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Der Patriotische Block

Jérôme Leroy inspiziert die kleinen Morde unter politischen Freunden

  • Lesedauer: 8 Min.

Berthet soll getötet werden. Das ist eine ziemlich schlechte Idee. Einmal, weil Berthet es gemerkt hat, dann, weil Berthet das nicht mitmachen wird, und schließlich, weil Berthet in diesen Dingen kein Anfänger ist. Mit der Zeit entlockt ihm das nur ein müdes Lächeln. Die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes begleitet ihn schon sehr lange, auch wenn er nicht so weit gehen würde zu behaupten, sie sei für ihn inzwischen etwas Alltägliches geworden, denn er weiß, dass man weder dem Tod noch der Sonne ins Auge schauen darf. Aber mit der Zeit wird eben alles relativ. Zumal Berthet inzwischen über sechzig ist. Damit hat er das offizielle Renteneintrittsalter überschritten. Er ist früh ins Berufsleben eingestiegen und seine Arbeit hat ihm unweigerlich ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft abverlangt. Insofern könnte man sagen, ein Mann in seinem Alter sollte aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit eigentlich gar nicht mehr arbeiten müssen. Dazu muss man jedoch wissen, dass Berthet nie in die Rentenkasse eingezahlt hat. Mehr noch, er hat während seiner gesamten beruflichen Laufbahn eigentlich nie ein richtiges Gehalt oder sonstige Bezüge erhalten. Er hat keine Lohnzettel, Gehaltsabrechnungen oder Scheckheftabschnitte, die ordentlich abgeheftet im Schrank verstauben, und die man nie wieder anschaut, außer wenn man alt wird oder eine Steuerprüfung droht.

Berthet fühlt sich nicht alt, und er ist nie mit dem Finanzamt in Berührung gekommen. Nur einmal, bei diesem Mitte der neunziger Jahre ertrunkenen Oberfinanzdirektor aus Südfrankreich, an dessen Tod Berthet einen gewissen Anteil hatte; der Mann war auf die unglückselige Idee verfallen, gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Partei bei den Wahlen zu kandidieren. Aber das zählt eigentlich nicht. Obwohl Berthet gerade in höchster Gefahr schwebt, fällt ihm jetzt diese alte Geschichte ein, eine unter vielen. Im Moment kommt alles wieder hoch, schon komisch. Vermutlich denkt er wegen der Hitze daran, die an diesem Abend in Lissabon herrscht. Sie erinnert ihn an einen anderen heißen Tag zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Tod durch Ertrinken in einem Pool also. Der Oberfinanzdirektor gehörte ursprünglich dem Bloc Patriotique an, jener rechtsradikalen Partei, die in dem Departement zu der Zeit sensationelle Wahlerfolge feierte. Dann kehrte er der Partei den Rücken, weil der alte Dorgelles, der Chef des Patriotischen Blocks, ihn nicht auf einen aussichtsreichen Listenplatz für die Europawahl setzen wollte, die wenige Monate später anstand. Der Oberfinanzdirektor war ein Abgeordneter aus Lancrezanne, der Block hatte das Rathaus dieser nicht gerade unbedeutenden Stadt erobert. Als der Abgeordnete erfuhr, dass Dorgelles ihn nicht für die Europawahl aufstellen wollte, wurde er von heute auf morgen zum Abweichler. Mit acht anderen Gemeinderäten und zwei Stellvertretern im Schlepptau bildete er eine neue Gruppe im Gemeinderat. Die regionale Presse kannte kein anderes Thema mehr, die nationale Presse wurde ebenfalls aufmerksam. Dorgelles wurde als willkürlicher Despot tituliert, was er ohne Frage war. Das machte sich in den Umfragen bemerkbar. Der Patriotische Block büßte kostbare Punkte ein, und die Unité kam zu dem Schluss, dass sich das in der momentanen Lage nicht gut machte. Man forderte Berthet also auf, diesen nörgelnden, faschistischen Spitzenbeamten zu eliminieren. Natürlich nicht aus Sorge um die Demokratie. Die Unité machte keine Politik - oder sie tat nichts anderes, je nachdem, wie man es betrachtete.

