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Der Krieg ist noch nicht vorbei

Vor 75 Jahren tobte eine der blutigsten Schlachten der Geschichte - um die Seelower Höhen

  • Von Frank Schumann
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Pflug geht tief. Die Schollen schälen sich von den Scharen, gleichmäßig und glänzend. »Die Erde ist fett und feucht. Minutenboden«, sagen die Bauern. Die Phase ist kurz, ehe die Sonne den Acker steinhart werden lässt. Bis dahin müssen die Felder bestellt sein.

»Scheiße«, brüllt Wolfgang und trat unvermittelt auf die Bremse. Der Kirowez, sein Traktor, den er liebevoll »den Russen« nenne, bleibt abrupt stehen. Mich haut es fast vom Sitz. »Haste nich jesehen? Da!« Wolfgang schaut in den Rückspiegel und weist mit der Hand nach hinten, zum Pflug, und klettert schließlich vom Bock. Ich folge ihm. In der aufgerissenen Erde liegen Knochen. »Das war’s für heute«, sagt Wolfgang. »Wir müssen den ABV (Abschnittsbevollmächtigen) informieren. Und der gibt der Kriminalpolizei in Seelow Bescheid, die kommt dann mit der Technik und dem Staatsanwalt und so weiter.« Jedes Mal das Gleiche. Immer wieder stößt man hier auf menschliche Überreste. Sind es Deutsche, sind es Russen? Wehrmachtsoldaten, SS, Hitlerjungen oder Rotarmisten? Hatten die Kameraden noch Zeit, sie zu bestatten, einzeln oder in einem Massengrab. Oder doch nur in eine mit Feldspaten eiligst ausgehobene Grube gekippt und mit Erde beworfen? Mit oder ohne Erkennungsmarken, um die Toten zu identifizieren.

Es war in den frühen 80er Jahren, und der Krieg lag schon so lange zurück. Ich war von meiner Redaktion nach Gusow im Oderbruch abkommandiert worden, um über die Dorfgemeinschaft zu berichten. Eine Woche im Monat, und das über ein halbes Jahr, lebte ich unter Genossenschaftsbauern und schrieb über ihr Tagwerk. Um die Ecke lag Golzow, wo die DEFA seit Jahrzehnten schon Kinder mit der Kamera begleitete. Meine Zeitung sammelte Reportagen für einen Landwirtschaftskongress, der zum Jahresende stattfinden würde.

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Wolfgang, der Traktorist, dem die Juwel-Zigaretten zwischen den Zähnen nie ausgingen, hatte den Schlag umbrochen und, entsprechend der Order des Brigadiers am Morgen, noch zwei Meter vom Feldrain mitgenommen. Und da standen wir nun. Das sei zu erwarten gewesen, sagte er und nahm die Kippe aus dem Mund. »Du denkst, es sind alle Toten gefunden und umgebettet, doch nein. Der Krieg ist noch immer nicht vorbei.«

Und nicht vergessen. Wie auch. In fast jedem Oderbruchdorf erinnern Soldatengräber an die viertägige Schlacht, die hier im April 1945 tobte. Auf den Seelower Höhen hatten die deutschen Durchhaltekrieger ihren letzten Verteidigungsriegel errichtet: vor sich flaches Land bis zur Oder, hinter sich die »Reichshauptstadt«, 70 Kilometer entfern. Die Dörfer ringsum waren kirchturmlos. Sie waren von der Wehrmacht gesprengt worden, um der sowjetischen Artillerie Orientierungspunkte zu nehmen.

Wir liefen ins Dorf zurück. Der Blick ging hinüber nach Seelow. Dort, wo der Bergrücken aus der Ebene wuchs, am Eingang der Kreisstadt, reckt sich ein meterhohes Denkmal. Das Standbild aus Bronze schaute in die Richtung, aus der die Soldaten gekommen waren. Über mehrere tausend Kilometer. Der Soldat schaute zurück, nicht vorwärts. Sein trauriger Blick galt den Millionen Toten, nicht dem bevorstehenden Sieg.

Ich hatte den Ort wiederholt besucht, seit ich in Gusow weilte. Das Denkmal war noch im Herbst 1945 errichtet worden. Marschall Georgi Shukow, der die Operation kommandierte, hatte hierzu den Befehl erteilt. Ihn habe ich nicht mehr persönlich kennenlernen können, wohl aber Wassili Tschuikow, der im April 1945 an Shukows Seite vom Reitweiner Sporn aus die sowjetischen Einheiten geführt hatte. Die Orden hingen schwer an seiner Brust, als ich ihn um einen handschriftlichen Gruß für die Leser unserer Zeitung bat. Er beugte sich nach vorn, die Medaillen klimperten. Der Marschall, so um die 80, war zum 35. Jahrestag der Befreiung in die DDR gekommen. Und da war Uniform angesagt. Er schrieb langsam und mit Bedacht, und ich weiß nicht, was mich mehr beeindruckte: seine gewaltige Ordensschnalle mit den beiden goldenen Sternen, die ihn als zweifachen Helden der Sowjetunion auswiesen, dazu vier Lenin- und vier Rotbanner-Orden, drei Mal der Suworow-Orden Erster Klasse ... Oder, pardon, war es die beachtliche Nase. Tschuikow reichte mir ein wenig mürrisch das Papier, nachdem er seinen Namenszug darauf gesetzt hatte. So, wie er in Stalingrad, in Reitwein und später in Berlin als Chef der SMAD signiert hatte, damals, als er die Regierungsgeschäfte an die am 7. Oktober 1949 gegründete DDR übertrug.

