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Das Terrornetz reichte bis nach Berlin

Am 19. April 1995 sprengten Rechtsextremisten das Murrah Federal Building in Oklahoma City in die Luft

Es ist der 19. April 1995, neun Uhr, zwei Minuten und 13 Sekunden. Die morgendliche Stille in der 500 000 Einwohner zählenden Verwaltungshauptstadt des US-Staates Oklahoma wird durch eine massive Explosion beendet. Ein gelber Lastwagen fliegt in die Luft. Er hatte eine aus Mineraldünger gebaute und 2,4 Tonnen schwere Bombe geladen. Ein Gutteil eines neunstöckigen Hochhauses - das Murrah Federal Building - wird zerstört. In ihm sind vor allem Zweigstellen von Verwaltungsbehörden der Washingtoner Zentralregierung angesiedelt. Und ein Kindergarten. 168 Menschen sterben, darunter 19 Kinder. Schnell wird vermutet, dass nur Islamisten hinter dem Anschlag stecken können. Wer sonst könnte so eine abscheulich Tat in der stockkonservativen Stadt verüben, die von evangelikalem Protestantismus und tiefem Patriotismus geprägt ist?

Eineinhalb Stunden nach der Explosion wird der damals 26-jährige Timothy McVeigh in der Kleinstadt Perry - 60 Meilen vom Tatort entfernt - verhaftet. Rasch finden die Ermittler heraus, dass er den Lastwagen gemietet und die Tat mit zwei Komplizen geplant hat.

McVeigh - Sohn irisch-katholischer Einwanderer - kämpfte als Soldat im zweiten Golfkrieg und kehrte wie viele Kameraden traumatisiert aus dem Gemetzel zurück. Ihn treibt Hass. Als Mitglied des Ku-Klux-Klan unterhält er enge Verbindungen zu rechtsextremen Milizen, von denen es in den USA damals über 400 mit insgesamt rund 20 000 Mitgliedern gibt. Die Soldaten dieser verborgenen Armee eint eine zum Teil paranoide Furcht vor der Zentralregierung. Exakt zwei Jahre vor dem Anschlag in Oklahoma hatte das FBI das Hauptquartier der Davidianersekte im texanischen Waco gestürmt. 82 Menschen kamen ums Leben. Vor Gericht behauptet McVeigh, er habe aus Rache für die Waco-Aktion gehandelt. Im Juni 1997 sprach ein Bundesgericht in Denver seine Todesstrafe aus. Seine beiden Kumpane Terry Nichols und Michael Fortier erhielten Gefängnisstrafen.

Der Journalist Dan Herbeck interviewte McVeigh stundenlang und schrieb den Bestseller »American Terrorist«. Herbeck war überzeugt, seinem Gesprächspartner gefalle es, als erster Häftling, der nach der Wiedereinführung der Todesstrafe auf Bundesebene hingerichtet wird, einen Platz in den Geschichtsbüchern zu bekommen. Am 11. Juni 2001 verabreichte man ihm im Gefängnis der Kleinstadt Terre Haute die Giftspritze.

Es gab in den vergangenen 25 Jahren viele Deutungen und noch mehr Verschwörungstheorien zum Anschlag in Oklahoma-City. Die US-Justiz beschränkt den Täterkreis noch immer auf ein Dreierteam. Medien stellen Timothy McVeigh immer wieder als von Natur aus böse oder geistig verwirrt dar. War er das? Der vielfache Mörder hinterließ einen handschriftlichen Brief, in dem er das Gedicht »Invictus« (lateinisch für »Der Unbesiegte«) des englischen Dichters William Ernest Henley zitiert: »Egal, wie schmal das Tor, wie groß, wieviel Bestrafung ich auch zähl. Ich bin der Meister meines Los’. Ich bin der Käpt’n meiner Seel.« Nur am Rande: Auch der südafrikanische Bürgerrechtler Nelson Mandela schöpfte in seiner Haftzeit aus dem Gedicht Kraft und Trost.

Bei den Ermittlungen des FBI geriet auch ein Deutscher ins Blickfeld. Andreas Strassmeir wohnte damals in der Gegend. Er ist nicht nur Ex-Offizier der Bundeswehr, sondern auch Sohn von Günter Strassmeir. Der CDU-Mann diente Kanzler Helmut Kohl als parlamentarischer Staatssekretär.

Strassmeir junior war 1989 für sieben Jahre in die USA gegangen, weil es ihm in Deutschland »nie sonderlich gefallen« hat, sagte er 2010 dem »Spiegel«. Stephen Jones, der Verteidiger des Hauptangeklagten McVeigh, habe ihn in den Anschlag verwickeln wollen, um seinen Mandanten zu entlasten, behauptet er. Alle Vorwürfe seien haltlos. Auch Vermutungen, dass er mit deutschen oder US-Diensten kooperierte, stimmten nicht. Ja, er sei McVeigh mal begegnet. Auf einer Waffenmesse in Tulsa (Oklahoma) habe er ihm 2006 ein altes Kampfmesser verkauft und dabei zehn Minuten »mit ihm gequatscht«. Und das reichte, damit McVeigh wenige Tage vor seiner Mordtat aus heiterem Himmel bei Strassmeir anrief?

