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Ultras

»Krank genug«: Fußballfans gegen Profitsucht in Coronazeiten

Die Krise offenbart die Übel des Profifußballs. Die Kritik der »Fanszenen Deutschland« teilen bei weitem nicht nur Ultras.

Von Christoph Ruf

Es sind markige Worte, mit denen die »Fanszenen Deutschland« die Profivereine und den Ligaverband DFL kritisieren. Worte, mit denen sie eine Abkehr von den Plänen fordern, schon Anfang Mai wieder Erst- und Zweitligaspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen. Der Zusammenschluss umfasst fast alle Ultragruppen der Republik - und spricht somit für Zehntausende Fans. Der Profifußball sei »längst krank genug« und gehöre »weiterhin in Quarantäne«, schrieben sie nun. Anstatt eine Sonderbehandlung zu fordern, solle er darüber nachdenken, warum »ein System, in das in den letzten Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sind, innerhalb eines Monats vor dem Kollaps steht«. Das sei der Profifußball gerade denen schuldig, »die sich in der Coronakrise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren«.

So drastisch die Wortwahl sein mag - im Gegensatz zu früheren Forderungen aus Fankreisen dürfte das Schreiben vom Donnerstagabend auf breiteren Widerhall in der Gesellschaft stoßen. Wenngleich es auch viele Fußballfans gibt, die baldige Geisterspiele befürworten, um das finanzielle Überleben der Vereine zu sichern. Ob die Ultras also für die Mehrheit aller Fußballfans sprechen, ist fraglich. Doch ihre Kritikpunkte werden auch außerhalb der Ultra-Kreise von vielen geteilt. So ist der Eindruck weitverbreitet, dass derzeit ausschließlich das Fernsehgeld und damit das Wohl und Wehe der gut situierten Erst- und Zweitligisten diskutiert wird. Auch die Kritik an der »absoluten Untätigkeit des DFB, im Hinblick auf den Fußball unterhalb der 2. Bundesliga«, wurde von Regionalligavertretern wie Rot-Weiß Oberhausens Präsident Hajo Sommers zuletzt mit deutlich harscheren Worten (»Albern«, »geht gar nicht«) ausgesprochen. In den Amateurvereinen, denen derzeit scharenweise die Sponsoren und Mitglieder weglaufen, herrscht teils regelrechte Wut auf die Verbände, die die Entscheidung immer weiter herauszögern, ob und wann in den unteren Klassen weitergespielt wird. Ein »kompletter Abbruch der Saison«, der laut »Fanszenen Deutschland« »kein Tabu« sein dürfe, scheint neben vielen Amateurvertretern sogar einigen Drittligisten alternativlos.

Ein großer Teil der aktuellen Erklärung ist auch einer grundsätzlichen Kritik am Wirtschaften im Profifußball gewidmet. »Der Erhalt der Strukturen« sei »vollkommen vom Fluss der Fernsehgelder abhängig, die Vereine existieren nur noch in totaler Abhängigkeit von den Rechteinhabern«. Jahrelang hätten Fans und Vereinsmitglieder nachhaltigeres Wirtschaften angemahnt und immer wieder die Explosion der Spielergehälter kritisiert. Doch erst jetzt in Corona-Zeiten zeigten sich auch die Vereinsvertreter besorgt, die vorher alle Bedenken beiseite gewischt hätten. »Seit Jahren fordern Fans Reformen für eine gerechtere Verteilung der TV-Einnahmen und kritisieren die mangelnde Solidarität zwischen großen und kleinen Vereinen. Wir weisen auf Finanzexzesse, mangelnde Rücklagenbildung und die teils erpresserische Rolle von Spielerberatern hin.« Auch diese Kritik haben die Fans nicht exklusiv. Augsburgs Präsident Klaus Hofmann wähnte sich vergangene Woche »im falschen Film«, als er hörte, dass »Vereine, die ein paar hundert Millionen Euro Umsatz machen, ihre Geschäftsstellenmitarbeiter in Kurzarbeit schicken«.

Dass die Frage, ob und wann der Ligabetrieb wieder aufgenommen werden sollte, zwischen Vereinen und organisierten Fans so unterschiedlich bewertet wird, hängt möglicherweise auch mit der Wahrnehmung der vergangenen Wochen zusammen. Während auf den Geschäftsstellen naturgemäß versucht wurde, das Wegbrechen fast sämtlicher Einnahmen für Spieler und Vereinsmitarbeiter möglichst sozialverträglich zu organisieren und die operativen Verluste dennoch von Tag zu Tag größer wurden, haben sich die meisten Ultras unter einem ganz anderen Blickwinkel mit Corona beschäftigt. Bundesweit dürfte es kaum ein Krankenhaus geben, vor dem nicht ein Solidaritätsbanner einer Ultragruppe hängt. Viele deutsche Fangruppen sind zudem mit Ultras aus Südeuropa befreundet und multimedial bestens vernetzt. Die Situation in Italien, Spanien und Frankreich kennen viele gut, weil langjährige Freunde betroffen sind. Offenbar auch vor diesem Hintergrund kommt es ihnen »schlicht absurd« vor, »Fußballspieler in einer extrem hohen Taktung auf das Virus zu untersuchen«. Sie haben den Eindruck, dass »offenbar sämtliche Bedenken hintenangestellt werden, wenn es darum geht, den Spielbetrieb erneut zu starten«.

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