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Kartonmilliarden gegen Bücher

Immobilienfonds will Kreuzberger Buchladen Kisch & Co vor die Tür setzen

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 6 Min.

»Wir wissen eigentlich nicht genau, wer unser Gegenüber ist«, sagt Thorsten Willenbrock zu »nd«. Zusammen mit einem Partner führt er seit 23 Jahren die Buchhandlung Kisch & Co in der Kreuzberger Oranienstraße 25. Gewiss ist, dass ihm die Zeit davonrennt. Ende Mai läuft sein Mietvertrag aus, doch für eine Fortführung sei ihm nie ein Angebot unterbreitet worden. »Stattdessen wurde mir angeboten, dass ich die letzten drei Monate keine Miete zahlen muss, wenn ich mich verpflichte zum Vertragsende tatsächlich den Laden zu räumen«, berichtet der Buchhändler. Wieder muss wohl ein Traditionsgeschäft in Berlin-Kreuzberg weichen.

An diesem Punkt war Kisch & Co schon vor drei Jahren, damals waren die Berggruen Holdings des deutschstämmigen US-Milliardärs Nicolas Berggruen Eigentümer des Gebäudes. Der Nachmieter stand schon fest, ein Designerbrillenladen. Der zog schließlich zurück, Willenbrock nahm schweren Herzens die Mietsteigerung von 17 auf 20 Euro pro Quadratmeter hin und erhielt einen Vertrag über drei weitere Jahre. Anfang November 2019 wandte er sich an Berggruen, um über den Folgevertrag zu verhandeln. »Mitte Januar habe ich erfahren, dass das Haus verkauft worden ist«, berichtet er.

Von Berggruen zu den Tetra-Pak-Erben?

Käufer war einer der fünf mit römischen Zahlen nummerierten Fonds namens Victoria Immo Properties aus Luxemburg. Durch komplizierte Firmengeflechte gesichtsloses Kapital, dessen Eigentümerschaft verschleiert wird – wie so oft auf dem Berliner Immobilienmarkt.

Ein Fall für Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit, der für die linksparteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Projekt »Wem gehört die Stadt?« erfolgreich daran arbeitet, den Schleier zu lüften. Auch in diesem Fall. »Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die Enkel des schwedischen Tetra-Pak-Gründers Ruben Rausing die Menschen, die am Ende wirtschaftlich verfügungsberechtigt sind«, sagt Trautvetter »nd«.

Gründersohn Hans Rausing galt 1996, als er seinen Unternehmensanteil für sieben Milliarden US-Dollar verkaufte, als einer der reichsten Menschen der Welt. Dem 2019 in seiner Wahlheimat England Verstorbenen gelang es, mit einem kunstvoll über die Steueroasen der Welt gesponnenen Firmennetzwerk, von seinem Reichtum fast nichts an den Staat abgeben zu müssen. 2017 taxierte »Forbes« sein Vermögen schon auf 12,5 Milliarden US-Dollar.

In die Schlagzeilen geriet 2012 sein Sohn Hans Kristian Rausing, als die Polizei die Leiche dessen Frau in deren gemeinsamen Haus fand. Da war sie schon zwei Monate tot, gestorben an einer Überdosis Drogen. Beide waren abhängig.

Die zwei Töchter Lisbet und Sigrid sind unauffälliger. Erstere gründete einen Agrokonzern, dem weltweit Ländereien gehören. Unter anderem soll er der größte private Landbesitzer in Rumänien sein. Sigrid veröffentlichte ein Buch über Hans Kristian und dessen Drogensucht, das 2018 unter dem Titel Desaster auf deutsch erschien. Sie ist Herausgeberin des englischsprachigen Literaturmagazins »Granta«. Beide Schwestern verteilen über Stiftungen einen Bruchteil des den Finanzämtern vorenthaltenen Gewinns als Almosen.

Das Transparenzregister ist der Schlüssel

Wie kam Trautvetter, der unter anderem als forensischer Sonderprüfer für den Wirtschaftsprüfungs- und Beratungskonzern KPMG AG und im Haushaltausschuss des Europaparlaments gearbeitet hatte, womöglich auf deren Spur? »Über das Transparenzregister«, sagt er. Ansonsten wäre auch dieser Fall aussichtslos gewesen. Denn die fünf Luxemburger Victorias haben als Muttergesellschaft wohl eine spezielle Kommanditgesellschaft. »Die haben einen Komplementär, den Geschäftsführer und dann gibt es die Kommanditisten, die den Gewinn bekommen«, erläutert er. Deren Namen tauchen in öffentlichen Dokumenten allerdings nicht auf.

Im Transparenzregister werden jedoch die wirtschaftlich Berechtigten, die am Ende als natürliche Person mehr als ein Viertel der Anteile oder Stimmrechte haben, verzeichnet. »Normalerweise steht da drin: Die Firma hat keinen wirtschaftlich berechtigt, mit der Begründung, dass keine Person mehr als 25 Prozent hält«, sagt Trautvetter. In diesem Fall tauchen jedoch die Namen von drei Liechtensteiner Anwälten auf. Nicht verzeichnet ist, in wessen Namen diese arbeiten. »Eigentlich dürften nicht die Treuhänder drinstehen, sondern die wirklichen Eigentümer«, berichtet der Experte.

Die immer gleichen drei Anwälte

Er hat die drei Anwälte im Internet recherchiert. In genau dieser Konstellation tauchen sie im dänischen Transparenzregister auf – beim Agrokonzern Ingleby Farms & Forests von Lisbet Rausing. »Es kann natürlich theoretisch sein, dass diese Anwälte auch für die IKEA-Familie arbeiten, die von der Kanzlei Marxer & Partner ebenfalls vertreten wird«, räumt Trautvetter ein, um diese Hypothese gleich wieder zu entkräften. »Mein Verständnis von Family-Offices aus der Praxis ist folgendes: Es gibt einen Anwalt, der persönlich für die Familie tätig ist. Eine Kombination aus drei gleichen Anwälten in anderen Zusammenhängen gibt es wahrscheinlich nicht.«

»Es ist ein schöner Fall und einer der wenigen Fälle, wo dieses Transparenzregister etwas bringt«, freut sich Christoph Trautvetter. Gerade in Deutschland ist die Abfrage langwierig, mit Kosten verbunden und die Daten sind oft unvollständig. Andere EU-Länder, wie ausgerechnet Luxemburg, sind da wesentlich weiter. Für die in Kürze erscheinende Studie »Keine Transparenz trotz Transparenzregister – ein Recherchebericht zu Anonymität im Berliner Immobilienmarkt« der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben er und Markus Henn 433 Gesellschaften, denen in der Hauptstadt Immobilien gehören, untersucht. Fast ein Drittel davon hatte anonyme Eigentümer. 82 von 111 Gesellschaften waren ihrer Pflicht zur Eintragung ins Transparenzregister nach mehr als zwei Jahren anscheinend noch nicht nachgekommen. Nur in sieben Fällen war ein echter wirtschaftlich Berechtigter und in 22 Fällen war – teilweise berechtigt, teilweise fälschlicherweise – ein sogenannter fiktiver Berechtigter eingetragen, so die Forscher.

Eigentümer stellen sich stumm

Gaby Gottwald, Mietenpolitikerin der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, hat die Erkenntnisse genutzt, um in persönlichen Briefen an die Zuständigen zu appellieren. Die Kreuzberger Mischung werde »systematisch durch rücksichtslose Vermieter und renditesuchende Investoren zerstört«, schreibt sie den Anwälten. »Mit Ihrem Vorgehen gegen die Buchhandlung Kisch & Co. sind Sie leider auf direktem Wege, dafür ein weiteres Beispiel zu geben«, so Gottwald weiter. Es verschlage ihr fast den Atem, dass in der derzeitigen Krise einem Kleinunternehmen die Existenz entzogen werde. »Die ganzen kleinen Gewerbestrukturen sind gefährdet. Und Sie nehmen uns jetzt auch noch unseren Buchladen, um die Verwertung Ihres Objektes zu optimieren«, heißt es im Brief.

Auch den Rausing-Schwestern hat Gaby Gottwald geschrieben. Sie hoffe, dass sie als Gründerinnen von Wohltätigkeitsstiftungen »ein offenes Ohr für die oft grausamen Banalitäten des Alltags haben«. Der Mietzins eines Kreuzberger Buchladens sei für die Milliardenerbinnen wohl eher eine kleine Sache. Für Kisch & Co und die Kreuzberger Anwohner »ist es eine ›große Sache‹, wenn unser Buchladen schließen muss, weil er eine höhere Miete nicht zahlen kann«, appelliert sie. Es sei »einfach schäbig« wenn in der Coronakrise »willentlich eine Buchhandlung auf die Straße gesetzt wird, damit die Eigentümer aus ihrer Immobilie mehr Profit ziehen«.

Die Angeschriebenen ziehen es vor zu schweigen. Weder Thorsten Willenbrock, noch Gaby Gottwald haben bisher – Tage später – Reaktionen erhalten. Auch entsprechenden schriftlichen Anfragen von »nd« wurden bis Redaktionsschluss dieser Seite nicht beantwortet.

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