Der Deutsche war damals Sicherheitschef von Elohim City, einer Enklave der Christian-Identity-Bewegung in Oklahoma. Dort hat sich damals so ziemlich alles getroffen, was in der US-Rechtsextremistenszene Rang und Namen hatte. Strassmeir habe auch Kontakte mit dem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Führer Dennis Mahon gehabt und mit ihm über einen möglichen Anschlag gesprochen. Das sagt Carol Howe, die Anfang der 1990er Jahre vom Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF) in die Elohim-Gemeinschaft eingeschleust wurde. Klan-Chef Mahon, der laut Strassmeir »ein gern gesehener Gast« in Elohim City war, behauptet sogar, der Deutsche habe bei Oklahoma eine rechtsextreme Miliz trainiert. Quatsch, erwidert Strassmeir und betont, sein Hobby sei »das Nachstellen von Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs, mit Uniformen, Waffen und Verpflegung« gewesen. Zudem beriet er Leute in Sicherheitsfragen. Schließlich war er der einzige Offizier in der Gemeinde und: »Wir hatten Angst vor amerikanischen Bundesbehörden, die Andersgläubige und Freiheitsliebende unterdrücken wollen.«

Obwohl das FBI genügend Gründe hatte, den Mann festzuhalten, und von seinen Umsiedlungsplänen wusste, verließ Strassmeir Anfang 1996 die USA. Ein einstiger CIA-Pilot flog ihn nach Mexiko. Organisiert hat seine Rückkehr ins Rheinland angeblich ein Anwalt namens Kirk Lyons aus North Carolina. Der ist ein ausgewiesener Verteidiger »weißer Vormacht«. Nicht nur in den USA, auch in Kanada, Australien, Südafrika und Europa. Belangt wurden weder er noch der Pilot.

Wie hilfreich Kontakte zu bestimmten Behörden sind, hat auch ein Mann namens Carsten Szczepanski erfahren. Der wuchs in Westberlin auf und zog nach der Wende ins hauptstadtnahe Königs Wusterhausen. Er gehörte der rechtsextremen Szene an, interessierte sich für den Ku-Klux-Klan, wurde Mitglied eines KKK-Ablegers in Kansas City und korrespondierte mit Dennis Mahon. Im Dezember 1991 traf sich Szczepanski mit dem Rassistenchef aus dem Umfeld des Oklahoma-Attentäters zu einer Kreuzverbrennung im brandeburgischen Halbe, die von einem RTL-Team sensationsgierig in die TV-Kanäle geschleust wurde.

Im Dezember 1991 fand die Polizei Rohrbombenrohlinge, Sprengstoff und fremde Reisepässe in einer von Szczepanski genutzten Wohnung. Als der Generalbundesanwalt im Februar 1992 ein Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gegen 33 mutmaßliche Mitglieder der »Weißen Ritter des KKK« einleitete und Szczepanski als einer der mutmaßlichen Rädelsführer vernommen wurde, sagte er gegenüber den BKA-Vernehmern aus - und offenbar auch eine geheime Mitarbeit zu.

Drei Monate später - am 8. Mai 1992 - ist er Anführer von Neonazis, die im brandenburgischen Wendisch-Rietz unter »White-Power«-Rufen über Steve Erenhi herfallen. Der nigerianische Lehrer überlebt knapp. Obwohl Szczepanskis Führerrolle erwiesen ist, gibt es keine Fahndung. Im Gegenteil: Der Generalbundesanwalt stellt die bisherigen Ermittlung gegen ihn und die anderen »Weißen Ritter« ein. Erst Jahre später verurteilt ein Gericht in Frankfurt (Oder) den Mahon-Freund zu acht Jahren Haft.

In der Justizvollzugsanstalt Brandenburg hatte Szczepanski nicht viel auszustehen. Denn er arbeitete seit Juli 1994 als »Piato« für den Brandenburger Verfassungsschutz. Der Geheimdienst veranlasste seine vorzeitige Haftentlassung. Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages schwärmte »Piatos« ehemaliger V-Mann-Führer Gordian Meyer-Plath - heute ist er Chef des sächsischen Verfassungsschutzes - von einem »Quantensprung« im Wissen über die Neonaziszene, den man durch »Piato« gemacht habe. Als »bundesweit einzige Informationsquelle« habe er weiterführende Hinweise auf den Verbleib dreier flüchtiger Neonazis aus Thüringen geben können, rühmte sich Brandenburgs Verfassungsschutz nach dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) im November 2011. Doch genaue Auskünfte verweigert der Geheimdienst. So ist »Piatos« Rolle bei der Waffenbeschaffung für den NSU völlig offen. Dass der Verfassungsschutz erfolgreich versuchte, eine tiefgründige öffentliche Befragung seines V-Mannes Szczepanski zu verhindern, hat womöglich auch Ursache in Vernetzungen, die über den Atlantik reichen.

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