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  • Corona und soziale Folgen

Geschäft vor Gesundheit

Corona: Es wäre zu hoffen, dass die Verschärfung der Verhältnisse auch eine Schärfung des Klassenbewusstseins initiiert

  • Von Mladen Savić
  • Lesedauer: 8 Min.

Epidemien haben die Eigenheit, dass sich derweil die Ereignisse überschlagen. Der Virus ist ein unsichtbarer Feind, gerade einmal 100 bis 150 Nanometer groß. Der Mensch dient ihm als Wirt und der Massenmensch als Drehscheibe, insbesondere seit Motorisierung und Mobilität eine globalere Gesellschaft gezeitigt haben. Kein Fleckchen Erde bleibt verschont und keine soziale Schicht davon unberührt, weil der Weltmarkt den ganzen Globus umspannt und kein Abschotten mehr möglich ist. Lehrstücke aus der Geschichte gibt es zuhauf.

Als an einem frühen Märztag 1918 Albert Gitchell, ein Koch aus Kansas, im Stützpunkt Fort Riley für Hunderte Rekruten das Essen zubereitet, ahnt er noch nicht, dass er am selben Abend von Halsweh, Kopfschmerzen und 39,5 °C Fieber übermannt sein würde. Drei Tage später erkranken weitere 500 Soldaten, drei Wochen später braucht man bereits Dutzende Leichensäcke. Gitchell gilt als Patient Null der sogenannten Spanischen Grippe und des demografischen Desasters danach.

Im Laufe des Monats melden sich über 1000 Fabrikarbeiter der Ford-Werke krank und erscheinen nicht zur Arbeit am Fließband. Im Land rumort es. Allein bis Ende April erreichen 200 000 amerikanische Soldaten das europäische Festland, zunächst die bretonische Hafenstadt Brest, wo mit aller Wucht die Epidemie ausbricht. Im Mai wird George V. infiziert, König von Großbritannien und kolonialer Kaiser von Indien. Ab Juni fehlen in Manila auf den Philippinen zum Ausladen von Waren die Hafenarbeiter - fast alle sind tot. Im August bringt das britische Militär den tödlichen Virus nach Freetown mit, ins heutige Sierra Leone, woraufhin ein Massensterben einsetzt. Bis 1919 kommen mehrere Millionen Menschen um.

Nun wütet nicht der Influenza-Strang, sondern die Corona-Epidemie, und ihr Zenit ist vermutlich noch nicht überschritten. Diesmal herrscht im Vorfeld kein imperialistischer Krieg, sondern ein kapitalistischer Friede, kaum friedlich in seiner neoliberalen Form, unter gewohnten Bedingungen.

Die automatisierte, digitalisierte Gesellschaft hat für die Masse der Lohnabhängigen keineswegs Konkurrenz und Leistungsdruck verkleinert, Arbeitszeiten verkürzt und sie von existenziellem Druck befreit, im Gegenteil. Die Einsicht ist elementar, denn sie fragt zugleich nach der Sinnhaftigkeit einer bestimmten Form von Staatlichkeit. Der Markt, der angeblich alles regelt - außer die Folgewirkungen für Mensch und Umwelt -, genießt einen Status der Unantastbarkeit. Dass jede Krise und so auch diese einen greifbaren Gegenbeweis liefert, kümmert die Logik des Kapitals nur insofern, als Industrie, Handel und Tourismus integral vom Profit leben. »Geschäft vor Gesundheit« hat nicht selten die Entscheidung entsprechend gelautet, nicht nur in den teuren Tiroler Ski-Gebieten, aus denen der Coronavirus schließlich bis nach Island ausgeflogen worden ist.

Der Ernst der Lage löst längst Nervosität aus, nicht nur oben, sondern auch weiter unten in der Gesellschaft. Ab Mitte März erzwingen wilde Streiks in den italienischen Fiat-Werken, den baskischen Mercedes-Hallen und bald auch bei US-amerikanischen Autoherstellern wie General Motors, Ford und Chrysler die Schließung der Fabriken. Zu diesem Zeitpunkt hat in einer Welt unter Quarantäne Covid-19 schon Abertausende dahingerafft. Überall in Europa werden soziale Distanzierung und häusliche Isolation staatlich verordnet. Wie ein schlechter Aprilscherz wiederum wirkt der Umstand, dass Amazon seine Hungerlohnbeschäftigten ungeschützt weiterarbeiten lassen will, trotz bestätigter Infektionen und fehlender Gegenmaßnahmen - was die Angestellten auch da spontan streiken lässt. So viel Vergangenheit steckt doch noch in der Gegenwart: Je unqualifizierter die Arbeitskraft, desto soldatischer der Umgang mit ihr.

Und wenn man glaubt, surrealer kann es wohl nicht mehr werden, sollte man wissen, dass bei Infektionsraten, die sich im Tagestakt verdoppelt haben, inmitten des Krankheitsausbruchs 6000 US-amerikanische Soldaten mit 9000 Militärfahrzeugen und Panzern quer durch Europa gedüst sind, ehe man das »Defender« getaufte, gegen Russland gerichtete Kriegsspiel endlich abgebrochen hat - nachdem auch Generäle, Kommandeure und Kampfeinheiten der NATO positiv getestet worden sind.

Italien, am meisten betroffen, von EU und USA indes im Stich gelassen wie bereits Griechenland mit den Flüchtlingen, erhält aus Russland, China und Kuba medizinisches Material und helfendes Personal. Aha, denkt man sich da. Und im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, gedacht für höchstens 3000 und bewohnt von 12 000 Erwachsenen und 8000 Kindern, stellt man nach und nach die Wasserversorgung ein - nebst ausgebrochener Krätze, Medikamentenmangel und Ärztenotstand vor Ort. Gewissenlos wird auf den Anmarsch von Corona gewartet, bis er, wie zu erwarten, die Schutzlosen dezimiert.

Überhaupt könnte man von Anfang der Krise an meinen, dass, von den Flüchtlingen einmal abgesehen, auch Lagerarbeiter, Erntehelferinnen, Supermarktangestellte, Apotheker, Ärzte und Pflegekräfte irgendwie immun wären gegen den neuen Virus, wenn man mitverfolgt, mit welcher Selbstverständlichkeit ihre Leistung einfach eingefordert wird. Und sie leisten Unglaubliches, auch ohne viel Aufsehen oder Eitelkeit, mit oder ohne Atemschutzmaske. Die Zuhausegebliebenen, deren keimendes Klassenbewusstsein ebenjene zu Helden des Alltags kürt, klatschen für sie tagelang Beifall, aus Solidarität und Respekt, zum Dank. Die Geste ist zutiefst menschlich. Die Gratifikation durch mehr Geld bleibt allerdings aus. Dabei ist der Einsatz derer, die unter Menschenkontakt den Restbetrieb aufrechterhalten, hoch: ihre Gesundheit und, in letzter Instanz, ihr Überleben.

Die Heroisierung derjenigen da draußen, die im Risikomilieu die relevantesten Tätigkeiten für die Gesellschaft verrichten, stellt als Phänomen gleichermaßen wie das gemeinsame Musizieren am Balkon eine gesunde Reaktion auf die soziale Isolation dar, welcher die meisten Woche um Woche ausgesetzt sind - auf die gleiche Weise, wie umgekehrt der völlig irrationale Drang zum Erwerb von Toilettenpapier samt anfänglichen Leerkäufen ein schlechtes Arrangement mit der Epidemie verkörpert: geistig schlecht, denn im Zentrum dieses Verhaltens steht absurderweise wörtlich der eigene Arsch, stellvertretend für das nackte Dasein, auf das man sich reduziert. Jedenfalls muss die staatliche Definition von Systemrelevanz, wie sie bei früheren finanziellen »Rettungsschirmen« ins Gewicht gefallen ist, definitiv umgeschrieben werden. Als systemrelevant gegolten haben bisher in erster Linie die Börsen, Versicherungen und Banken. Mittlerweile muss man der Erfahrung halber einräumen, dass kein ökonomisches oder politisches System jemals ohne die gesellschaftlich notwendige und relevante Arbeit all der anonymen Alltagshelden auskommt.

Vor exakt 200 Jahren schickt sich ein Stück kritischer Fiktion an zu klären, was Systemrelevanz begrifflich bedeutet, und zwar im Buch »Der Organisator« eines gewissen Henri de Saint-Simon. Angenommen, heißt es dort, das Land würde epidemieartig Tausende Physiker, Chemiker, Mathematiker, Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker, Ingenieure, Pharmazeuten, Bergleute, Gerber, Drucker, Metallarbeiter, Tischler, Baumeister, Maurer, Schlosser, Bauern, Baumwollhersteller und so weiter verlieren: »die Tüchtigsten in Wissenschaft, Kunst und Handwerk«, dann wäre die Bevölkerung wie »ein Leib ohne Seele« und bräuchte »mindestens eine ganze Generation, um dieses Unglück wiedergutzumachen«.

