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Bei Störtebeker tot umgefallen

Ein Kriminalkommissar kehrt in das heimatliche Rügen zurück

  • Lesedauer: 8 Min.

So fängt eigentlich ein schlechter ›Tatort‹ an», knurrt Karsten Schwinka, als er die Tür seines Wagens öffnet und sich in den Sitz fallen lässt. Dabei macht er dicke Backen und stößt die Luft durch die zusammengepressten Lippen. ›Tod auf der Theaterbühne. Und keiner hat’s gesehen‹, denkt er. ›Bescheuerter Plot, aber Kommissarin Valerie Ziegenbart-Bunsenbrenner wird dem Bösewicht schon auf die Spur kommen.‹ Schwinka grinst. TV-Krimis findet er ziemlich daneben. Immer, wenn er die Geschichten mit seinen realen Fällen vergleicht, blickt er auf zwei völlig unterschiedliche Welten. Vor allem, was die Ermittlungen betrifft. Da echauffiert er sich an einem Krimiabend vor dem Fernseher manchmal genauso wie bei einem Spiel der deutschen Fußballnationalelf. «Jedenfalls geschafft», sagt er. Und als würde jemand aus dem Off fragen, wie er das wohl gemeint habe, fügt er für sich noch ein «Sowohl als auch» hinzu. Vier Stunden Vernehmungen liegen hinter Schwinka. Nicht, dass er so etwas nicht gewohnt ist - aber heute? Heute hat es nicht gepasst, denn als Neuer vor dem eigentlichen Dienstantritt im Bergener Hauptrevier mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert zu werden, ist kein guter Start.

Karsten Schwinka lässt den Wagen an. Der Motor surrt leise. Draußen auf dem Parkplatz vor der Gaststätte Zum Störti ist wegen der dramatischen Ereignisse bei den Störtebeker Festspielen immer noch reger Betrieb. Es ist zwar schon kurz nach 2 Uhr, zur Ruhe wird hier vermutlich aber bis in die Morgenstunden niemand kommen. ›Kann mich nicht jucken‹, denkt der Kriminaloberkommissar und lenkt seinen Jaguar XJ 3.0 an den herumstehenden Gruppen vorbei, in denen heftig diskutiert wird. Die Wenigsten wollen wahrhaben, was hier vor ein paar Stunden während der Vorstellung auf der Ralswieker Naturbühne passierte: Jan Möhricke, Darsteller des Herzogs Hinrich, war zusammengebrochen und unter den Augen von 5000 Zuschauern gestorben. Und für Schwinka gibt es keinen Zweifel: Den hat jemand umgelegt.

Lehrjahre

Karsten Schwinka ist heimgekehrt. Auf der Insel wurde er geboren, ging hier zur Schule und machte sein Abitur. Genügend Zeit also, um sich jenes dicke Fell zuzulegen, für das die Rüganer bekannt sind. Wie viel davon Klischee ist, weiß er bis heute nicht zu sagen. Es zu bedienen, hat aber immer einen Heidenspaß gemacht - und manchmal auch positive Nebeneffekte mit sich gebracht. Schon auf der Polizeihochschule in Münster sind ihm dadurch nervige Mitanwärter vom Hals geblieben - und die Kolleginnen dort haben diese Verschlossenheit meist ausgesprochen interessant gefunden. Irgendwie stehen angehende Polizistinnen darauf, Geheimnisse zu ergründen. Ob es nun eines gab oder nicht. Wie im «Tatort» halt. Wieder muss er lächeln bei dem Gedanken. Ausgerechnet jetzt, wo er über die Bundesstraße 96 zurück nach Bergen fährt, um von dort weiter nach Putbus zu gelangen, geht ihm seine Ausbildungszeit durch den Kopf. «Lehrjahre sind keine Herrenjahre» heißt es zwar, für Schwinka hat sich dieser Lebensabschnitt allerdings als eine einzige Sause gestaltet. Ein wenig kommt ihm dabei die Sehnsucht nach der Leichtigkeit von einst in den Sinn. Denn wenn er nur daran denkt, was ab morgen alles auf ihn wartet, meldet sich sein nervöser Magen. Das Wissen um die bevorstehenden Rituale des sich Beschnupperns in einer neuen Dienststelle bereitet ihm Unbehagen. Sicher - er ist einer der besten seines Fachs, weshalb er entspannt alles auf sich zukommen lassen könnte. Wer will ihm hier das Wasser reichen? Aber so läuft das auf Rügen nicht. Mit «Meine Jacht, mein Haus, mein Auto, meine Fälle» wäre er in den Augen der Kollegen schnell der Dödel vom Festland. Da spielt es nicht einmal eine Rolle, dass er hier aufgewachsen ist. Denn nach fast drei Dekaden Abwesenheit erinnert sich kaum jemand an ihn - und seine Eltern sind schon einige Jahre tot.

