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Rote Khmer

Paranoia und Massenmord

Vor 45 Jahren haben die Roten Khmer Phnom Penh eingenommen.

Von Rainer Werning

Die Formierung der sogenannten Roten Khmer als ernstzunehmende oppositionelle Kraft gelang im Sog der »Vietnamisierung« des zweiten Indochinakrieges Ende der 1960er Jahre. Der damalige US-amerikanische Präsident Richard Nixon verkündete 1969 angesichts wachsender US-Verluste in Vietnam, dass der Krieg schrittweise von südvietnamesischen Bodentruppen weitergeführt werden sollte. Kurz gesagt hieß das, »Asiaten gegen Asiaten kämpfen zu lassen«, wobei sich die Rolle der USA fortan auf den Einsatz der Luftwaffe konzentrieren sollte. Für Nixon und seinen damaligen Nationalen Sicherheitsberater Henry A. Kissinger waren Kambodscha und Laos keine souveränen Staaten, sondern »Zustände«, die es gemäß ihren Vorstellungen zu modellieren galt. Dazu gehörte, zunächst geheimen, dann offenen Krieg gegen beide Länder zu führen.

In Kambodscha selbst hatte die Regierung Prinz Sihanouks lange Zeit einen auf Neutralität bedachten außenpolitischen Kurs zu steuern vermocht. Innenpolitisch aber trug er mit dazu bei, die damals noch schwachen oppositionellen Roten Khmer aufzuwerten. Bauernrevolten in der westlichen Provinz Battambang, der Reiskammer des Landes, ließ Sihanouk blutig niederschlagen und schürte somit in der Landbevölkerung Unmut und Protest gegen Landenteignungen und drastisch erhöhte Ernteabgaben. Inzwischen war eine im Ausland - vorwiegend in Frankreich - geschulte und den Ideen des Sozialismus zugeneigte Intelligenz nach Kambodscha zurückgekehrt und hatte sich den Roten Khmer angeschlossen. Diese nahmen nun die Ereignisse zum Anlass, gegen Sihanouks repressive Innenpolitik organisiert Widerstand zu leisten.

Stadt gegen Land

Während sich Sihanouk im Frühjahr 1970 auf einer Auslandsreise befand, putschte sich ausgerechnet sein Premierminister Lon Nol mit Hilfe der CIA an die Macht. Noch im selben Jahr wurde die Monarchie abgeschafft, was Sihanouk dazu veranlasste, fortan im Pekinger Exil zu verweilen und mit den Roten Khmer eine Allianz einzugehen. 1972 übernahm Lon Nol offiziell das Präsidentenamt und schmückte sich fortan mit dem Rang eines Marschalls. Sein Regime galt als inkompetent und korrupt und - schlimmer noch: Es vertiefte die traditionell ohnehin große Kluft zwischen Stadt und Land. Einzig die dünne Oberschicht Phnom Penhs und Teile der Mittelschichten stützten sein Regime. Auf dem Land war dieses verhasst, zumal Lon Nols Politik eine jähe Abkehr vom Neutralitätspostulat Sihanouks bedeutete und sein Lakaientum vis-à-vis Washington das Land nunmehr direkt in einen neuen Kriegsschauplatz verwandelte.

Allein 1973 warf die US-Luftwaffe über Kambodscha mehr Bomben ab als über Japan während des Zweiten Weltkriegs. Ein wahrlich »episches Verbrechen«, wie der renommierte australische Journalist John Pilger einmal betonte. Über zwei Millionen Menschen - hauptsächlich von ihrem Land »weggebombte« Bauern - flüchteten während dieser Flächenbombardements in die Hauptstadt Phnom Penh, die für diese Menge an Menschen nicht ausgelegt war. In der Endphase des Krieges konnte die Stadt nur dank einer Luftbrücke der US-Armee mit Nahrung versorgt werden. Als die Roten Khmer vorrückten, zogen sich die US-Truppen überhastet zurück; die Versorgung brach zusammen. Es stellte sich nur die Alternative, die Bevölkerung schnellstmöglich zu evakuieren oder ein Massensterben in Folge von Hunger, Erschöpfung und Malaria in Kauf zu nehmen. In dieser Situation ordneten die Roten Khmer, die bereits zwei Wochen vor dem Fall der damaligen südvietnamesischen Hauptstadt Saigon siegreich in Phnom Penh einmarschiert waren, die zwangsweise Evakuierung der Stadt an.