Gesetzt den anderen Fall, heißt es weiter, das Land würde an einem Tag Tausende Adelige, Hoheiten, Richter, Würdenträger, Staatsräte, Kardinäle, Bischöfe, Präfekten, Generäle, Bürokraten, die reichsten Grundeigentümer und so weiter verlieren, so wäre dies für gutherzige Menschen gewiss ein empfundener Verlust, für den Staat jedoch »kein politisches Unglück«. Der Staat sollte vielmehr Dinge verwalten als über Menschen zu herrschen, sonst ist die soziale Organisation eine verkehrte Welt. Utopische Literatur erweist sich in ihrer lehrreichen Spiegelung der Realität als anhaltend aktuell. Doch zurück zur Gegenwart.

Aus dem Staunen kommt man gegenwärtig nicht heraus. Angesichts angeordneter Geschäftsschließungen und leerer Einkaufsstraßen kündigten die großen deutschen Handelsketten unlängst ganz ungeniert an, dass sie zurzeit keine Miete mehr zahlen möchten - ungeachtet aller Milliardengewinne bislang. Zur besagten Bande gehören C&A, H&M, Pimkie, Adidas, Puma, Deichmann und andere. Diese Entscheidung ist ein Tabubruch, der womöglich Schule machen wird. Unzählige unter Liquiditätsdruck stehende Kleingewerbetreibende und arbeitslos gewordene Lohnabhängige und Kunstschaffende stellen sich in so einer Situation die legitime Frage, ob denn auch sie ihre Mietzahlungen aussetzen könnten oder mit Klatschkonzerten, die als gesellschaftliche Wertschätzung offenbar zu reichen scheinen, ihre Miete abgelten sollten.

Hinsichtlich der Virus-Testungen und Behandlungskapazitäten zeichnet sich hier ein ähnliches Muster ab wie sonst wo in der neoliberalen Gesellschaft. Auf Covid-19 getestet worden sind etwa Fürst Albert von Monaco, Prinz Charles von Wales, Tom Hanks und Boris Johnson, um einige zu nennen, in diesem Fall Aristokraten, Hollywood-Stars und Regierende - und natürlich nicht nur sie. Die zu Millionen in ihren Wohnungen ausharrenden Menschen hingegen wüssten beim besten Willen nicht, wie sie zu einem Test kommen könnten. Nein. Letztlich ist es unbedeutend. Lediglich, die Symbolwirkung hat kein Stereotyp verfehlt. Das Messen mit zweierlei Maß stößt gerade in Krisenzeiten gefühlsmäßig an seine Grenzen, denn die Not ist dann allgemein.

In nur drei Dezennien sind auf Drängen des Marktes die Gesundheitssysteme kaputtgespart und Krankenbetten abgebaut worden, in weiten Teilen Europas. Plötzlich reichen die medizinischen Kapazitäten nicht aus, um einer steileren epidemischen Kurve zu begegnen. Die Belastung würde zum Zusammenbruch der Krankenversorgung führen. Dafür darf man, Klassencharakter hin oder her, daheim bleiben und kann auf der Couch sitzend sozusagen Leben retten, indem man die virale Reproduktionsrate indirekt zu senken hilft.

Ausdrücklich deswegen herrscht vielerorts der Ausnahmezustand, als besonderes Recht am Rande der Rechtsstaatlichkeit, das sich auf Dringlichkeit beruft und demgemäß durchgreift, wie Ungarns zeitlich unbeschränkte Ausschaltung des Parlaments veranschaulicht. Doch damit nicht genug: In den USA fehlt bekanntlich mehr als 50 Millionen Menschen jegliche Krankenversicherung. Präsident Trump lächelt, während er vor laufenden Kameras verlautet, dass er im Fall von 100 000 Virus-Toten alles in allem »einen guten Job« gemacht haben würde. Er spricht es aus, als hätte er Firmenbilanzen kommentiert oder einen Einkaufszettel vorgelesen. Die Sorge vor einer Dehumanisierung und Faschisierung der Gesellschaft ist nicht ganz grundlos.

Um weiteren sozialen Selbstverletzungen zu entgehen, wäre zu hoffen, dass die Verschärfung der Verhältnisse auch eine Schärfung des Klassenbewusstseins initiiert, und zwar bei denen, die aus der Illusion heraus, der Staat wäre unparteiischer Richter über den Klassen, immer noch keines haben. Krank wird man nämlich nicht nur von Viren, sondern auch von einem politischen Organismus, in welchem, wie Saint-Simon sagt, Unfähige die Fähigen leiten, die Unmoralischsten die staatliche Moral betreuen und die Hauptübeltäter die Rechtsprechung innehaben.

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