Lufthoheit

«Ich darf euch vorstellen: Kriminaloberkommissar Karsten Schwinka. Er übernimmt ab sofort, wie ihr wisst, die Leitung unserer Krimitruppe.» Silvio Uhlmann, der Chef des Bergener Hauptreviers, pflegt einen saloppen Ton mit seinen Untergebenen, die aufgereiht wie in einem Zeltkino auf alten Stapelstühlen sitzen. Eigentlich ist bereits alles im Vorfeld geklärt, sagt Uhlmann. Und deshalb habe er die Mannschaft auch nur für ein paar Minuten in den Versammlungsraum beordert. «Und der Kollege Schwinka hat gleich eine ganz harte Nuss zu knacken, denn gestern Abend ist bei Störtebeker einer der Schauspieler tot umgefallen.» Einer der Kripobeamten, der Schwinka unterstellt sein wird, grinst bei dieser Bemerkung. Schon bei der kurzen Vorstellung in seinem neuen Dienstzimmer war Schwinka dieser Typ unangenehm. Kantiges, fast eckiges Gesicht, vorgeschobenes Kinn, Augenbrauen, die sich in der Mitte beinahe berühren und der Mund ein Strich. Selbst jetzt, wenn er grinst, bleiben die Lippen annähernd parallel zueinander. ›Er lächelt mehr mit den Augen‹, denkt Schwinka, ›und die Mundwinkel zieht er dabei eher runter als hoch.‹

«Eben - tot umgefallen», ruft der Quaderkopf plötzlich und schaut Karsten Schwinka herausfordernd an. «So ist es», schneidet der neue Kripochef dem Revierleiter die Erwiderung ab, «und die Umstände untersuchen wir jetzt.»

«Schon mal mit der Rechtsmedizin telefoniert?», lässt der Schmallippige nicht locker. «War vielleicht ein Herzinfarkt, ein Zuckerschock oder Nierenversagen.»

«Darum kannst du dich sofort kümmern, Micha!», hakt Uhlmann wieder ein, obwohl ihm die Kriminalbeamten gar nicht unterstehen. Er erträgt es aber beileibe nicht, wenn er bei Revierversammlungen in Gesprächen die Lufthoheit verliert. «Wir setzen uns gleich zusammen und besprechen die weitere Vorgehensweise», sagt Schwinka und nickt Uhlmann dezent zu. Der ruft nur «An die Arbeit, Kollegen!» und drängelt sich an Schwinka vorbei, um als Erster den Raum zu verlassen. Das sind sie also. Mit diesen drei Männern soll er künftig Schurken jagen und dingfest machen.

