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Vor dem Sturm auf Berlin

Am Denkmal für die Schlacht um die Seelower Höhen zwingt Corona zum stillen Gedenken

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.

Stolz erhebt sich die Bronzestatue des Rotarmisten am Rande von Seelow, der Kreisstadt von Märkisch-Oderland, über dem Oderbruch. Doch in diesem Jahr wird es am 16. April - ganz anders, als in den Jahrzehnten zuvor - an diesem Ort wohl still bleiben. Die Gedenkstätte Seelower Höhen, die an eine der blutigsten Schlachten am Ende des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden erinnert, bleibt verwaist. Kein feierlicher Akt wird hier dem Beginn jener Militäroperation gewidmet sein, mit der die Rote Armee am Ende Berlin eroberte und von der nationalsozialistischen Herrschaft befreite.

Auch das Museum bleibt an diesem Tag, an dem das Gemetzel begann, geschlossen. Zwar können Besucher die Anlagen betreten und der vielen Tausend Opfer gedenken, die der viertägige Sturm der Roten Armee auf die von deutschen Soldaten bitter verteidigten Höhenstellungen auf beiden Seiten und vor allem auch unter der ungeschützten Zivilbevölkerung damals forderte. Dies aber allein oder mit der Familie - ganz wie es die Coronagefahr in diesen Zeiten gebietet.

Am 9. April hat der Landkreis die ursprünglich am 16. April geplante gemeinsame Gedenkveranstaltung anlässlich des 75. Jahrestages der Schlacht um die Seelower Höhen mit ökumenischem Gottesdienst und Kranzniederlegungen mit Bedauern endgültig absagen müssen. Unter Verweis auf die notwendigen »eindämmenden Maßnahmen« erklärte Landrat Gernot Schmidt (SPD): »Ein individuelles Gedenken ohne zentrale Veranstaltung kann trotz der zahlreichen Einschränkungen stattfinden. So werde ich für den Landkreis Märkisch-Oderland auf den Seelower Höhen und auf dem Städtischen Friedhof Seelow der gefallenen Soldaten gedenken und Kränze niederlegen.«

Seelow hätte, wie zuvor schon Kienitz, das am 31. Januar an die Bildung des ersten sowjetischen Oder-Brückenkopfes vor 75 Jahren erinnert hatte, zu einem besonderen Gedenkort werden sollen. Ein Ort des Brückenbaus in schwierigen Zeiten zwischen Politikern aus Ost und West, Deutschen, Russen, Polen, Ukrainern. Und es wären - vielleicht letztmalig - Veteranen der Schlacht als Zeitzeugen gekommen. Nun erwägen Landkreis, Landtag und alle Mitwirkenden sogar, auch das am 15. Mai geplante Open-Air-Konzert zumindest zu verschieben. Als Zeichen der Mahnung und Versöhnung hatte das Brandenburgische Staatsorchester an diesem Tag die »Leningrader« Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch vor der Gedenkstätte Seelower Höhen aufführen wollen.

An solch klaren Signalen hatte es in den vielen Monaten, in denen sich auch Brandenburg auf den 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus vorbereitete, seitens der vom Landkreis geführten Gedenkstätte gefehlt. Unklar blieb, wie sich die nach personellen Wechseln in der Leitung der Einrichtung angekündigten Veränderungen in deren Konzept äußern sollen. Auf wiederholte Nachfrage des »nd« hieß es aus der Kreisverwaltung nun: »Der Landkreis hat im letzten Jahr den Verein Zeitreise Seelower Höhen beauftragt, einen Plan zur konzeptionellen Weiterentwicklung der Gedenkstätte und des Museums Seelower Höhen aufzustellen.«

Es gebe Überlegungen zu museumspädagogischen Angeboten für Schulen, zur Vermittlung von Wissen über die Schlacht um die Seelower Höhen, wenn keine Zeitzeugen mehr da sind, damit verbunden auch um die Neuorientierung bei der Besucherarbeit und die Entwicklung der Ausstellung unter Stärkung der regionalen Aspekte sowie um die Auswirkungen der Schlacht auf die Region. »Um diese inhaltliche Arbeit zu begleiten, wird gemeinsam mit dem Kreistag in diesem Jahr ein Beirat gebildet, der sich aus Fachleuten der Bereiche Zeitgeschichte, Museumsarbeit und Schule zusammensetzen wird«, heißt es. Bis erste Ergebnisse vorliegen, wird sich das Jahr wohl dem Ende zuneigen.

Doch gerade eine klare inhaltliche Ausrichtung vermisst Gerd-Ulrich Herrmann, der die Gedenkstätte von 2002 bis 2015 geleitet hat. »Wir haben uns immer als zentraler Ort des Gedenkens gesehen, in Zusammenarbeit mit der Viadrina-Universität unter anderem auch touristische Angebote entwickelt«, sagt er. Heute liege die mit zahlreichen internationalen Partnern gerade in Osteuropa geknüpfte Partnerschaft offenkundig danieder. Dafür gebe man fragwürdigen Events mit Technikschauen und Essen aus der Gulaschkanone Raum.

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