketten stehen teilweise in Frage, auch hier zeigt sich, wie es um die internationale Arbeitsteilung bestellt ist, es würden zum Beispiel Lkw-Fahrer*innen aus Osteuropa bei den hiesigen Speditionen fehlen. Dies trifft wichtige Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Schweinefleisch, Getreide, Zucker, Milch und Käse kaum, da hier zu 100 Prozent Selbstversorgung möglich wäre. Bei Obst und Gemüse sieht das anders aus.

In der Bundesrepublik wird mehr als die Hälfte der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Die Agrarbranche einschließlich Fischerei trug 2017 etwa 0,7 Prozent zur Bruttowertschöpfung der Gesamtwirtschaft bei. Nimmt man die vor- und nachgelagerten Bereiche mit dazu, also Vorproduktion und Weiterverarbeitung, kommt man je nach Bemessungsgrundlage auf einen deutlich höheren Anteil. Die Ernährungswirtschaft insgesamt beschäftigt rund 4,7 Millionen Menschen, wobei hier auch der Lebensmittelgroß- und -einzelhandel (1,5 Millionen) und die Gastronomie (1,3 Millionen) dazugerechnet werden. In Unternehmen des produzierenden Ernährungsgewerbes sind mehr als 900.000 Menschen beschäftigt.

Wie es in diesen Branchen weitergeht, hängt von Dauer und Tiefe der Corona-Krise ab. Kritische Landwirte, die in politischen Bündnissen seit einigen Jahren unter Losungen wie »Wir haben Agrarindustrie satt« für bäuerliche Betriebe und eine ökologischere Landwirtschaft auf die Straße gehen, haben bereits zur Unterstützung der Branche aufgerufen. Im Februar hatte eine neue Studie Alarm geschlagen – noch vor Corona. Danach könnte die Zahl der Bauernhöfe in der Bundesrepublik künftig noch deutlicher sinken: Laut DZ-Bank-Analyse könnte die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe von heute rund 267.000 bis auf 100.000 im Jahr 2040 sinken.

Der eher konservative Bauernverband begrüßte die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zur Unterstützung der Wirtschaft, verlangte aber ein darüber hinausgehendes »klares Signal an die landwirtschaftlichen Betriebe geben, dass auch ihnen in der Krise geholfen wird«. Dass hier, je nach ökonomischer Interessenlage, gern auch die Chance zu noch mehr Deregulierung, Entlastung von Unternehmen et cetera gesehen wird, ruft allerdings auch Kritik hervor. »Es geht um faire Löhne, faire Arbeitsbedingungen und faire Preise in der Lebensmittelindustrie«, so der SPD-Politiker Matthias Miersch.

Benjamin Luig, Experte für Ernährungssouveränität bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sieht die Lage ebenfalls sehr kritisch. »Für Klöckner und den Bauernverband bedeutet die Systemrelevanz der Landwirtschaft also keineswegs, dass die Arbeit der Beschäftigten aufgewertet wird.« Im Gegenteil, so Luig, im Kern gehe es offenbar »darum, in der gegenwärtigen Situation unter Aushebelung von Rechten und Standards auf billige Arbeit – primär von Migrant*innen – zuzugreifen«. Statt auf den Einreisemöglichkeiten osteuropäischer Arbeitskräfte zu bestehen, wäre »die eigentlich naheliegende Lösung« eine ganz andere: »den Lohn anzuheben und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, wenn diese zu unattraktiv sind, als dass Beschäftigte sie sich antun wollen«.

Raus aufs Land?

Bisher zählten vor allem Großstädte zu den Hotspots der Infektionszahlen. Über Corona-Fluchten aufs Land war zunächst dennoch nur vereinzelt zu hören. Das hat etwas mit ökonomischen Möglichkeiten zu tun, der Tourismus ist eingeschränkt, nicht jeder hat Verwandtschaft auf dem Land, und das Kontaktverbot tut sein Übriges.

Dass für eine Mehrheit auch abseits von Corona gilt, »auf dem Dorf ist es am schönsten«, könnte dabei ein wenig überraschen. Immerhin ist viel vom Run auf die Städte die Rede, davon, dass dort die Wohnungsmärkte unter Druck sind. Mag sein, dass die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage schon eine Reaktion darauf sind: 34 Prozent favorisieren das Dorf als Lieblingswohnort, nur 13 Prozent nannten das Stadtzentrum – hier vor allem die Jüngeren. »Das Dorf hingegen gilt über nahezu alle anderen Altersgruppen hinweg unabhängig von Geschlecht und derzeitigem Wohnort als Ideal. Am überzeugtesten sind offenkundig die Dorfbewohner selbst«, hieß es in der FAZ zu einer Umfrage von Emnid im Auftrag der BHW Bausparkasse. Und: »Für Großstadtbewohner ist das Land weitaus seltener Sehnsuchtsort. Für sie heißt der Lieblingswohnort mehrheitlich: Stadtrand.«

Man muss die Ergebnisse einer Umfrage eines Baufinanzierers immer kritisch sehen, immerhin macht der mit den Bau-Wünschen von Menschen seine Geschäfte. Interessant sind die Daten dennoch, auch mit Blick auf Unterschiede zwischen Ost und West. Im Osten haben zwischen 2003 und 2008 über 60 Prozent der ländlichen Gemeinden mehr als 5 Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Ob dieser »drastische Niedergang der heimischen Provinz« (FAZ) sich auch auf die Wünsche auswirkt? Jedenfalls beantworten unter Ostdeutschen nur 23 Prozent die Frage »Wo würden Sie am liebsten wohnen?« mit »In einem Dorf/auf dem Land«, im Westen sind es über 36 Prozent. Kleinstadt und Stadtrand stehen in den »neuen« Bundesländern dagegen höher im Kurs als im Westen.