Berthet waren die Gründe der Unité damals vollkommen schnuppe. Heute ist das ein wenig anders, aber das ändert an dem grundsätzlichen Problem auch nicht viel. Man war auf dem üblichen Weg mit ihm in Kontakt getreten, hatte ihm ganz einfach einen postlagernden Brief auf den Namen Berthet in ein Postamt des 14. Arrondissements in der Rue Marie-Rose geschickt. In einem Umschlag aus Kraftpapier befanden sich sehr spärliche Instruktionen: Ein paar Angaben zur Biografie des Oberfinanzdirektors, ein Foto von ihm, ein vorläufiges Datum für die geplante Liquidierung, und ein Überweisungsschein für eine Zahlung auf eines von Berthets vielen Konten. In diesem Fall eine BNP-Zweigstelle in Noyon, wo er ein Konto auf den Namen Jacques Sternberg besaß. Berthet konnte sich nicht erinnern, der Unité dieses Konto genannt zu haben. Das ärgerte ihn. Schließlich hatte die Unité für ihn mehrere Konten unter seinen diversen Tarnnamen eröffnet. Daneben gab es die anderen Konten, die nur er allein kannte. Damit gab die Unité ihm indirekt zu verstehen, dass sie sein Konto auf den Namen Jacques Sternberg in Noyon entdeckt hatte. Berthet sagte sich, dass er irgendwo anders ein neues Konto eröffnen müsse, unter einem anderen Namen, um das Gleichgewicht zwischen den Konten, die die Unité kannte, und denen, die sie nicht kannte, wieder herzustellen. Dieses Spielchen ging nun schon ein paar Jahre. Die Unité wusste, dass ihre Mitarbeiter sich fast alle persönlich absicherten. Denn sollte man sie aus irgendwelchen Gründen mal fallenlassen, mussten sie untertauchen können, auch wenn es sehr kompliziert war unterzutauchen, wenn man der Unité angehörte.

Berthet hatte, offen gestanden, gar nicht die Absicht zu verschwinden, aber man wusste ja nie. Schließlich waren bereits so einige Leute plötzlich in Ungnade gefallen, hatte man mit so einigen Leuten kurzen Prozess gemacht. Manchmal ahnte man, warum es jemanden traf, manchmal aber auch nicht. Tatsächlich hatte es Methode, dass ständig dieses Damoklesschwert über allen schwebte, so sah moderne Personalführung aus. Wer weiß, vielleicht hatte die Unité dieses Terrormanagement überhaupt erst eingeführt, das heute in Betrieben der öffentlichen Hand gang und gäbe ist, seit diese mit der Privatwirtschaft konkurrieren müssen. Die endgültige Entscheidung bezüglich des Oberfinanzdirektors ließ man ihm ebenfalls auf dem üblichen Weg zukommen, das heißt durch eine Botschaft in einem Internetforum für Videospiele.

Berthet schritt also zur Tat. Er checkte in einem dieser günstigen Hotels an der Autobahn in der Nähe von Lancrezanne ein, wo man alles über Computerterminals abwickelte. Er zahlte mit der Kreditkarte auf den Namen Jacques Sternberg. Da die Unité das Konto in Noyon nun kannte, konnte er sich jegliche Tricksereien sparen. Es war Sommer. Es war sehr heiß in Lancrezanne. Berthet versuchte erst gar nicht, die defekte Klimaanlage wieder in Gang zu bringen, und riss das Fenster auf. Draußen in der Dunkelheit zeichneten sich die Umrisse des oberhalb der Stadt liegenden Mont-Lancre ab. Da irgendwo lag das Haus des Oberfinanzdirektors, eine dieser schönen Patriziervillen, die in der dichten Vegetation am Hang fast verschwanden. Berthet hatte ein feines Gehör, die Wände waren dünn, aber irgendwie gelang es ihm zu schlafen, trotz der vögelnden Paare, die gerade ihre Ehepartner betrogen, und der Handelsvertreter, die wie kleine Kinder von Albträumen geplagt wurden, weil sie ihre Zielvorgaben nicht einhalten konnten, und der Lastwagen, die kurz vorm Autobahnkreuz abrupt abbremsten.