Tausende der evakuierten Stadtbewohner starben auf ihrem Weg in die Dörfer. Überlebende wurden auf ihre politische Gesinnung hin überprüft, Angehörige der alten Eliten wurden ermordet oder zu Zwangsarbeit verpflichtet. Zugrunde lag dieser Vorgehensweise die willkürliche Zweiteilung der Gesellschaft durch die Roten Khmer in »Altvolk« und »Neuvolk«. Unter »Altvolk« verstanden sie die bäuerliche Bevölkerung als Kern des nach chinesischem Vorbild avisierten Agrarkommunismus. Unter die Kategorie »Neuvolk« wurden hingegen jene städtischen Elemente subsumiert und denunziert, die sich dem Voluntarismus der neuen Herrscher unterzuordnen hatten.

Die Stadt galt aus Sicht der bäuerlichen Khmer seit jeher als Hort tributärer Schröpfung. Bereits während der französischen Kolonialzeit, die vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die 50er Jahre hinein währte, waren die Zitadellen städtischer Macht neben Franzosen mit vietnamesischen Beamten und Administratoren besetzt, während Handel und Gewerbe eine Domäne von Chinesen waren. Permanente interne »Säuberungsaktionen« gegen »Schädlinge und Feinde der Revolution« sowie wiederholte Grenzprovokationen gegen Vietnam unterhöhlten das auf Autarkie bedachte Gesellschaftsmodell, was die Herrschenden unter ihrem »Genossen Nummer Eins«, Pol Pot, zunehmend in Paranoia verfallen ließ. Diese führte letztlich zu einem Massenmord, dem verschiedenen Schätzungen zufolge innerhalb von vier Jahren zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Gegenüber Vietnam hegten sowohl die Roten Khmer als auch die Royalisten um Sihanouk latente Furcht, galt es doch als großer unberechenbarer Nachbar, der in der Vergangenheit mit den Franzosen paktiert und sich Teile des einstigen Khmer-Territoriums im heutigen Mekong-Delta einverleibt hatte.

Verspätete Aufarbeitung

Schließlich marschierten vietnamesische Truppen zum Jahreswechsel 1978/79 in Kambodscha ein, um das »genozidale Pol Pot-Regime« zu stürzen. Verstärkung erhielten sie von ehemaligen Bataillonskommandeuren der Roten Khmer, Heng Samrin und Hun Sen, die ab 1979 zu den neuen Machthabern in Phnom Penh avancierten. Da der Kalte Krieg noch in vollem Gange war, unterstützte neben Vietnam auch dessen engster Verbündeter, die Sowjetunion, die neue Politriege. Die VR China und das Königreich Thailand hingegen unterstützten aus Eigeninteresse weiterhin die Roten Khmer und das Demokratische Kampuchea. Schließlich waren es die UN und die USA, die das Demokratische Kampuchea auch zwölf Jahre nach dessen Untergang politisch-diplomatisch anerkannten und dessen UN-Sitz in New York reservierten.

Das lange geforderte Kambodscha-Tribunal zur Abrechnung der Rote Khmer-Herrschaft unter Pol Pot war erst aufgrund eines Abkommens zwischen den UN und Kambodschas Premierminister Hun Sen im Sommer 2003 gebildet worden. Seine Arbeit nahm es allerdings erst 2006 auf. Hun Sen und Parlamentspräsident Heng Samrin trugen Mitschuld an dieser Verzögerung. Von Aussöhnung, gar Aufarbeitung der Vergangenheit konnte in diesem bis Anfang August 2014 währenden und umgerechnet gut 200 Millionen US-Dollar teuren Prozess keine Rede sein. Dafür kam er zu spät und hatte eine schwere Schlagseite. Zwar wurden einige hohe Kader der Roten Khmer zu langen Haftstrafen verurteilt (einige starben bereits vor der Urteilsverkündung), doch Leute wie Heng Samrin und Hun Sen setzten auf Vertuschung ihrer eigenen Vergangenheit. Die Verstrickung ausländischer Mächte blieb unberücksichtigt. Nicht zuletzt hätte in einem internationalen Strafgerichtsverfahren auch ein Mann auf die Anklagebank gehört, der sich bis heute gern in der Rolle eines Elder Statesman sieht - Henry A. Kissinger.

Rainer Werning ist Ko-Herausgeber des Buches Kampuchea - Lesebuch zu Geschichte, Gesellschaft, Politik (Münster 1981). Weiterlesen: William Shawcross. Schattenkrieg. Kissinger, Nixon und die Zerstörung Kambodschas, Ullstein Verlag (1982), 480 S. Beide gebraucht erhältlich.

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