Was die Corona-Krise für den Dorftourismus bedeutet, lässt sich noch kaum ermessen. Mit den weitgehenden Beschränkungen gerade auch hier steht die Zukunft im Ungewissen. Vor einigen Jahren wurde vorgerechnet, dass 6 Prozent aller Inlandsreisen dem Tourismussegment Bauernhof- und Landurlaub zuzuordnen seien. Es geht dabei um über 5 Millionen Reisen, über 24 Millionen Übernachtungen, um einen jährlichen Umsatz von über einer Milliarde Euro. Eine aktuellere Studie von 2017 kam auf noch größere Zahlen. »Es ist davon auszugehen, dass es in Deutschland rund 138.000 Betten in rund 10.000 Beherbergungsbetrieben mit signifikantem Bezug zur Landwirtschaft gibt«, heiß es in der Analyse. »Hinzu kommen noch rund 17.000 Schlafgelegenheiten im Campingbereich und 3.000 Schlafmöglichkeiten in Heuherbergen.«

Rückkehr der Dorfläden

Über Jahre hinweg hat ein heftiger Strukturwandel in Handel, Stadtplanung und Einkaufskultur immer größere, hässlichere Riesenmärkte in Ortsrandlagen entstehen lassen. Der Trend zu immer größeren Flächen der Lebensmittelanbieter hat dabei die Handelslandschaft selbst stark verändert – ganz oft ging das zu Lasten der kleinen Nahversorger in den ländlichen Räumen. Allein zwischen 2000 und 2007 ging die Zahl der »übrigen Lebensmittelgeschäfte«, das sind meist kleine Lebensmittel-Einzelhändler vor Ort, um 17.000 auf 28.900 Läden zurück.

Dass dies auch Änderungen in der Bevölkerungsstruktur reflektiert, durch Abwanderung aus den Dörfern und veränderte Kundenbedürfnisse, ist so richtig, wie es aber eben auch stimmt, dass nicht jeder in die Stadt zieht, dass nicht jede plötzlich mobiler ist, dass nicht jeder vor allem auf Discountpreise schaut.

»Die Einkäufe der im Ort verbliebenen älteren Bevölkerung und die kleinen Ergänzungseinkäufe derjenigen, die mobil sind und die Haupteinkäufe bei den großen Anbietern erledigen, reichen meistens nicht, um ein Lebensmittelgeschäft wirtschaftlich zu betreiben«, heißt es in einer Untersuchung zur kleinflächigen Nahversorgung im ländlichen Raum in Hessen. »Fällt das Angebot weg, fehlt dem Ort eine fußläufige Nahversorgung und Abwanderungstendenzen werden verstärkt.« Das hat oft weitergehende Folgen: »Verliert die Gemeinde ihre Attraktivität als Wohnstandort, dann verringert sich das Potenzial an Arbeitskräften und wirkt sich so auch auf die Attraktivität der Gemeinde als Wirtschaftsstandort für Unternehmen aus. Mit der fehlenden Nahversorgung geht dem Ort auch ein sozialer Treffpunkt verloren, der für die Dorfgemeinschaft und das Zusammenleben gerade der älteren Bevölkerung wichtig ist.«

Vor diesem Hintergrund sind bundesweit verschiedene Anstrengungen zu beobachten, Dorf- oder Nachbarschaftsläden wieder zu reaktivieren oder neue zu eröffnen. Teilweise geschieht dies unter Beteiligung von Gemeinden, manche Gründungen sind Genossenschaften ansässiger Bürger*innen, andere werden öffentlich gefördert, etwa als Integrationsbetriebe.

Dorfläden, so Günter Lühning von der Bundesvereinigung Dorfläden im »Kritischen Agrarbericht 2019«, verstehen sich oft »als Gegenbewegung zum Niedergang dörflicher Infrastrukturen und Versorgungsleistungen«. Die Zahl der von »Bürgern für Bürger« betriebenen Dorfläden beziffert er auf fast 300. Lühning, der selbst in einer Dorfladen-Initiative in Otersen engagiert ist, verwies da schon auf die »großen Herausforderungen« auch für Dorfläden, denen diese mit »Professionalisierung« begegnen.

In Zeiten der Corona-Krise kommen neue hinzu. In Otersen haben Ehrenamtliche sich beim Dorfladen als freiwillige Auslieferungsfahrer*innen gemeldet. Damit werden Bürger*innen in Quarantäne versorgt. Einige kleine Nahversorger, so das bundesweite Dorfladen-Netzwerk, bangen jedoch um ihre Existenz, »weil im Dorfladen zwar noch to go – aber nicht mehr zum (Mittagstisch-)Verzehr vor Ort und in den (geschlossenen) Cafés verkauft wird«.

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