Berthet brauchte drei Tage, um alles auszukundschaften, dann hatte er den idealen Zeitpunkt für die Liquidierung des Oberfinanzdirektors ausgemacht. Der verließ sein Büro immer gegen fünfzehn Uhr, kam nach Hause, nahm ein Bad im Pool, fuhr dann wieder in die Stadt und schaute bei der Gelegenheit im Rathaus vorbei. Der Beamte planschte also eine knappe Stunde lang ganz allein in seinem Pool herum. Berthet hatte herausgefunden, dass die Frau des Oberfinanzdirektors in dieser Zeit wahlweise auf der Couch ihres Psychoanalytikers lag, an einem Töpferworkshop teilnahm oder aber mit einem sozialistischen Anwalt schlief. Das einzige Kind des Paares, eine Tochter, besuchte derzeit in Aix-en-Provence die Vorbereitungsklasse für eine Elite-Uni. Was die Leute eben so machten.

Neben den üblichen Gefahrenquellen wie Nachbarn, der überraschende Besuch des Gasmanns oder die unerwartet frühe Rückkehr der durchanalysierten, ehebrechenden Hobby-Töpferin, musste Berthet bei dieser Mission, die die internen Angelegenheiten des Patriotischen Blocks betraf, auch noch vor dem Sicherheitsdienst der Partei auf der Hut sein, insbesondere vor der Delta-Gruppe, die von einem gewissen Stanko geleitet wurde. Der ehemalige Skinhead und frühere Fallschirmjäger war ein zu Tobsuchtsanfällen neigender Zwerg und halber Homo, gefährlich wie ein unbekanntes Virus. Berthet hatte schon mal mit der Delta-Gruppe und Stanko zu tun gehabt. Wenn die sich in eine Sache einmischten, dann gab es immer Probleme, die meistens nur durch den Einsatz extremer, manchmal irrationaler Gewalt gelöst werden konnten, was leider zur Folge hatte, dass man die Aufmerksamkeit von viel zu vielen Menschen auf sich zog. Wenn aber nun die Unité die Beseitigung des Oberfinanzdirektors anordnete, dann bedeutete das, Dorgelles hatte, aus welchen Gründen auch immer, selbst nicht den Entschluss gefasst, den Rebell zu beseitigen. Denn sonst hätte die Unité das logischerweise Stanko und seine Schergen erledigen lassen, beziehungsweise es ihnen nahegelegt.

Berthet stieg zu Fuß zu der Villa des Beamten hoch, über verschlungene Straßen und Wege, die sich zwischen Bougainvillea, Clematis, Lavendel und Korkeichen den Mont- Lancre hinaufschlängelten. Es duftete gut nach Mittelmeer und nach Harz. Die Zikaden machten einen Höllenlärm, schlimmer als jede Autobahn. Als Berthet die Villa erreichte, tat er das Übliche. Er vermied, ins Visier der Überwachungskamera zu geraten, achtete beim Überklettern der Mauer darauf, nicht in die dort eingelassenen Scherben zu greifen und schlug den alten Flandrischen Treibhund nieder, der wegen der Hitze hechelte und knurrend auf ihn zukam. Der Hund würde später wieder zu sich kommen. Das Tier durfte auf keinen Fall getötet werden, denn das wäre ein ziemlich eindeutiges Indiz für Fremdeinwirkung gewesen …

Jérôme Leroy:
Der Schutzengel
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus, 352 Seiten, kt., 20,00 €

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