Kriminalhauptmeister Danilo Schobel steht im Büro seines neuen Chefs an die Wand gelehnt und schaut dienstbeflissen unter seinem in die Stirn hängenden Scheitel hervor. Der große Mann, von dem Schwinka weiß, dass er aus Magdeburg stammt, wirkt umgänglich. Als er heute Morgen auf die insgesamt sechs Kollegen traf, war Schobel der einzige, der ihm entgegenkam, um ihm die Hand zu reichen. Sogar jenes andere Trio, das sich ausschließlich mit Alltagsvergehen befasst und bei Tötungen außen vor bleibt, zeigte sich zurückhaltend. Der zweite, Kriminalobermeister Steffen Dorvitz, ist locker zwei Köpfe kleiner als Schobel. Da er obendrein einen kleinen Buckel macht, schätzen ihn manche nicht einmal auf 1,65 Meter. Die ist er aber. Was die beiden allerdings weit mehr unterscheidet als die Größe, ist ihre Ausstrahlung. Da, wo Schobel gelassen und freundlich wirkt, hat Dorvitz etwas Unentspanntes, fast Nervöses. Mit dem scheinbar noch aus DDR-Beständen stammenden Drehsessel, in dem er sitzt, jackelt er unentwegt hin und her, was ein rhythmisches metallisches Quietschen erzeugt. Dorvitz scheint das aber nicht zu bemerken. Fahrig blickt er aus seinen kleinen, eng zusammenstehenden Augen mal auf den neuen Chef, mal an diesem vorbei aus dem Fenster und ab und zu auch an die Decke. Und dann Polizeikommissar Michael Neumann. Der Typ hätte durchaus die Leitung der Bergener Außenstelle übernehmen können. Der Dienstgrad stimmt, die Erfahrung auch. Er ist wie Schwinka ein Rüganer und kurzzeitig sogar als Nachfolger des erst kürzlich pensionierten Leiters gehandelt worden. Als sich jedoch Schwinka für die Stelle interessiert hatte, war Neumann schnell wieder aus dem Spiel. Eine unangenehme Situation.

Schwinka weiß darüber Bescheid. Aber der Heimkehrer hat in seiner Laufbahn schon Konflikte mit vermeintlichen Mitstreitern von ganz anderem Kaliber ausgetragen. Manchmal ist er dessen aber auch müde gewesen. Daran denkt er, während er in den Vernehmungsprotokollen der letzten Nacht blättert. Die anderen schauen ihn an. Und für den Bruchteil einer Sekunde durchfährt Schwinka diese Müdigkeit, als er sich vorstellt, was mit Neumann auf ihn noch alles zukommen könnte. Aber vielleicht ist es auch nur die Enttäuschung über den verpassten Chefposten, die sich bei dem anderen schon nach ein paar Tagen legen wird, wenn sie gemeinsam an einer Sache arbeiten werden.

«Na, Herr Kriminaloberkommissar, alle Unterlagen beisammen?» Michael Neumann macht den Anfang. Die Ironie in seiner Stimme ist unüberhörbar. Er sitzt breitbeinig und mit verschränkten Armen neben Dorvitz auf dem zweiten Bürostuhl vor Schwinkas Schreibtisch. Als der neue Mann den Blick hebt, rutscht Neumann mit seinem Hintern nur ein paar Zentimeter in Richtung Stuhllehne, als wollte er seine legere Haltung verbessern. Und es ist nur dieser kurze Augenblick, in dem der Polizist ob seiner Herausforderung Unsicherheit verrät. Karsten Schwinka bemerkt es. Er würde lächeln, legte ihm sein Gegenüber das nicht als Arroganz aus, und so denkt er nur, wie rührend er solche verräterischen Bewegungen findet.

Allerdings empfindet er keine Genugtuung, denn Unsicherheiten eines Kontrahenten bringen nicht automatisch Vorteile. Es sei denn, Schwinka versteht es, diese auszunutzen, geradezu zu instrumentalisieren. Und wenn er das tut, geht er vor wie bei seinen Ermittlungen.

Mit Freunden hat er oft darüber sinniert, warum die Menschen im Allgemeinen so missgünstig und intrigant sind. Das waren erbauliche Gespräche, die die Möglichkeit gaben, sich Ballast von der Seele zu reden. Meist zu Viert haben sie sich gleichzeitig in der Annahme gesonnt, besonders gut zu sein. Dass das nicht so einfach ist, weiß Schwinka. Keineswegs grundlos halten ihn viele, die mit ihm über einen längeren Zeitraum zu tun hatten, für schwierig. Er kann aber mit Fug und Recht von sich behaupten, noch nie eine zwischenmenschliche Fehde ausgefochten zu haben, zu der er nicht gezwungen wurde.

Jens-Uwe Berndt:
Die Toten von Ralswiek
Hinstorff Verlag, 368 S., kt., 12,99 €

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