Holt sie raus aus den Lokalseiten

Am Sonntag ist der Tag der Brieftaube, hurra!

Ein Stiefkind der deutschen Sportberichterstattung ist zweifellos der Taubensport. Selbst gewiefte Sportjournalisten, sonst mit den bizarrsten Randerscheinungen ihrer Branche vertraut, müssen passen, so man sie nach den aktuellen Taubensportergebnissen befragt. Einer merkte auf Anfrage an, er sei im »Behindertensport« grundsätzlich nicht so firm, werde aber umgehend eruieren, was speziell im Gehörlosensport so läuft - und hat sich damit erst recht als fachlich taube Nuss erwiesen. Denn so wenig, sagen wir mal, Turmspringen was mit springenden Türmen zu tun hat, so wenig ist der Tauben- ein Schwerhörigensport; was nicht heißt, dass ihn nicht auch Taube ausüben. Sie können ihr Sportgerät bloß nicht gurren hören.

Oder muss man wiehern sagen? Schließlich werden Sporttauben auch »Rennpferde des kleinen Mannes« genannt. In nahezu fast jeder Ruhrgebiets-Reportage ist das der Fall. Als gäbe es dafür einen entsprechenden Erlass. Kein Wunder, dass ich als Kind immer dachte, im Ruhrpott seien die Männer so klein, dass sie auf Tauben reiten.

Tatsächlich wurde im Pott die über 100-jährige Geschichte des deutschen Taubensports begründet. Der damals unter den kleinen Männern sich gleichzeitig ausbreitende Fußballsport war ein entscheidender Geburtshelfer, pflegte man doch zur schnellen Übermittlung von Auswärtsspielergebnissen Brieftauben einzusetzen. Aus dieser frühen Form der Konferenzschaltung hat sich der Taubenwettflug entwickelt, wie ihn heute bundesweit über 30 000 Taubensportler betreiben, deren Schläge von geschätzt bis zu zehn Millionen Tieren zugeschissen werden.

Angesichts dieser Masse von potenziellen Lesern ist es umso erstaunlicher, dass die Sportpresse kaum mal etwas Taubensportliches bringt. Fragt man in den Redaktionen nach, heißt es immer, Tauben würden ja eh nicht Zeitung lesen. Und selbst wenn, interessierten sie sich wahrscheinlich eher für den Reiseteil. Und die Taubenzüchter? Seien allenfalls über die Lokalseiten zu erreichen. Aber die würden ja bekanntlich schon von den Kaninchenzüchtern dominiert, und dass die freiwillig ihre angestammten Berichtsplätze räumten, darauf könne man wohl lange warten.

So müssen sich die Freunde des organisierten Taubensports journalistisch eben selbst behelfen. Mittels »Die Brieftaube« etwa, so der Titel eines vom Verband der deutschen Brieftaubenzüchter herausgegebenen Fachmagazins, das seine derzeit 20 000 Abonnenten wöchentlich »über alles informiert, was im Brieftaubensport von Bedeutung ist«, so die Herausgeber.

Die im Regelumfang 32 Seiten umfassenden Hefte werden über eigens gezüchtete Abotauben ausgeliefert, die sie direkt in die Schläge der Abonnenten bringen - so jedenfalls wird das angebliche Vertriebsgeheimnis der »Brieftaube« schon seit ihrer Gründung bemunkelt. Bestätigt werden konnte das bisher aber nicht. Eine bestätigte Meldung hingegen ist, dass kürzlich ein belgischer Züchter für eine einzige seiner Tauben einen Verkaufserlös von 1,2 Millionen Euro erzielte. Schon wenn man bedenkt, dass er sich dafür 15 000 Jahresabos der »Brieftaube« würde leisten können, kann man ermessen, welche immensen Kaufkräfte bei den Taubenbesitzern noch so schlummern.

Belgien gilt übrigens als Mutterland des Taubensports. Sehr verbreitet ist er aber auch in England, USA, Südafrika und China, dessen Taubenkadern jedoch immer mal wieder die millionenfache Keulung droht: die Vogelgrippe. Gilt Belgien als Wiege des Taubensports, China könnte mal dessen Bahre werden.

Das südafrikanische Sasolburg indes war vogelgrippefrei, als dort unlängst wieder der Welt höchst dotiertes Taubenrennen ausgetragen wurde. Platz eins des jährlich stattfindenden »Million Dollar Pigeon Race« belegte die slowenische Taube Marjana S. Aber obwohl mit Theseus, Neumond, Harrys Game und Dortmunder gleich vier deutsche Luftratten unter die ersten Zehn (von insgesamt 3600 Gemeldeten) kamen, widmete die hiesige Sportpresse selbst der inoffiziellen Tauben-WM erneut kaum eine Zeile.

Das galt schon für jene aufsehenerregende Studie des britischen Verhaltensforschers Tim Guilford, deren Ergebnisse den Taubensport vor einigen Jahren bis ins Mark erschütterten. Guilford hatte nämlich herausgefunden, dass sich Sporttauben auf ihren Heimflügen neuerdings eher am Straßennetz orientieren. Statt ihren eingebauten Kompass zu aktivieren, folgten sie lieber dem Verlauf von Autobahnen und nähmen dafür sogar Kreisverkehre und Umleitungen in Kauf. Wenn hier wer meint, schulterzuckend abwinken zu müssen, weil er sich ja auf seinen Heimwegen auch vorrangig am Straßennetz orientiere, ahnt nicht die gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen.

So haben sich schon die ersten Taubensportler für einen verstärkten Autobahnausbau ausgesprochen, während das Bundesverkehrsministerium angeblich plant, die Maut künftig auch den Tauben aufzudrücken.

Am 19. April ist der Tag der Brieftaube. Da sage noch einer, der Taubensport sei kein Thema.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung