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Coronavirus-Pandemie

Lockern oder laufen lassen?

Was die verschiedenen Strategien gegen das Virus bewirken, ist noch unklar.

Von Ulrike Henning

Ein Drittel der Weltbevölkerung ist Ausgangssperren und anderen Vorschriften aufgrund der Coronakrise unterworfen. Die Maßnahmen sind vielfältig: Quarantäne für Infizierte mit leichten Symptomen und ihre Kontaktpersonen, Schulschließungen, Veranstaltungsverbote, Abstandhalten oder das Tragen von Atemschutzmasken. Ein Ausnahmezustand im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie ist also kein technisch definierter Begriff und kann sich auf alles Mögliche beziehen - vom erzwungenen Aufenthalt innerhalb bestimmter Regionen oder Städte bis hin zu Empfehlungen, zu Hause zu bleiben, bestimmte Arten von Unternehmen zu schließen. Einen Sonderweg schlugen Panama und Peru ein: Sie erlaubten jeweils Männern und Frauen an drei unterschiedlichen Wochentagen, ihre Wohnungen zu verlassen, sonntags darf niemand vor die Tür.

Ob all dies wirklich etwas nützt, ist jedoch unklar. Die Debatte kann sich nur an Vermutungen orientieren, da zwar Modellrechnungen, aber noch keine wissenschaftlichen Studien zur Eindämmung der Ansteckung mit dem Virus vorliegen. Entsprechend sahen die Vorstellungen der Ministerpräsidenten der Bundesländer nicht einheitlich aus, als sie am Mittwoch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer Telefonkonferenz zusammentrafen. Durchgesetzt hat sich im Resultat eine eher vorsichtige, schrittweise Variante des Ausstiegs aus den bisherigen Maßnahmen, wobei die Empfehlungen der Bundesregierung den Ländern Spielraum lassen.

Japan: Wirtschaft first

Aber es geht auch anders. Das zeigen drei Länder, deren Maßnahmen von den eher drastischen der übrigen Staaten abweichen, zumindest vorerst und teilweise.

Da wäre zunächst Japan: Lange Zeit wurden hier nur niedrige Fallzahlen gemeldet. Erst am 11. April schloss man Schulen, Universitäten, Sportanlagen und Nachtclubs. Zuvor hatte Japan nur auf geringen Niveau auf Sars-Cov-2 getestet, 0,57 Untersuchungen pro 1000 Einwohner (Deutschland im Vergleich: 15,97). Am Freitag verzeichnete Japan 9231 bestätigte Infektionen und 190 Todesfälle. Am Karfreitag hatten einzelne Präfekturen von sich aus den Notstand ausgerufen. Viele Menschen gingen noch zur Arbeit, Pendler nutzten den öffentlichen Nahverkehr, Geschäfte, Cafés, Hotels und Restaurants blieben geöffnet.

Seit dem 8. April stiegen die Fallzahlen plötzlich stark an. Inzwischen liegt es nahe, dass in Japan so wenig getestet wurde, um die Ausbreitung der Infektion zu kaschieren - davon gehen zumindest Oppositionspolitiker aus. Kritiker weisen darauf hin, dass Premierminister Shinzo Abe vor allem ein weiteres Abrutschen der Wirtschaft in Richtung Rezession befürchtete und deshalb die Bedrohung durch das Virus herunterspielte. Nach seiner Zielstellung sind nun zwar möglichst viele Menschenleben zu retten, aber zugleich ist die Wirtschaft am Laufen zu halten. Von epidemiologisch begründeter Politik kann also kaum die Rede sein.

Südkorea: Testen und tracken

Ein wenig anders sieht die Entwicklung in Südkorea aus. Das Land wird als Beleg dafür angeführt, dass die Virusausbreitung auch ohne ein Herunterfahren der Wirtschaft eingedämmt werden kann. Hier explodierten die Fallzahlen Anfang März. Südkorea gehörte zu den ersten Ländern mit einem großen Krankheitsausbruch. Es konnte die Infektionskurve flach halten - ohne drakonische Restriktionen der Bewegungsfreiheit wie in China oder wirtschaftlich riskante Ausgangsbeschränkungen wie in Europa. Selbst Offizielle des Landes warnen aber davor, dass ihr Erfolg nur vorübergehend sein könnte.

Laut dem stellvertretenden Gesundheitsminister Kim Gang Lip erweist sich beim Coronavirus ein Herangehen mit Ausgangssperre und Quarantäne als ineffektiv. Kim spielt dabei auf die fünftägige Inkubationszeit an und die anfangs milden Symptome, die leicht mit einer Erkältung verwechselt werden. Dieses Muster schaffe eine Verzögerung von ein bis zwei Wochen, bevor ein Krankheitsausbruch auffalle. Entsprechend setzte das Land auf schnelles Testen, Kontaktverfolgung sowie auf Isolierung und Überwachung der angesteckten Personen. Offiziell wurden (bei einer Bevölkerung von 50 Millionen Menschen) 600 Center eröffnet, die so viele Menschen wie möglich so schnell wie möglich testen sollten.

Für ein aggressives Verfolgen der sozialen Kontakte hatte Südkorea bei einem Mers-Ausbruch 2015 die nötigen Mittel entwickelt. Das Einverständnis der Bevölkerung für solche Einschränkungen individueller Freiheit während einer Epidemie sei vorhanden, meinen Politiker des Landes. Dort werden Überwachungskameras, Kreditkartendaten und sogar GPS-Daten von Autos und Mobiltelefonen genutzt. Alarmsignale auf dem Telefon zeigten jeweils an, wenn neue Fälle in der eigenen Region entdeckt wurden. Veröffentlicht werden auch detaillierte Informationen über die Reiserouten Infizierter - damit mögliche Kontaktpersonen sich so schnell wie möglich testen lassen. Ein Zwischenresultat dieser Politik: In Südkorea sind am Freitag den neunten Tag in Folge weniger als 40 neue Covid-19-Fälle bestätigt worden.

Schweden: Vertrauen ist besser

In Schweden sind Schulen für kleinere Kinder, Restaurants und viele Geschäfte weiter geöffnet. Nur Zusammenkünfte von mehr als 50 Personen sind untersagt. An weiterführenden Schulen und Universitäten findet kein Unterricht statt. Gefährdete Menschen sind aufgefordert, die Öffentlichkeit zu meiden. Noch hat die schwedische Volksgesundheitsbehörde das Vertrauen der Bevölkerung. Am Osterwochenende hielten sich die meisten Bürger an die Appelle, zu Hause zu bleiben, auch ohne Verbote. Die Ferienanlagen hatten schon geschlossen, während Skipisten und Clubs noch geöffnet waren. Jedoch wurden in Stockholm inzwischen in jedem dritten Pflegeheim Corona-Infizierte gefunden. Mittlerweile gibt es ein Besuchsverbot für diese Einrichtungen. Noch setzt die Regierung auf die Kombination aus freiwilliger Selbstbeschränkung und weiter laufendem Alltagsleben. Bis Freitag gab es in dem EU-Land 12 540 bestätigte Infektionen und 1333 Todesfälle.

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