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Stecht euren Spargel doch selber!

Warum es nicht zu ertragen ist, wie für die Ernte des liebsten deutschen Gemüses Arbeiter:innen ausgebeutet werden, erklärt Caren Miesenberger

  • Von Caren Miesenberger
  • Lesedauer: 4 Min.

Es scheint, als wäre Deutschland 2020 kulinarisch besonders traditionsbewusst. Spargel und Kartoffeln sind die Gemüse der Corona-Saison. Deutsche Spring/Summer 2020. Das ist konsequent, denn sie passen ziemlich gut zusammen: Schließlich sind schlechter Geschmack, beiges Essen und in Charity getarnte Ausbeutung hierzulande Tradition. So kamen die ersten Arbeiter:innen in Deutschland an, die zu Hungerlöhnen, zusammengepfercht und der Pandemie zum Trotz diese heilige Dreifaltigkeit auf unsere Teller bringen sollen. Gekommen, um ausgebeutet zu werden.

Zum Spargel reicht Bundesernährungsministerin Julia Klöckner in diesem Jahr Schoko-Osterhasen. Jedenfalls im übertragenen Sinne. Bei der Begrüßung der am Flughafen Frankfurt-Hahn angekommenen Arbeiter:innen aus Rumänien, die in den kommenden Monaten des Deutschen liebstes weißes Stangengemüse aus dem Boden hieven sollen, war die CDU-Politikerin höchstpersönlich vor Ort. Und sie hatte Geschenke dabei. Klöckner brachte den Arbeiter:innen Schoko-Osterhasen mit. Voll nett von ihr. Vielleicht werden die Arbeitenden dadurch ja nicht mehr mit Hungerlöhnen bezahlt, in Massenunterkünfte zusammengepfercht und durch Reisen und dadurch bedingte Menschenkontakte – aller medial wirksam inszenierten Sicherheitsmaßnahmen zum trotz – der Pandemie zum Fraß vorgeworfen.

Wie steht es eigentlich um die Krankenversicherung der 80.000 Arbeiter:innen, die im April und Mai insgesamt aus dem Ausland einreisen dürfen, um in der Landwirtschaft die Drecksarbeit zu verrichten, für die Deutsche sich zu schade sind? Geerntet werden soll dabei übrigens nicht nur Spargel, sondern Obst, Gemüse und Wein, wie es in einer Pressemitteilung des BME heißt.

»Leute wie mein Großvater wurden angeworben, weil sie leichter ausgebeutet werden konnten als inländische Arbeiter_innen: gewerkschaftlich kaum organisiert, flexibel, dankbar um jede Sonntagszulage«, schrieb Fatma Aydemir 2019 im Sammelband »Eure Heimat ist unser Albtraum«. Diese Zeilen lassen sich auf das Jahr 2020 übertragen. Denn Hauptsache auch in diesem Jahr werden trotz Reiseverbot aufgrund der Corona-Pandemie, der weltweit bisher 120.000 Personen zum Opfer fielen, Rumänen zum malochen eingeflogen. Sind ja nur Osteuropäer. Überhaupt: Zum Arbeiten eingeflogen werden. Das kennt man in der jüngsten deutschen Vergangenheit eher von Unternehmensberater:innen, Architekt:innen und Management. Aber dafür, dass Kartoffeln Spargel essen können, gibt die Bundesregierung alles.

Saisonarbeiter:innen in fancy Jobs, für die man einen Uniabschluss braucht, heißen gemeinhin »Expats«. Diejenigen ohne akademische Laufbahn – oder sehr wohl mit einer, nur in einem Land, in dem sie diese nicht monetarisieren können – »Erntehelfer:in«, oder was? Selbst das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft kriegt es hin, einen weniger romantisierenden Begriff zu verwenden und schreibt von »Saisonarbeitskräften«. Können manche Journalist:innen sich eine Scheibe von abschneiden. Der Begriff »Erntehelfer« sollte Unwort des Jahres 2020 werden. Er klingt nach Mittelalter und deutscher Work and Travel, wenn Männer in Zimmermannshosen auf die Walz gehen und für einen Obolus in kleinen Zimmern übernachten. Diese romantische Assoziation klingt nicht nach der Rechnung, die die Journalistin Miriam Davoudvandi in einem sehr treffenden Tweet aufstellte: korrupte rumänische regierung + geldgieriger flughafendirektor + deutsche spargelmadness und traditionelle gast-/saisonsarbeiter*innenausbeutung = Mülleimer-Emoji.

Man könnte daraus nun die Konsequenz ziehen, dieses Jahr keinen Spargel zu essen und die Produktion zu boykottieren. Bringt aber auch nichts. Denn Ausbeutung im Agrarbetrieb findet nicht nur beim liebsten Frühlingsgemüse der Deutschen statt. Rassismus ermöglicht die europäische Landwirtschaft. Tomaten werden von illegalisierten afrikanischen Arbeiter:innen in Spanien und Italien unter menschenunwürdigen Bedingungen angebaut. Was der Journalist Mohamed Amjahid unlängst kritisierte, stimmt: Kinder aus dem Geflüchtetenlager Moria zu retten, scheint ein Ding der bürokratischen Unmöglichkeit, während Spargel gerettet wird. Es ist widerlich, dass die deutsche Bürokratie sich zum Erhalt der Agrarproduktion so schnell winden kann, während nicht nur an den Außengrenzen der Europäischen Union, sondern auch innerhalb deutscher Staatsgrenzen Geflüchtete viel zu nah beieinander in Lager gepfercht werden.

Solange für ausbeuterische Arbeit Bürokratie vereinfacht wird, aber nicht für grundlegende Menschenrechte, bleibt nur eins zu hoffen: Möge den Kartoffeln der Spargel im Hals stecken bleiben.

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