1972 war die Anlage auf den Seelower Höhen um ein Museum erweitert worden, das dem Gefechtsstand im Reitweiner Sporn nachempfunden war. Auf dem Platz davor, unterhalb der Gräber und dem Denkmal, hatte man rostiges Kriegsgerät ausgestellt. Pioniere empfingen hier ihre Halstücher, FDJler ihre Dokumente, NVA-Soldaten sprachen den Eid. Drinnen studierten sie auf großen Tafeln, was hier Jahrzehnte zuvor geschehen war. So war es überall an vergleichbaren Orten in der DDR.

Das änderte sich nach ihrem Ende. Gedenkstätten wurden brachial gesäubert. Wie in Jahrhunderten, Jahrtausenden zuvor Sieger die Zeugnisse der Besiegten vernichteten. Da möchte man mit Jesus allegorisch ausrufen: »Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker. Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.«

Bisherige Erzählungen wurden als kommunistische Propaganda eliminiert, angeblich historisiert und verwissenschaftlicht. Der Genius loci wurde gemeuchelt. Die Militärtechnik sei nicht von hier, hieß es. Und weiter: Die Rolle der Sowjets übertrieben und die der deutschen Verteidiger ignoriert. Zuviel Pathos, zu einseitig die Fakten. Viel Fiktion. Noch dazu ideologisch aufgeladen. Diese letzte große Schlacht sei im Übrigen keine Meisterleistung der sowjetischen Kriegführung gewesen. Und es sei falsch, immer von »den Russen« zu sprechen: In der Roten Armee kämpften auch Ukrainer, Kasachen Weißrussen, Usbeken, Moldawier und so weiter. Letzteres ist unbestritten.

Die Auseinandersetzungen liefen in Seelow nicht anders als anderswo in Ostdeutschland in den 90er Jahren. Es wurde um Konzepte gestritten und um Köpfe. Die sogenannten Traditionalisten hielten es mit Richard von Weizsäcker, der 1985 als Bundespräsident erklärt hatte: »Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.« Man schickte jene, die gleich ihm dachten, vorfristig in Rente oder stritt sich mit ihnen vor Gericht.

Die Gedenkstätte von Seelow sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Mal beschmierten Rechte Ausstellungsstücke mit Nazisymbolen und schändeten die Gräber. Mal machte ein Foto die Runde, das einen CDU-Politiker vorm Seelower Denkmal mit erhobenem Arm zeigte. Der behauptete im November 2019 zwar, es handele sich um eine Fälschung, und ein Vierteljahr später hatte das Landeskriminalamt noch immer nicht ermittelt, ob das Bild mit Hitlergruß echt oder falsch sei. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt erklärte laut lokaler Presse am 6. Februar, mit einem Ergebnis sei »in frühestens sechs Monaten zu rechnen«. Zufällig am selben Tage entdeckte man den Kranz eines Hamburger Wehrmacht-Traditionsvereins am Denkmal. Auf der Schleife ehrten die Jünger der faschistischen 20. Panzergrenadier-Division den »ehemaligen Gegner« - und niemand hatte an der Provokation Anstoß genommen (siehe »nd« vom 15. Februar 2020).

Es stritten und streiten sich mit bundesweiter Resonanz Denkmalpfleger und Politiker über die rechte, richtige Erinnerungs- und Gedenkkultur: 2017 etwa, bei der Sanierung des Pflasterwegs, hatten die Bauarbeiter an der Unterseite der vor 45 Jahren verlegten Steine festgestellt, dass diese einst schwarz, rot und golden gewesen sind und derweil eingegraut. Deshalb pflasterten sie den Weg neu in den deutschen Nationalfarben. Das jedoch trieb den Landeskonservator zur Weißglut: Er wollte die Steine grau, wie gehabt, und das alte, authentische Material.

Inzwischen sind fast zwei Millionen Euro für Um- und Neugestaltung der Gedenkstätte ausgegeben. Seit drei Jahren gibt es den Verein »Zeitreise Seelower Höhen«, der das Hauptereignis - die Schlacht - wieder ins Zentrum der Erinnerungsarbeit stellt, nicht dessen Rezeption in den verflossenen Jahrzehnten. Mit grenzüberschreitenden Angeboten hofft man vornehmlich junge Leute zu interessieren.

Übrigens, noch heute findet man Gebeine Gefallener im Oderbruch.

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